Landesgesundheitsamt: Stärkste Influenza-Welle seit Jahren

Landkreis Osterholz. Triefende Nasen, Kopf- und Gliederschmerzen, Husten, Fieber, Abgeschlagenheit – die Arztpraxen im Landkreis Osterholz sind voll mit Patienten, die unter diesen Symptomen leiden. "In diesem Jahr sind es deutlich mehr als in den Vorjahren", berichtet der Kreisvorsitzende des Ärztevereins und der Kassenärztlichen Vereinigung Detlef Risch. Im vergangenen Quartal habe er in zehn Wochen so viele Patienten behandelt wie im gleichen Quartal 2012 in zwölf Wochen. Hätte er nicht Osterferien genommen, hätte er eine Fallzahlsteigerung von 15 bis 20 Prozent gehabt, sagt der Allgemeinmediziner.
05.04.2013, 05:00
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Landesgesundheitsamt: Stärkste Influenza-Welle seit Jahren
Von Brigitte Lange

Landkreis Osterholz. Triefende Nasen, Kopf- und Gliederschmerzen, Husten, Fieber, Abgeschlagenheit – die Arztpraxen im Landkreis Osterholz sind voll mit Patienten, die unter diesen Symptomen leiden. "In diesem Jahr sind es deutlich mehr als in den Vorjahren", berichtet der Kreisvorsitzende des Ärztevereins und der Kassenärztlichen Vereinigung Detlef Risch. Im vergangenen Quartal habe er in zehn Wochen so viele Patienten behandelt wie im gleichen Quartal 2012 in zwölf Wochen. Hätte er nicht Osterferien genommen, hätte er eine Fallzahlsteigerung von 15 bis 20 Prozent gehabt, sagt der Allgemeinmediziner.

Entsprechend berichtet Detlef Haffke, Pressesprecher bei der Kassenärztliche Vereinigung Niedersachsen (KVN): "Die Ärzte fordern Nachverhandlungen mit den gesetzlichen Krankenkassen." Sie mussten – wegen der Fallpauschale – bedeutend mehr Patienten für das gleiche Geld behandeln. Den nötigen Verhandlungsansatz bietet der KVN hier die sogenannte Morbidität: die Entwicklung von Krankheiten in der Gesellschaft. Verändere sie sich stark, wie anscheinend bei der diesjährigen Infekt-Welle, sei die Möglichkeit zu Nachverhandlungen mit den Kassen eingeräumt worden. "In zwei bis drei Wochen werden wir die Zahlen vorliegen haben", sagt Haffke. Dann werde die KVN über diesen Schritt, diesen "Kriegsnebenschauplatz" wie er es nennt, entscheiden. "Die Forderung der Kassenärzte ist nur berechtigt", findet Detlef Risch.

"Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass diese Welle von Atemwegsinfektionen viel stärker ist, als die der vergangenen vier Jahre", bestätigt Masyar Monazahian vom Niedersächsischen Landesgesundheitsamt in Hannover, Fachbereich Virologie, den Eindruck des Hüttenbuscher Arztes. Das Robert-Koch-Institut spreche gar von der schwersten Influenza-Zeit seit acht Jahren, verweist er auf Ergebnisse des Bundesinstitutes.

Anfang März hatte die Welle ihren Höhepunkt in Niedersachsen erreicht. In den Kindergärten litten fast 20 Prozent der Kinder an Infektionskrankheiten der oberen Atemwege und waren krank gemeldet. Im Vergleich: 2012 blieben zur gleichen Zeit knapp zwölf Prozent der Kinder krank daheim. Und die Kinder seien immer die ersten, die es erwische, dann treffe es die Erwachsenen, erklärt das Landesgesundheitsamt die Bedeutung der Datenerhebung. Gleichzeitig schicken so genannte Referenz-Praxen Rachenabstriche von Grippe-Verdachtsfällen nach Hannover. Die Ergebnisse dieser Untersuchungen sprechen eine ähnlich deutliche Sprache: Vor einem Jahr lag die Zahl der Fälle, bei denen ein echter Grippe-Virus nachgewiesen werden konnte, zwischen zehn und 20 Prozent. Dieses Jahr stieg sie bis auf 50 Prozent, um sich seit Mitte Februar kurz über der 40-Prozent-Marke einzupendeln.

Inzwischen seien die Zahlen in Niedersachsen rückläufig, berichtet Monazahian. Aber noch sei die Grippe-Welle nicht ganz ausgestanden. Aus dem Landkreis Osterholz liegen ihm gleichbleibend hohe Werte vor. Eine Aussage, die der Leiter des Gesundheitsamtes Osterholz, Mustafa Yilmaz, bestätigt. Und auch für Detlef Risch ist die Influenza-Saison noch nicht vorrüber. Er habe Ostern Dienst gehabt: "Und ich hatte mit ungewöhnlich vielen Menschen mit Infekterkrankungen zu tun." Auch nach den Feiertagen sei seine Praxis weiterhin extrem voll.

"In diesem Jahr sind die Infektionskrankheiten der Atemwege erstaunlich hartnäckig", erklärt Detlef Haffke (KVN). Und auch die aufgetretenen Nebenwirkungen wie Nebenhöhlenentzündungen hätte man in diesem Maß länger nicht beobachtet. Monazahian berichtet, dass viele verschiedene Erreger zur gleichen Zeit aufgetreten seien, sich sozusagen vermengt hätten. Das sei das Besondere. Bislang war es so, dass ein Krankheitserreger vom nächsten abgelöst wurde. Nicht in diesem Winter. Auf den Impfstoff angesprochen, bemerkt der Experte des Landesgesundheitsamtes in Hannover, dass dessen Zusammensetzung dieses Jahr eigentlich genau auf die gefundenen Viren der Grippe-Varianten A und B passe. Warum trotzdem so viele Menschen krank geworden seien, könne er zurzeit nicht sagen. Dazu müsse er die endgültigen Zahlen und Daten kennen.

Detlef Risch zweifelt nicht an der Effektivität des Serums: "Es gab nur zu wenig davon", kritisiert er die gesetzlichen Krankenkassen. Die, so berichtet er, hätten aus Spargründen erstmals den Auftrag für den Impfstoff zentral vergeben. Allerdings hätten sie damit auch den Konkurrenzdruck aus der Produktion rausgenommen. Ergebnis: "Ende September gab es keinen Impfstoff mehr", so Risch. Erst sechs Wochen später habe er wieder Patienten gegen die Grippe impfen können. Dadurch habe er letztlich gut 100 Menschen weniger mit dem Schutz versorgt. Alles potenzielle Multiplikatoren. "Und dasselbe Verfahren streben die Kassen nun erneut an", kritisiert Risch.

Trotzdem: Eine gute Nachricht hat Monazahian. "Wir stellen fest, dass die stärkere Grippe-A-Variante immer mehr von der schwächeren Variante B abgelöst wird." Das sei ein Zeichen dafür, dass die Grippe-Welle ganz langsam abklinge.

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