Bahnlinie Osterholz-Stade "Strecke war nie stillgelegt"

Der Landkreis Osterholz sieht keine rechtlichen Hürden, wieder mehr Personen- und Güterzüge auf der Moorexpress-Strecke fahren zu lassen; es fehle nur der Markt dafür. Die Bürgerfraktion zeigt sich beunruhigt.
16.07.2021, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Bernhard Komesker

Landkreis Osterholz. Die Reaktivierung der Moorexpress-Strecke für den Personennahverkehr zwischen Stade und Osterholz-Scharmbeck ist kommunalpolitisch gewünscht und sie könnte mit einer eigenen Machbarkeitsstudie demnächst auch neuen Schub erhalten (wir berichteten). Wie aber steht es um den Güterverkehr auf den 48 Gleiskilometern, die von der EVB GmbH als Eigentümerin seit einiger Zeit punktuell erneuert werden? Das wollte Wilfried Pallasch (Bürgerfraktion) jetzt von der Osterholzer Kreisverwaltung wissen und erfuhr zu seiner Überraschung: Die Nutzung der Strecke für Personen- wie Güterzüge ist jederzeit möglich.

Die Schienentrasse ist nach Landkreis-Angaben wie eh und je "vollumfänglich gewidmet" und, rechtlich betrachtet, auch nie stillgelegt gewesen. Die faktisch nur sporadische Nutzung - etwa auch infolge abgesackter Streckenabschnitte, die kein schnelles Fahren erlauben - steht dabei auf einem anderen Blatt und hat offensichtlich eher betriebswirtschaftliche Ursachen.

Von dieser Antwort zeigte sich Pallasch gegenüber unserer Zeitung alarmiert. Er frage sich, ob die Gleis-Anrainer damit rechnen müssen, dass vorbeirollende Eisenbahnwaggons bald täglich die Kaffeetassen im Wintergarten klirren lassen. Derlei hatte eine Worpsweder Bürgerinitiative schon Ende 2013 geargwöhnt, als die Diskussion über eine Ausdehnung des touristischen Betriebs hin zu regelmäßigen Nahverkehrszügen begann (wir berichteten). Während der Personenverkehr im Jahr 1978 eingestellt wurde, erlebte der Moorexpress im Jahr 2000 seine Renaissance als Museumsbahn, die seither - von Corona unterbrochen - im Saisonbetrieb an Wochenenden verkehrt.

Bei Bauanträgen berücksichtigt

Verkehrsdezernent Dominik Vinbruck zeigte sich auf Pallaschs Nachfrage zum Güterverkehr gelassen. Auch in den Jahren mit nur sehr geringem Schienenverkehr sei die Kreisbehörde nie von einer Strecke ausgegangen, die gegenwärtig oder künftig ungenutzt sei. Vielmehr habe die Behörde die nicht elektrifizierte Trasse etwa bei Baugenehmigungen stets mit berücksichtigt und den Antragstellern auch mindestens einen Hinweis darauf gegeben, was technisch, rechtlich und tatsächlich möglich wäre, behauptete der Dezernent in seiner Antwort vor dem Kreistag: "Anliegerinnen und Anlieger mussten und müssen auch zukünftig damit rechnen, dass die Strecke von Güter- und Personenverkehr genutzt wird."

Grenzen setze, abgesehen vom Zustand des Gleiskörpers, einzig die Kapazität der einspurigen Strecke, also etwa die Möglichkeit zu Begegnungsverkehr. Theoretisch könnten auf dem Abschnitt im Osterholzer Kreisgebiet maximal 40 Güter- und 40 Personenzüge pro Tag verkehren. Praktisch aber fehle am Markt jede Nachfrage dafür, wenngleich die EVB durchaus auf Gewerbebetriebe hoffe, die nah an der Moorexpress-Strecke liegen und den Anschluss nutzen.

"Bahnlärm ist hinzunehmen"

Vereinzelt lägen aus der Vergangenheit auch schalltechnische Untersuchungen im Bauamt vor, so Vinbruck weiter. Diese Gutachten zeigten, dass in zehn Metern Entfernung bei voller Streckenauslastung tagsüber zwar Lärmbelästigungen in den Häusern zu erwarten seien. Das aber sei hinzunehmen, zumal auch bei einer Maximalnutzung keine Gesundheitsgefährdung zu erwarten sei. Allenfalls nächtliche Güterzüge zwischen 22 und 6 Uhr könnten die gesundheitsgefährdende Schwelle möglicherweise überschreiten - sofern sie in einer Häufigkeit verkehren, die Vinbruck aber als "aus heutiger Sicht unrealistisch" bezeichnet. Die Eisenbahnen und Verkehrsbetriebe Elbe Weser GmbH (EVB) habe dargelegt, dass selbst bei hoher Nachfrage maximal einige Güterzüge pro Monat zu erwarten seien.

Die Sorgen der von Pallasch zitierten Anwohner wegen mehr Belästigungen seien also nachvollziehbar, räumt Vinbruck einerseits ein und setzt andererseits hinzu: Gesundes Wohnen sei auch bei viel stärkerem Bahnverkehr als heute weiterhin möglich. Die EVB bleibe nun mal "gesetzlich verpflichtet, die Schieneninfrastruktur am Markt zu jeder Tageszeit diskriminierungsfrei anzubieten". Damit hätte der Landkreis auch als EVB-Mitgesellschafter keine Handhabe, die Streckenbenutzung zu beeinflussen. Auch danach hatte Pallasch den Landkreis gefragt.

Volkswirtschaftliche Perspektive

Neben der Kreistagsresolution zur Reaktivierung der Moorexpress-Strecke für den Personennahverkehr, die auch vom Sprecher der Bürgerfraktion erklärtermaßen begrüßt wird, spricht aus Sicht der Verwaltung aus regionalwirtschaftlichen und ökologischen Gründen auch gar nichts dagegen, wenn mehr Betriebe die Schiene tagsüber für den Güterverkehr nutzen würden.

Unterdessen machen die Grünen mit dem VCD und dem Nahverkehrsbündnis Niedersachsen Druck auf Landesebene für eine Reaktivierung von rund zwei Dutzend Bahnstrecken, deren Potenziale vor acht Jahren schon einmal untersucht worden waren. Seinerzeit war auch die Moorexpress-Route im Rennen - und auf einem hinteren Platz gelandet. Am Mittwoch erklärte der verkehrspolitische Sprecher der Grünen-Landtagsfraktion, Detlev Schulz-Hendel, der Abschnitt Stade-Osterholz-Scharmbeck gehöre mit sechs weiteren Strecken zu den Strecken, die geradezu prädestiniert seien

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Land ist Mehrheitsgesellschafter

Die EVB befindet sich zu rund 83 Prozent im Eigentum des Landes Niedersachsen. Der Landkreis Osterholz hält 2,5 Prozent der Geschäftsanteile: Er ist damit viertgrößter Gesellschafter hinter den Landkreisen Rotenburg (5,75 Prozent) und Stade (4,33) sowie vor den Landkreisen Cuxhaven und Harburg. Kleinere Anteile zwischen 0,32 und 0,2 Prozent halten außerdem die Samtgemeinde Zeven und die Gemeinde Worpswede sowie die Städte Bremervörde und Rotenburg. Zu den Tochterfirmen der EVB gehört die Omnibus von Ahrenschildt GmbH in Grasberg. Die Landkreise Osterholz und Rotenburg sind daran mit jeweils fünf Prozent beteiligt.

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