Zeitzeuge bietet den Oberschülern des neunten Jahrgangs mit seinem Vortrag Geschichte aus erster Hands

Kurz vor der Wende aus der DDR geflohen

„Bei uns herrschte Mangelwirtschaft. Die Hälfte der Regale war leer.
09.07.2015, 00:00
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Von Monika Fricke
Kurz vor der Wende aus der DDR geflohen

Vor den Schülern des neunten Jahrgangs an der Oberschule berichtete Jörg Stiehler (stehend) jetzt im Medienhaus, wie er im Jahre 1989 mit seiner Mutter aus der DDR in den Westen geflohen. FMO·

Monika Fricke

Wie kam es 1990 zur Deutschen Einheit und zur Wiedervereinigung von Bundesrepublik Deutschland (BRD) und Deutscher Demokratischer Republik (DDR)? Im Geschichtsunterricht beschäftigten sich jetzt die neunten Klassen der Oberschule „Lernhaus im Campus“ mit diesem Thema. Das Kreisarchiv im Medienhaus veranstaltete dazu einen Workshop in Zusammenarbeit mit dem Verein „Deutschen Gesellschaft“. Das Motto lautete „Der Weg zu Freiheit und Einheit – Vom geteilten Deutschland zur Wiedervereinigung“. Im Seminarraum des Medienhauses warteten die 15- und 16-jährigen Schüler gespannt auf den Bericht des Zeitzeugen Jörg Stiehler aus Dresden, der ihnen von seinen Erlebnissen in der DDR erzählen wollte. Als 16-Jähriger war er 1989 mit seiner Mutter aus der DDR geflohen.

Bevor der Zeitzeuge eintraf, informierte der Referent für Politik und Gesellschaft, Niels Dehmel, von der Deutschen Gesellschaft und der Friede-Springer-Stiftung über den vorausgegangenen politischen Weg zur Freiheit und Einheit, vom geteilten Deutschland zur Wiedervereinigung. Die Oberschüler erfuhren, dass die friedliche Revolution und Deutsche Einheit nicht zustande gekommen wäre, wenn sich nicht die Menschen gegen den SED-Staat gestellt hätten, um sich für Demokratie, Menschenrechte und die Einheit einzusetzen.

Zeitzeuge Jörg Stiehler besuchte im Wendejahr 1989 die neunte Klasse einer Dresdener Schule. „Ich möchte Euch von meinem Gefühl berichteten, was ich in der DDR erlebt habe.“ Stiehler gab den Jugendlichen Einblicke in sein Leben als Kind und Jugendlicher in der DDR. „Vieles hörte sich anfangs gut an“, so der Zeitzeuge. Die Menschen seinen in den Nachkriegsjahren arm gewesen, nun erhielten alle Arbeit und Eigentum wurde aufgeteilt. „In der Schule wurde mir schnell klar, dass es im Westen schneller bergauf ging als bei uns“. Erste Proteste habe es bereits in den 50er Jahren gegeben, so der Zeitzeuge.

„Bei uns herrschte Mangelwirtschaft. Die Hälfte der Regale war leer; es gab keine modische Kleidung, keine Jeans, nur völlig uncoole. Musik aus dem Westen zu hören, war erst gar nicht möglich.“ Ausreichend Brot und Bier sei indes immer vorhanden gewesen. Statt Limonade habe es süßen Fruchtsirup gegeben, der mit Wasser vermischt wurde. Alte DDR-Filme der 70er- oder 80er-Jahre lösten eine bedrückende Stimmung in ihm aus, gestand Stiehler; „Alles ist grau vom Staub der Kohleheizungen, keine Leuchtreklame.“ In ihrer Altbauwohnung habe es von der Decke getropft. „Irgendwann hatten wir Glück und zogen in einen Plattenbau mit Fernheizung und Warmwasser.“

Nur wenige Haushalte hätten einen Telefonanschluss gehabt; wer jedoch Telefon besaß, habe mit der Staatssicherheit (Stasi) zusammengearbeitet. „Die Stasi überwachte alle Menschen, die gegen den Staat waren“, erfuhren die Schüler. Nachbarn bespitzelten sich gegenseitig, sogar innerhalb der Familie. „Die Folgen waren unvorstellbar“, so Jörg Stiehler. Das Leben als Jugendlicher sei schwierig gewesen: „Es gab wenig Diskotheken, nur Jugendzentren; dort konnte der Staat Einfluss auf die Jugend nehmen.“ Stiehler erinnerte sich an seinen Kassettenrekorder, mit dem er Westmusik aufgenommen habe. Ab 1988 wurde der Fernsehsender RTL ausgestrahlt. „Da sahen wir erste Bilder von besetzten Botschaften mit Menschen, die ihre Lebensbedingungen verbessern wollten.“ Die Jugendbewegung entwickelte sich allmählich, sie wurde für den Staat eine Bedrohung, erfuhren die Neuntklässler.

In der Schule sei es ziemlich militärisch zu gegangen: „Auf dem Schulhof wurde Marschieren geübt und es gab Tipps zum Bau einer primitiven Gasmaske.“ Ab der siebten Klasse lernten die Schüler den Umgang mit dem Gewehr. Einsätze in Partnerbetrieben der Schule folgten in der achten Klasse: Stiehler und seine Mitschüler wurden in die Produktion der Erika-Schreibmaschinen eingebunden. Er sei auch zur FDJ (Freie Deutsche Jugend) gegangen. „Ich wollte mit 18 einen Ausreiseantrag stellen.“ Sein blaues FDJ-Hemd hatte er mitgebracht, um es den Schülern zu zeigen.

Nach dem Abschluss in der zehnten Schulklasse begann der junge DDR-Bürger eine Tischlerlehre. Die Lehrzeit startete in einem vormilitärischen Lager: „Wir haben da mit einer echten Kalaschnikow geschlossen.“ In der Lehrzeit rückte die Wende näher. „Meine Mutter und ich beschlossen, über die Grüne Grenze zu fliehen.“ Besonders schlimm empfand der damals 16-Jährige, dass sie sich nicht von Freunden und Verwandten verabschieden konnten und nur mit einem kleinen Koffer ausreisten.

Von Dresden ging die Reise per Reichsbahn über Budapest, Österreich nach Westdeutschland. Ziel war ein Onkel in Fallingbostel. „Wir hatten immer wieder Angst im Zug. Wir dachten, die holen uns da raus“, so Jörg Stiehler. Doch zum Glück sei nichts passiert. Nach 35 Stunden Zug- und Taxifahrt waren sie da. Die Begegnung mit einem westdeutschen Grenzsoldaten beeindruckte den jungen Dresdener besonders: „Er hatte mich mit einem freundlichen ‚Hallo‘ begrüßt! So etwas hätte ich in der DDR nie erlebt.“ Stiehler beendete seine Tischlerlehre im Westen; 1993 kehrte er nach Dresden zurück, „Hier gab es einen riesigen Umbruch.“

Die Schüler sollten im Workshop Einblicke in die Wiedervereinigung erhalten, erklärte Geschichtslehrer Thomas Bartling. Sie diskutierten mit dem Zeitzeugen, und nach dessen Vortrag meinte der Neuntklässler Marvin Fazone: „Ich habe hier so viel erfahren, wie im Unterricht nicht möglich gewesen wäre.“ Seine Mitschülerin Judith Morning fügte hinzu: „Die Deutsche Einheit und der Mauerfall werden uns ein Leben lang begleiten“.

Im Foyer des Medienhauses ist noch bis zu den Ferien die Ausstellung „Der Weg zur Deutschen Einheit“ zu sehen. Lehrer können dazu Arbeitsblätter im Kreisarchiv bei Gabriele Jannowitz-Heumann, Telefon 0 47 91 / 93 01 05, anfordern.

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