Kaum Veranstaltungen im Jahr 2020 Kunsthandwerk ohne Märkte

Coronabedingt wurden 2020 die meisten Kunsthandwerkermärkte gestrichen, für die Kreativen bedeutet dies drastische Umsatzeinbußen und neue Wege zur Vermarktung ihrer Produkte.
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Von Undine Mader

Landkreis Osterholz. Ob im Sommerurlaub oder in der Vorweihnachtszeit – Kunsthandwerkermärkte laden zum Flanieren, Schauen und Kaufen ein. Mit schönen Stücken, von Hand gefertigt, mag man sich selber oder seine Lieben erfreuen. Das Jahr 2020 bot dazu allerdings wenig Möglichkeiten. Viele Märkte wurden coronabedingt gestrichen. Auch die Grasberger Veranstalterin Maria Meyer sagte in Frühjahr und Herbst ihre beiden Kunsthandwerkermärkte im Lilienthaler Kulturzentrum Murkens Hof ab. Doch nicht wenige der Kunsthandwerkerinnen und Kunsthandwerker leben von diesen Veranstaltungen. Sie setzten alternativ auf Online-Shops oder Kundenbesuche in ihren Werkstätten.

In Zahlen lässt sich die aktuelle Lage des Kunsthandwerks schwer fassen. Aus der Frankfurter Geschäftsstelle des rund 700 Mitglieder zählenden Bundesverbands Kunsthandwerk heißt es, dass Kunsthandwerkerinnen und Kunsthandwerker in ganz Deutschland „schwer von der Corona-Pandemie getroffen wurden“. Es wird auf ausgefallene Ausstellungen, Messen und Märkte verwiesen. Das meiste müsse ganz anders als geplant ablaufen. Mit den Einschränkungen des „Lockdown light“ hätten die Ateliers und Werkstätten ihre Türen noch öffnen dürfen.

Von 28 gebuchten Märkten des Jahres 2020 sind für die Worpsweder Keramikerin Ingrid Ripke-Bolinius zwei übrig geblieben. Die Informationen dazu seien nur eine Woche zuvor gekommen. „Das war es“, sagt die Kunsthandwerkerin. Sie besuche mit ihren Arbeiten überwiegend Keramikmärkte im Sommer und einige Kunsthandwerkermärkte im Winter, wovon ihre Existenz abhänge. Die monatlichen Kosten für Krankenversicherung, Strom, Miete und Versicherungen laufen trotz Pandemie weiter, sagt sie, und nur im April habe sie 3000 Euro Staatshilfe bekommen.

Ingrid Ripke-Bolinius tat das, was viele andere Kolleginnen und Kollegen im Kunsthandwerk auch taten: „Wir haben versucht, selbst was auf die Beine zu stellen.“ Sie lieh sich Geld, sie organisierte mit einer Kollegin einmal bei sich und einmal in deren Haus eine kleine Wochenendausstellung. Einige Stammkunden bestellten bei ihr, und sie hat einen Online-Shop auf ihrer Internetseite eingerichtet. „Der ist natürlich noch nicht so publik“, sagt die Keramikerin. Bislang habe er nur Kosten verursacht. Sie ist froh, dass inzwischen Museumsshops wieder geöffnet worden sind, etwa in der Worpsweder Kunsthalle seien Arbeiten von ihr zu haben gewesen. Unterkriegen lässt sich die Worpswederin nicht: „Man muss positiv denken“, sagt Ripke-Bolinius und geht hoffnungsvoll ins nächste Jahr. Ihr Tipp für das Kunsthandwerk, um durch die Krise zu kommen: „Sich untereinander vernetzen, sich gegenseitig einladen und motivieren.“

„Wir schlagen uns so durch“, fasst Christel Schäfer-Pieper das Jahr 2020 für sich zusammen. Vereinzelt kämen Leute in ihre Worpsweder Keramikwerkstatt, und im Sommer der Stand auf dem Worpsweder Wochenmarkt „war sehr hilfreich“. Zudem habe sie an einigen Märkten unter Hygienebedingungen teilnehmen können und ihren Online-Shop ausgebaut. Trotzdem heißt auch ihre Realität: Von 20 für 2020 geplanten Märkten blieben vier übrig. Gerade als die Keramikmarktsaison im April hätte starten sollen, wurde alles runtergefahren. Die Monate davor von Januar bis März nennt Schäfer-Pieper eine „saure Zeit“, in der für die Saison vorgearbeitet werde. Die aber ging nicht los, und nun steht die nächste saure Zeit schon wieder vor der Tür. Für das kommende Jahr hofft sie wieder auf mehr Keramikmärkte mit Hygienekonzept. Anders sieht es bei der Worpsweder Weberin Susanne Seufzer aus: „Ich bin von der Pandemie nicht wirklich betroffen“, sagt sie. Lediglich am – in diesem Jahr auch ausgefallenen – Kunsthandwerkermarkt in Worpswede nimmt sie teil. Ihre Webstühle stehen im Haus im Schluh, und dort im Museum verkauft sie ihre Arbeiten. In diesem Jahr auch an jüngere Besucher, die pandemiebedingt statt ins Ausland zu reisen nach Worpswede gekommen seien. Für Susanne Seufzer ist 2020 daher „ein relativ gutes Jahr“, wobei sie mit Blick auf das Kunsthandwerk im Allgemeinen einschränkt: „Ich bin da, glaube ich, wirklich eine Ausnahme.“

„Kalt erwischt“ hat die Pandemie dagegen Maria Meyer. Zweimal im Jahr präsentiert die Grasberger Seidenmalerin 30 Kunsthandwerkerinnen und Kunsthandwerker in Murkens Hof. Für den 15. März war die Osterausstellung geplant, die Flyer waren gedruckt, die Briefe verschickt, zig Telefonate geführt. Aber das Risiko wurde ihr zu groß, so Meyer. Drei Tage vor der Ausstellung sagte sie ab. Es wäre ihre 20. Veranstaltung gewesen, und sie bedauert noch jetzt: „Das sollte was Besonderes sein.“ „Einige Aussteller waren ungehalten und empört“, erinnert sie sich an die Reaktion ihrer Teilnehmer, die teils nahezu Tag und Nacht auf solch einen Markt hinarbeiten. Im Vorfeld der für Oktober geplanten Herbstausstellung zeigte sich frühzeitig, dass auch diese nicht machbar sei. „Dann habe ich sofort gecancelt“, sagt Meyer und blickt auch verhalten ins nächste Jahr: „Ich glaube kaum, dass ich eine Osterausstellung riskieren kann.“

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