Worpsweder Verein verdreifacht seit 2015 seine Mitgliederzahl und zählt nun 98 Förderer

Künstlerhäuser auf Expansionskurs

Worpswede. „Thomas Haiss kann andere überzeugen, dass die Künstlerhäuser wichtig sind für Worpswede“, schwärmt Susanne Weichberger von ihrem Stellvertreter. Im September 2015 hatte sie den Vorsitz des Vereins übernommen.
20.02.2017, 00:00
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Künstlerhäuser auf Expansionskurs
Von Undine Zeidler

Worpswede. „Thomas Haiss kann andere überzeugen, dass die Künstlerhäuser wichtig sind für Worpswede“, schwärmt Susanne Weichberger von ihrem Stellvertreter. Im September 2015 hatte sie den Vorsitz des Vereins übernommen. Dank Haissens emsigen Werbens im Ort ist seitdem die Mitgliederzahl von 32 auf 98 gestiegen, und auch der Vorstand erfuhr jüngst eine Erweiterung. Neu dabei sind der Direktor des Gerhard-Marcks-Hauses, Arie Hartog, und der Professor für Digitale Medien, Matthias Krohn. Der gewachsene Vorstand will sich noch professioneller aufstellen und durch den Verein Impulse in den Ort tragen, getreu der 45-jährigen Geschichte der Martin-Kausche-Ateliers, über die Susanne Weichberger sagt: „Die Künstlerhäuser haben den Ort immer frisch und lebendig gehalten.“

Für mehr Professionaltität hat der Verein nicht nur seinen Vorstand erweitert, so Susanne Weichberger und ihre Kollegen. Auch in dessen Beirat sind Kulturprofis aktiv, wie der Sozialwissenschaftler Narciss Göbbel, die Worpsweder Kulturbeauftragte Klaudia Krohn sowie der Rechtsanwalt Günter Kieber, Angelika Sinn vom Literaturkontor Bremen und der Rechtsanwalt Hans Ganten.

1971 hatte der Grafiker und Buchgestalter Martin Kausche den Verein „Atelierhaus Worpswede“ gegründet. In den fünf Atelierwohnungen des Vereins Vor den Pferdeweiden sollten Künstler ungestört für eine bestimmte Zeit arbeiten können. So ist es bis heute geblieben. Stipendiaten aus den Bereichen bildende Kunst, Literatur und Musik leben und arbeiten temporär im Ort. „Das ist kulturwirtschaftlich wichtig und für die Dorfentwicklung“, sagt Matthias Krohn. Gemeinsam mit seinen Vorstandskollegen will er durch den Verein die zeitgenössische und junge Kunstproduktion in Worpswede verankern. Und: „Uns ist wichtig, uns im Ort einzubinden und zu zeigen, dass es kein elitärer Kunstzirkel ist.“ Darum schielt der künstlerische Leiter Tim Voss auch auf die Mitgliederzahl und sagt fröhlich: „Die 100 wäre schon toll.“

Dass es möglich ist, junge Kunst in Worpswede anzusiedeln, habe das Fotofestival Raw gezeigt, betont Vereinsvorsitzende Weichberger. Nach gut einem Jahr Findungsphase will der Verein jetzt auch zeigen, da bewegt sich was. Dafür holte er sich in Vorstand und Beirat die zusätzliche Fachkompetenz, verteilte „mehr Verantwortung auf mehr Schultern“ und wirbt in Worpswede für die junge zeitgenössische Kunst. Auf der Internetseite schreibt er dazu: „Im Gegenzug erinnerten die Stipendien das Dorf daran, dass es keineswegs ein Freiluftmuseum ist, sondern ein Ort mit einem historisch geprägten überdurchschnittlich hohen Interesse an Kunst und Kultur.“

Als im Jahr 2009 das Land trotz vieler Proteste die Förderung internationaler Stipendien in Worpswede strich, musste sich der Verein neu aufstellen. Seit 2010 werden in den Ateliers nur noch regional ausgeschriebene Niedersachsen-Stipendien angeboten. Dass das internationale Flair trotzdem noch durch das stipendiatische Worpswede weht, dafür sorgt Tim Voss. Er bezeichnet die junge aktuelle Kunst und den internationalen Akademieaustausch als seine Kompetenz und betont: „Es ist wichtig, gerade die Jüngsten nach Worpswede zu bringen und ihnen zu zeigen, dass es Anknüpfungspunkte gibt.“ Schließlich waren es vor rund 150 Jahren auch junge Maler von der Kunstakademie Düsseldorf, die Worpswede als Künstlerkolonie begründeten.

Allerdings braucht es für den Weg in diese Zukunft noch Veränderungen. Die Atelierhäuser aus den 70er-Jahren seien auf Einzelförderung ausgelegt. Und die Stipendiaten blieben länger. Dies erweise sich für die jetzt häufigere, kurzzeitigere Gruppenförderung als nicht funktional, sagt Hans-Günter Pawelcik. Die Bettenzahl reiche beispielsweise nicht aus.

„Wir haben uns um Förderer bemüht“, sagt Susanne Weichberger über die Zukunft der Ateliers und deren Innenleben. Die Middeldorf-Stiftung aus Worpswede unterstütze den Verein, und derzeit bereitet sich Tim Voss auf ein Treffen mit Politikern in Hannover vor. Das Förderprogramm „Neue Landschaften“ des Ministerium für Wissenschaft und Kultur aus dem Jahr 2011 war auf fünf Jahre begrenzt. Voss und seine Mitstreiter hoffen auf Verlängerung.

Jung sind die Studenten allemal, die jetzt zum Akademieaustausch nach Worpswede kommen. Zwischen 18 und Mitte 20 sind sie und reisen aus Kopenhagen an und aus Rotterdam, aus Wien oder auch aus Ottersberg, erzählt Susanne Weichberger; sie und ihre Vorstandskollegen hoffen, vielleicht kehre der eine oder andere später einmal nach Worpswede zurück. Warum dies wichtig ist, begründet sie so: „Das Dorf wird nur weiter leben, wenn die junge Kunst sich wieder ansiedelt.“

Warum auch er diese Tür offen halten will, begründet Matthias Krohn damit, dass viele Worpsweder ebenfalls Zugezogene seien. Und für den Ort stehe außer Frage: „Worpswede lebt von der Kulturwirtschaft.“ Auf den Maler und Bildhauer Bernhard Hoetger verweisend, sagt er, die Menschen ziehe es nun mal „zum Kaffee trinken und Kunst kaufen“ in den Ort. Dass die Stipendiaten ihrerseits durchaus einiges aus Worpswede mitnähmen, beweist für Tim Voss die Schriftstellerin Betty Kolodzy. Ihr Literatur-Stipendium in den Künstlerhäusern inspirierte sie zu einem Worpswede-Buch; demnächst werde sie aus „Im Sommer kommen die Fliegen“ auch in Worpswede lesen. Info unter www.kuenstlerhaeuser-worpswede.de.

„Das Dorf wird nur weiter leben, wenn junge Kunst sich wieder ansiedelt.“ Vorsitzende Susanne Weichberger
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