Erneuerbare Energien im Kreis Osterholz

Energiewende erreicht Etappenziel

Im Kreis Osterholz wurde 2019 erstmalig Ökostrom in einer Menge produziert, die dem kreisweiten Gesamtverbrauch entspricht. Die Verwaltung nennt drei Gründe: weniger Verbrauch, mehr Solardächer, mehr Windstrom.
29.09.2020, 17:00
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Energiewende erreicht Etappenziel
Von Bernhard Komesker
Energiewende erreicht Etappenziel

Die Windenergie trägt im Landkreis Osterholz den Löwenanteil zur Stromproduktion aus erneuerbaren Energien bei.

Roland Holschneider/DPA

Landkreis Osterholz. Halbzeit-Erfolg für die sogenannte Energiewende Osterholz 2030: Erstmalig wurde vergangenes Jahr im Landkreis Osterholz Ökostrom in einer Menge produziert, die dem Stromverbrauch im gesamten Kreisgebiet entspricht. Diese „bilanzielle Selbstversorgung aus regenerativen Energiequellen“ ist eines der erklärten Ziele, auf das sich Politik und Verwaltung vor elf Jahren verständigt hatten. Wie der Ausschuss für Kreisentwicklung jetzt von Umweltdezernent Dominik Vinbruck erfuhr, ging es auf dem Weg zum energieautarken Landkreis aus drei Gründen voran: weniger Verbrauch, neue Solaranlagen und das sogenannte Windkraft-Repowering, bei dem alte, unwirtschaftliche Anlagen aufgerüstet werden.

„Eine Herausforderung bleibt der Wärmemarkt“, fügte der Dezernent an. Fossiles Erdgas dominiere weiterhin den Mix im Gas-Netz, und es sei schwer zu beziffern, wie grün der Heizenergieverbrauch kreisweit heute ist. Sicher grüner als vor zehn Jahren, so Vinbruck: Es werde mehr aufbereitetes Biomethan eingespeist, und auch auf dem Feld „Power to gas“ gebe es zukunftsweisende Ansätze.

Doch noch immer seien auch Ölheizungen verbreitet. Ähnliches gelte für die Frage, ob die Wärmepumpe eines Neubaus denn nun mit Ökostrom betrieben wird oder nicht. In jedem Fall sollten Bürger und Betriebe nach Ansicht des Dezernenten weiter zum Energiesparen ermuntert werden: durch Gebäudedämmung und effiziente Heizsysteme, für die es staatliche Anreize gebe. „Manchmal ist im Altbaubereich locker eine Halbierung des Verbrauchs möglich“, so Vinbruck.

Belastbar sind die Zahlen bei der elektrischen Energie: Gut 350 Millionen Kilowattstunden wurden laut Energiebericht 2019 mit erneuerbaren Energien produziert. Die Einspeisesummen und Verbrauchszahlen lässt sich der Landkreis von den Osterholzer Stadtwerken und der EWE liefern. Demnach trug die Windenergie gut drei Viertel zur Stromproduktion aus den Erneuerbaren bei; weitere 15 Prozent stammten aus Biogasanlagen. Der Rest entfällt auf die Fotovoltaik; Blockheizkraftwerke spielen keine große Rolle.

Die privaten Solardächer haben aus Landkreis-Sicht den Vorteil des Eigenverbrauchs: Wer seinen Bedarf selbst deckt, muss weniger vom Versorger kaufen, sodass die Verbrauchsmenge statistisch gesehen sinkt – ohne dass sich dieser Effekt für den Landkreis genauer beziffern ließe. Die Anzahl der installierten Fotovoltaikanlagen steigt aber unverändert an: von rund 1000 im Jahr 2010 (mit 15 000 Kilowatt-Peak) auf mehr als 2300 Anlagen im Jahr 2019 (60 000 Kilowatt-Peak).

Dass dabei die installierte Leistung pro Anlage eher stagniert, sei energiepolitisch so gewollt, heißt es im Verwaltungsbericht. Der Bund fördere die Eigenversorgung. Großflächige Fotovoltaik-Anlagen hingegen, die vorrangig der Einspeisung mit entsprechender Vergütung dienen, seien rückläufig. Unterdessen werde sich das sogenannte Repowering bei den rund 80 Windkraftanlagen im Kreisgebiet wohl fortsetzen und für noch mehr Windstrom sorgen, heißt es im Energiewende-Bericht weiter.

Impulse für den Verkehrssektor erhofft sich Vinbruck derweil vom neuen Wasserstoff-Netzwerk und dem Projekt „Grüner Lastverkehr“. Die geplante Bioabfall-Vergärungsanlage, die 2023 in Heilshorn in Betrieb gehen soll, dürfte mit jährlich zwei Millionen Kubikmetern Biomethan ebenfalls dazu beitragen, dass die Energiewende-Zahlen in ein paar Jahren noch freundlicher aussehen. „Wir bleiben jedenfalls am Ball“, versprach Vinbruck.

„Wasserstoff ist zurzeit eine Hoffnung, aber nicht mehr“, kommentierte Harm Bruns von den Grünen. Seine Fraktion wäre mit der Energiewende gerne schon weiter, auch wenn schon viel fürs Energiesparen getan werde. Ein Hemmschuh sei, dass das Planungsrecht auf dem Lande, im sogenannten Außenbereich, bisher so manche Bürger-Investition verhindere. Da sehe er noch Luft nach oben – und eine Aufgabe fürs Bauamt, so der Grüne.

Für die SPD erklärte Björn Herrmann: „Wir sind auf dem richtigen Weg.“ Er halte es für wichtig, dass sich der Landkreis technologisch breit aufstelle. Auf dem Verkehrssektor, der ja zur Energiewende beitrage, sei Bio-CNG eine entscheidende Brückentechnologie. Dominik Vinbruck bemerkte, auch Zahlen zur Verkehrswende wie etwa der verkaufte Kraftstoff brächten erhebliche Unschärfen in die Bilanz. Hermann bekräftigte, es sei jedenfalls ermutigend, dass auf dem Feld der Stromproduktion die Wende bereits gelungen sei.

Reinhard Seekamp von den Linken äußerte sich zurückhaltend: „Der Wärmebereich und der Verkehrssektor bleiben eine Riesenaufgabe.“ Der Landkreis solle bei der geplanten Heilshorner Vergärungsanlage die Wasserstoff-Ausbaustufe vorsehen; aber Wasserstoff sei keine Patentlösung, da für die Produktion viel Strom benötigt werde. Axel Miesner, der für die CDU im Landtag sitzt, sagte, der Bund habe politisch eine Chance vertan, mehr für die Windenergie zu tun. Das Ergebnis einer darbenden Branche sei nun mit Leerständen etwa am Lunedeich in Bremerhaven zu besichtigen, klagte er. „Es ist ein Jammer, da kommen einem die Tränen.“ Umso wichtiger sei es, dass die norddeutschen Bundesländer und der Bund das Ausbauziel von Offshore-Windanlagen bis 2030 von 15 auf 20 Gigawatt angehoben hätten.

Diese Steilvorlage ließ sich Harm Bruns nicht entgehen: „Sagen Sie das mal Herrn Altmaier!“, rief der Bündnisgrüne Miesner zu. Der CDU-Wirtschaftsminister habe die Windkraft aus Angst vor steigenden Stromkosten zugunsten der Kohleverstromung regelrecht abgewürgt, so Bruns. Wie der WESER-KURIER berichtete, plant der Bund inzwischen eine Überarbeitung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes und bis zum Jahr 2050 die 100-prozentige Abdeckung mit Ökostrom.

Miesner erwiderte, es bleibe jedenfalls richtig, nun auf mehr Windräder vor der Küste zu setzen. Diese seien nicht nur leistungsstärker, sondern auch eher grundlastfähig als die mancherorts arg ungeliebten Spargel an Land. Die bringen es landesweit auf zusammen mehr als 11,3 Gigawatt installierte Leistung, während es offshore momentan gut 6,7 Gigawatt in Ost- und vor allem Nordsee sind.

Wilfried Pallasch (Bürgerfraktion) griff das Thema der Onshore-Windparks auf: „Wir sind bei allem Widerstand aus der Bevölkerung gut durchs Loch gekommen“, urteilte er. Der Landkreis könne „froh und stolz“ sein, bei der elektrischen Energie bereits am Ziel zu sein. „Aber beim Wasserstoff sollten wir nicht zu euphorisch sein“, sagte Pallasch und setzte hinzu, die Pionierarbeit der Firma Faun verdiene gleichwohl jede Unterstützung.

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