Janusz-Korczak-Geschwisterbücherei Lernen, die Emotionen in Worte zu fassen

Die Janusz-Korczak-Geschwisterbücherei in Worphausen ist ein Treffpunkt für Geschwister behinderter Kinder. Nun wurde dort ein Lese-Klub gegründet.
18.02.2018, 00:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Kim Wengoborski

Sätze wie „Du bist behindert“ oder „Du Spasti“ sind auf Schulhöfen gängig. Auch Marlen aus Verden kennt sie, und das bereits seit ihrer Grundschulzeit. Dabei hat die Zehnjährige keine Behinderung. Ihr größerer Bruder wurde mit dem Down-Syndrom geboren. Die Mitschüler machten da aber keinen Unterschied und verwendeten normale Begriffe als Schimpfwörter. „Sie meinten, nur weil mein Bruder eine Behinderung hat, sei ich auch behindert und ärgerten mich damit“, erzählt Marlen. Das Mobbing ging soweit, das Marlens schulische Leistungen absackten. Den Frust über die Beleidigungen und Ausgrenzung bekam ihre Mutter ab.

Von der Behinderung eines Kindes ist immer die gesamte Familie betroffen, auch die Geschwister. „Die Auswirkungen können ganz unterschiedlich sein“, sagt Marlies Winkelheide. Die 69-jährige Sozialwissenschaftlerin setzt sich seit 36 Jahren für die Geschwisterkinder ein. Entstanden ist die Idee bei einem Seminar für Familien behinderter Kinder, das sie im Rahmen ihrer damaligen Anstellung beim Niels-Stensen-Haus anbot. „Die Eltern gaben mir den Hinweis, dass die Geschwisterkinder wahrscheinlich ganz anders reden würden, wenn ihre Eltern nicht dabei sind“, erinnert sich Winkelheide. Daraufhin baute sie nach und nach ein Angebot für die betroffenen Kinder auf.

Neue Lese-Klub-Möbel

Seit dem Jahr 2009 lagert Winkelheides private Büchersammlung mit einem Umfang von etwa 4200 Werken in der ehemaligen Bäckerei an der Worphauser Landstraße in Lilienthal. Dort befindet sich jetzt die Janusz-Korczak-Geschwisterbücherei. Etwa 1000 Bücher drehen sich um Geschwister behinderter Kinder. Außerdem gibt es Romane, Kinderbücher und weitere Literatur zu anderen Fachgebieten. Zugänglich ist die Bücherei für alle Interessierten.

Mittlerweile ist Marlen wieder ein fröhliches Kind und eine richtige Leseratte. Sie ist das jüngste Mitglied des Lese-Klubs der Janusz-Korczak-Geschwisterbücherei. Den Klubraum verdanken sie und die anderen vier Klubmitglieder einer Spende der Konrad-Naber-Stiftung in Höhe von 5000 Euro. Von dem Geld wurden unter anderem neue Bücher, ein neues Sofa und ein riesiger therapeutischer Sitzsack angeschafft. Das Material des Sackes ist fester als bei gewöhnlichen Sitzsäcken. So können auch behinderte Kinder sicher darin liegen. „Manchmal sind die Geschwister auch dabei, denn die Familien kommen teilweise von weit her“, sagt Marlies Winkelheide. Die Bücherei wird regelmäßig von Kindern aus 14 Bundesländern aufgesucht.

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Jeder darf mitreden

Bis zum nächsten Treffen des Lese-Klubs wollen die Kinder das Buch „Besuch aus der Vergangenheit“ lesen. Es handelt von einer alten jüdischen Frau, die den Holocaust überlebt hat. Sie nimmt die junge Protagonistin namens Lena mit auf eine Reise in die Vergangenheit.

Der Holocaust, dem auch viele Menschen mit Behinderung zum Opfer gefallen sind, und die Entwicklung des Umgangs mit Behinderung in der Gesellschaft sind zentrale Themen in der Janusz-Korczak-Geschwisterbücherei. Ihr Namensgeber leitete zur Zeit der Nationalsozialisten ein Waisenhaus und war ein großer Vertreter von Kinderrechten. Als die Mädchen und Jungen in ein Vernichtungslager deportiert wurden, hätte er die Chance gehabt zu fliehen. „Aber er begleitete die Kinder, weil sie sonst so viel Angst gehabt hätten“, erzählt Marlen. Sie hat sich ebenso wie die anderen Geschwisterkinder mit Janusz Korczaks Geschichte und seinen Ideen auseinander gesetzt.

Janusz Korczak, der eigentlich Henryk Goldszmit hieß, vertrat schon damals die Auffassung, dass jedes Kind eine Stimme haben solle. Diese Regel gilt auch in der Bücherei in Lilienthal. Dass Demokratie gelernt sein will, erfahren die Kinder dort am eigenen Leib. Bis sie sich einig waren, welche Farbe das neue Sofa des Lese-Klubs haben soll, vergingen mehrere Wochen.

Mitbestimmung ermöglicht ihnen auch der Geschwister-Rat, der sich aus zwölf Jugendlichen und jungen Erwachsenen zusammensetzt. Gerade hat zum Beispiel eine Autorin angefragt, ob die Geschwisterkinder ihr mehr über das Leben mit Menschen mit Behinderung erzählen würden. Sie möchte über das Thema ein Buch schreiben. Ob sich die Jugendlichen darauf einlassen, entscheiden sie selbst. Marlies Winkelheide Marlies Winkelheide moderiert die Diskussionen lediglich.

In der Regel tagt der Geschwisterrat einmal im Monat. Im vergangenen Jahr fanden jedoch deutlich mehr Treffen statt, weil die Kinder ihren Anteil an der Ausstellung „Lieblingsräume“ im Universum Bremen vorbereitet und begleitet hatten. Sie fertigten Plakate mit Fotos und Texten an und statteten Pappkartons mit einem gemütlichen Innenleben aus.

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Die 19-jährige Franziska ist die Sprecherin des Geschwisterrates. Ihre jüngere Schwester leidet seit ihrer Geburt an einer Fehlfunktion der Nieren. Langsam stellten die Organe ihren Dienst ein. Schließlich spendete der Vater eine seiner Nieren und bewahrte seine Tochter damit vor einer lebenslangen Dialyse-Abhängigkeit. „Die Verbindung zwischen den beiden ist sehr eng“, sagt Franziska. Dieses nahe Verbindung zwischen Elternteil und Kind entstünde häufig nach einer Transplantation, weiß Marlies Winkelheide durch Gespräche mit Betroffenen. Bei den Geschwisterkindern könne diese Bindung zwischen dem behinderten Kind und den Eltern das Gefühl auslösen, niemals so wichtig werden zu können.

Den Zugang zu den Gefühlen der Kinder und Jugendlichen baut sie langsam auf, teilweise über Spiele, auch über Fragehefte, die die Kinder selbst erstellen. Die Satzteile einer Frage können frei zusammengesetzt werden, so dass sich neue Fragen ergeben. So entsteht ein Dialog mit sich selbst oder mit anderen.

Auch der „Mimürfel“ fungiert als Hilfsmittel: Statt Punkten sind auf den sechs Seiten Gesichtsausdrücke zu sehen, die Stimmungen vermitteln. „Zu Beginn eines Gesprächs frage ich, wie es meinem Gegenüber geht, und ebenso zum Schluss“, erläutert Marlies Winkelheide. „Mir fällt es jetzt viel leichter, meine Emotionen in Worte zu fassen“, beschreibt Franziska. Das erleichtere ihr den Umgang mit der manchmal schwierigen Situation.

Besuche in Schulen

Um auch anderen Kindern diesen Prozess zu ermöglichen, besucht Marlies Winkelheide regelmäßig Schulen in ganz Deutschland. Zuletzt wurde sie von Franziska begleitet. Vor den Klassen berichtete Franziska von ihren eigenen Erfahrungen als Geschwisterkind. Zur Sprache kam auch das Thema Mobbing. „Ein Mädchen war ganz mitgerissen und hat mir erzählt, dass sie und andere einen Jungen mobben“, berichtet Franziska. Das Mädchen habe Reue empfunden und wollte auf den Besuch hin mit dem Mobbing aufhören.

Das nächste Projekt der Janusz-Korczak-Geschwisterbücherei ist eine eigene Geschwisterrundschau. Im Schreiben sind die Kinder und Jugendlichen schon geübt, da sie regelmäßig Texte und Gedanken zu den Veröffentlichungen von Marlies Winkelheide beitragen. Die Rundschau soll Berichte zu Themen beinhalten, die für Geschwisterkinder wichtig sind und deutschlandweit für Betroffene verfügbar sein.

Mehr Info über die Bücherei gibt es im Internet unter der Adresse www.geschwisterkinder.de.

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