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Hausärzte bringen Schwung in Impfkampagne

Seit zwei Wochen injizieren auch Hausärzte Spritzen gegen das Coronavirus. Das kommt bei den Patienten gut an. Es gibt aber noch kleinere Probleme.
17.04.2021, 05:59
Lesedauer: 5 Min
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Von Peter von Döllen
Hausärzte bringen Schwung in Impfkampagne

Karl-Heinz Boldt bekommt seine erste Impfdosis.

Peter von Döllen

Landkreis Osterholz. Auf dem Tisch stehen die kleinen ersehnten Spritzen bereit. „Hier ist der besondere Stoff“, sagt Dr. Iris Bernau. In wenigen Augenblicken haben Karl-Heinz Boldt und seine Frau den schützenden Piks hinter sich. „Was ist das denn für ein Impfstoff?“, fragt er. „Das ist Biontech“, antwortet die Ärztin. Boldt sagt nichts dazu. Er macht keinen erleichterten Eindruck. Nach den Diskussionen zum Vakzin des britisch-schwedischen Herstellers Astra-Zeneca wäre manch anderer über diese Information glücklich gewesen. „Es gibt so viele unterschiedliche Aussagen zu den Impfstoffen“, sagt Boldt nach der Spritze. Er hätte auch Astra-Zeneca genommen. Ein guter Bekannter aus Süddeutschland habe ihm gesagt, die Wirkung des Vakzins sei besser als bei anderen. Und der habe diese Information von seinem Sohn, der Chefarzt in einer Klinik sei. Ob es stimmt? Karl-Heinz Boldt zuckt mit der Schulter. Er ist einer von 72 Patienten, die in der abgelaufenen Woche in der Familienpraxis Bernau in Hambergen gegen das Coronavirus geimpft wurden.

Eine Viertelstunde muss das Paar nun in der Praxis bleiben. Indes ist Iris Bernau in ein anderes Behandlungszimmer gegangen, um dort den nächsten Patienten die schützende Spritze zu geben. „Impfen ist nie schön“, findet Karl-Heinz Boldt. Man höre ja oft von Nebenwirkungen. Besser wäre es, wenn man keine bräuchte. Er habe deshalb auch Bedenken gehabt. Aber: „Die Angst vor dem Virus ist größer.“ Er und seine Frau sind nun froh, die erste Dosis in sich zu tragen.

Seit Ostern dürfen auch Hausärzte impfen. Ruben und Iris Bernau sind von Beginn an dabei. „In der ersten Woche haben wir 96 Dosen von Biontech bekommen“, berichtet Iris Bernau. Diese Woche hat der Apotheker 72 Dosen vorbeigebracht. Das Team der Praxis hat die Impfungen gut vorbereitet. Die Ärztin zeigt den Raum, in dem der Impfstoff zwischengelagert und aufbereitet wird. Vorsichtig nimmt sie einen Träger aus dem Kühlschrank und stellt ihn auf den Tisch. Einen kurzen Moment erinnert das Szenario an Spielfilme, in denen mit Nitroglyzerin gehandhabt wird. Explosiv ist der besondere Stoff in den Fläschen nicht. Doch der Corona-Impfstoff von Biontech/Pfizer ist empfindlich und will sorgsam behandelt werden.

Sieben Dosen sind möglich

Jede der unscheinbaren und kleinen Ampullen enthält genug Vakzin, um sechs Patienten damit impfen zu können. „Wir versuchen, sieben Dosen zu entnehmen“, sagt Iris Bernau. Nicht immer klappt das. Der Hersteller garantiert ursprünglich fünf Dosen pro Fläschchen, hat dann aber sechs freigegeben. Um dabei auf der sicheren Seite zu sein, füllt er mehr ein, als nötig. Bei geschickter Vorgehensweise kann diese Zugabe für eine weitere Spritze ausreichen.

Zukünftig werden die Hausärzte neben Biontech auch Impfstoff von Astra-Zeneca bekommen - im gleichen Verhältnis. Nicht jeder dürfte so flexibel sein, wie das Paar Boldt, fürchten Iris und Ruben Bernau und rechnen mit Diskussionen. Die Mischung der beiden Stoffe dürfte auch die Organisation erschweren. Denn Astra-Zeneca darf nur für Personen über 60 Jahre verwendet werden. „Jüngere Patienten mit gesundheitlicher Priorisierung können wir damit nicht versorgen“, sagt Iris Bernau. Dafür ist das Vakzin aber auch länger lagerfähig und einfacher zu handhaben. Erst mal könnten deshalb nur Patienten eingeladen werden, die mit beiden Stoffen geimpft werden können und es auch wollen. Wer nicht mit Astra-Zeneca einverstanden ist, muss sich hinten anstellen. Natürlich gebe es viele Fragen zu dem viel diskutierten Impfstoff, die möglichst beantwortet werden.

Bei der Priorisierung, also der Festlegung der Impffolge, wollen sich die Ärzte an die Vorgaben der Ständigen Impfkommission (Stiko) halten. „Wir kennen unsere Patienten ja sehr gut“, bemerkt Iris Bernau. Und noch gibt es genug Impfberechtigte in der Datei. Es sei allerdings eine Herausforderung. „Wir telefonieren etwa 300 Patienten ab, um 96 Impfwillige zu finden“, erzählt Iris Bernau. Ein Problem ist auch, dass die Hausärzte nicht wissen, ob ihre Patienten bereits im Impfzentrum geimpft wurden. Das erfahren sie meist erst bei dem Gespräch. Und schließlich gebe es auch Patienten, die einen Impftermin im Zentrum haben. „Der sollte dann auch wahrgenommen werden“, sagt Bernau.

Hausärzte sind verärgert

Karl-Heinz Boldt und seine Frau standen bereits auf der Warteliste für eine Impfung. Sie waren aber froh, dass sie nun für den Piks zu ihrem Hausarzt gehen konnten. Und das deckt sich mit der Erfahrung von Iris und Ruben Bernau. „Vielen ist das offenbar angenehmer“, weiß Bernau. Aber auch in diesem Fall sollte die Vergabestelle informiert werden, damit der Platz auf der Liste jemand anderem gegeben werden kann. Wegen der häufigen Überlastung der Hotline scheint das aber nicht gerade einfach zu sein. Deshalb wird das Vorgehen verändert, wie der Landkreis Osterholz mitteilt (siehe Infokasten).

Stinkig sind viele Hausärzte auf die niedersächsische Gesundheitsministerin Daniela Behrens. Ihr Ministerium verschickt derzeit Briefe, in denen den Empfängern bescheinigt wird, sie seien jetzt impfberechtigt. Die Auswahl wird offenbar von den Krankenkassen aufgrund ihrer Sammlung von Diagnosen ihrer Versicherten getroffen. „Dieses Schreiben dient als Nachweis für die bevorzugte Impfberechtigung wegen einer speziellen Vorerkrankung ...“, heißt es dort. Und: „Es ersetzt ein ärztliches Attest.“ „Das ist sicher gut gemeint“, glaubt Ruben Bernau. Tatsächlich könnte es bei den Ärzten Anfragen nach Attesten reduzieren. Doch die Ministerin habe den Hausärzten einen Bärendienst erwiesen. Denn nun stehe das Telefon in vielen Praxen nicht mehr still, weil die Empfänger einen Impftermin vereinbaren wollen. Sie appellieren an ihre Patienten, von solchen Nachfragen abzusehen. Im Normalfall melden sich die Ärzte, um Impftermine anzubieten. „Wir im Bezirk Stade des Hausärztlichen Verbandes haben beschlossen, dass diese Atteste nicht für uns Hausärzte gelten, sondern für die Impftzentren“, berichtet Ruben Bernau, der Vorsitzender des Bezirks ist. Alle Hausärzte seien massiv verärgert. Die Krankenkassen seien nicht in der Lage, nach ihren Daten zu priorisieren.

Insgesamt fällt das erste Resümee aber positiv aus. Die Aktion bringt neuen Schwung. Am Mittwoch, 14. April, haben die Hausärzte laut Bundeskassenärztlicher Vereinigung mit 374.511 Dosen beispielsweise mehr Impfungen verabreicht als die Impfzentren (363.990). Die Zahlen schwanken allerdings von Tag zu Tag.

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Termin online absagen

Seitdem Hausärzte gegen Corona impfen, werden in den Impfzentren viele Termine nicht wahrgenommen, melden die Landkreise. Sie vermuten, dass viele Menschen, die von ihrem Hausarzt geimpft wurden oder dort einen Termin haben, bei der Impfhotline des Landes Niedersachsen nicht durchkommen. Sie können ihre Termine in den Zentren nicht absagen. Das Gesundheitsministerium verspricht Abhilfe. Ab sofort können impfberechtigte Personen ihren Impftermin oder ihren Wartelistenplatz im Impfportal auf www.impfportal-niedersachsen.de online absagen. Es sei weiter auch eine Stornierung über die Telefon-Hotline 08 00 / 9 98 86 65 möglich. So könnten Impftermine in den Impfzentren für andere berechtige Personen freigegeben werden, die somit schneller geimpft werden können, heißt es in der Mitteilung.

Im Impfportal ist laut Ministerium die Funktion „Termin/Wartelistenplatz stornieren“ hinzugefügt worden. Wer seinen Termin stornieren möchte, muss zunächst seine Telefonnummer angeben und erhält einen Code. Dieser Code ist anschließend zusammen mit dem Geburtsdatum für die Stornierung einzugeben.

Im Landkreis Rotenburg können Termine auch weiterhin per E-Mail an orga2.impfzentrum@lk-row.de beim Impfzentrum direkt abgesagt werden.

Im Landkreis Osterholz können Termine nur in kurzfristigen Fällen direkt abgesagt werden. Das Bürgertelefon (0 47 91 / 9 30 29 00) nehme diese Absagen im Notfall auf und gibt sie an das Impfzentrum weiter, teilt die Kreisverwaltung mit.

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