Hammeniederungs-Ausguck hat Ähnlichkeiten mit Bauten in Nordrhein-Westfalen

Linteler Turm hat zwei Brüder

Landkreis Osterholz. Die nordrhein-westfälische Stadt Hemer und die Stadt Warstein liegen gut 300 Kilometer von Osterholz-Scharmbeck entfernt, und doch verbindet die Orte mehr, als man vielleicht ahnt: Im Norden des Sauerlandes und im Naturpark Arnsberger Wald stehen zwei Aussichtstürme, die dem gerade neu errichteten Ausguck in der Hammeniederung verblüffend ähnlich sind. Ist der Linteler Turm doch nicht ein Unikat, von dem der Bremer Architekt Johannes Schneider gesprochen hatte? Schneider sieht trotz aller optischer Ähnlichkeiten gravierende Unterschiede zwischen den Türmen.
26.03.2011, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Lutz Rode

Landkreis Osterholz. Die nordrhein-westfälische Stadt Hemer und die Stadt Warstein liegen gut 300 Kilometer von Osterholz-Scharmbeck entfernt, und doch verbindet die Orte mehr, als man vielleicht ahnt: Im Norden des Sauerlandes und im Naturpark Arnsberger Wald stehen zwei Aussichtstürme, die dem gerade neu errichteten Ausguck in der Hammeniederung verblüffend ähnlich sind. Ist der Linteler Turm doch nicht ein Unikat, von dem der Bremer Architekt Johannes Schneider gesprochen hatte? Schneider sieht trotz aller optischer Ähnlichkeiten gravierende Unterschiede zwischen den Türmen.

Der Lörmecke-Turm in Warstein und der Jübergturm in Hemer sind zumindest so etwas wie die großen Brüder der korbartigen Aussichtsplattform in den Linteler Weiden: 35 beziehungsweise 24 Meter ragen sie in die Höhe, während bei dem Rundbau in der Hammeniederung bei elf Metern Schluss ist. Der Turm in Warstein ist 2008 gebaut worden, der in Hemer wurde zur Landesgartenschau 2010 fertig. So gesehen ist der hiesige Turm nicht nur der kleinste, sondern auch der jüngste Sprössling der Familie.

Was alle drei Türme auf den ersten Blick gemein haben, sind die auffällig über Kreuz angeordneten Hölzer, die auf Stahlringen angebracht sind und dem Ganzen den Charakter eines Flechtwerks verleihen. Während man in Osterholz-Scharmbeck und Hemer Lärchenholz verwendet hat, haben sich die Erbauer in Warstein für Douglasie entschieden. Ähnlich wie in der Hammeniederung verjüngt sich der Jübergturm in Hemer nach unten hin, während das Exemplar in Warstein zum Boden und zur Spitze hin etwas in die Breite geht. In allen drei Türmen gehen die Besucher über Wendeltreppen im Inneren nach oben zu den Aussichtsplattformen. Beim Lörmecke-Turm in Warstein gibt es drei davon, in Hemer sind es fünf, in Lintel ist es eine.

Trotz aller augenscheinlicher Übereinstimmungen betont Architekt Schneider, für die Hammeniederung etwas Einzigartiges geschaffen zu haben. Den Turm in Warstein kennt er zwar, doch sei er kein Vorbild für seinen eigenen Entwurf gewesen. Anders als im Naturpark Arnsberger Wald sind die Holzplanken des Turmes in den Linteler Weiden nicht nur Dekoration, sondern sie stellen dessen Standfestigkeit auch bei viel Besucherandrang sicher. Der Entwurf sei in etwa zeitgleich mit dem Bau des Turmes in Warstein entstanden. Den zweiten Turm in Hemer kannte Schneider nach eigenem Bekunden bislang nicht. Als er gebaut wurde, sei sein Entwurf bereits seit zwei Jahren fertig gewesen, sagt er.

In Warstein war man übrigens nicht besonders glücklich darüber, dass zwei Jahre nach dem eigenen Turm in dem nur 60 Kilometer entfernten Hemer ein optisch ähnlicher Ausguck gebaut wurde. Man fürchtete um das Alleinstellungsmerkmal der Attraktion, mit dem man bei Touristen und Ausflüglern punkten wollte. Der Bitte aus dem Warsteiner Rathaus, für die Landesgartenschau 2010 doch möglichst eine andere Konstruktion zu wählen, kamen die Nachbarn aus dem Märkischen Kreis letztlich jedoch nicht nach.

Prinzip aufgegriffen und optimiert

Gegen den Architekten des Turmes in Hemer waren wegen der augenscheinlichen Ähnlichkeiten zu den Türmen in Warstein und zu weiteren Türmen in Baden-Württemberg Plagiatvorwürfe laut geworden. Der Stuttgarter Architekt Stephan Birk verwies daraufhin auf Entwürfe des russischen Ingenieurs Wladimir Grigorjewitsch Schuchow, der schon vor 110 Jahren Wassertürme und Strommasten nach dem sogenannten Gitterschalen-Prinzip errichtet hat. Dieses Prinzip habe man aufgegriffen und optimiert. "Es gibt weltweit zahlreiche Türme nach dem Schuchow'schen Prinzip, der Turm in Warstein gehört auch zur Familie. Letztlich geht es immer darum, einer bewährten Typologie etwas Neues hinzuzufügen, etwas Etabliertes aufzunehmen und weiterzuentwickeln. Das ist der Ur-Anspruch eines Architekten und Ingenieurs", hatte Birk in einem Interview 2009 erklärt, das auf der Internet-Seite der Stadt Hemer veröffentlicht wurde.

Ähnlich schätzt das auch sein Berufskollege Johannes Schneider ein: "Es gibt ja auch zigtausende von Häusern mit Satteldach. Das Konstruktionsprinzip ist bei allen gleich, und doch unterscheiden sich die Häuser in vielen Details", erklärt er. Ein Plagiat gebe es nur dann, wenn die Pläne eins zu eins kopiert würden. Schneider verweist unter anderem darauf, dass es schon allein bei der Ummantelung der Türme erhebliche Unterschiede gebe: In Hemer seien die Abstände zwischen den einzelnen Planken sehr eng, zudem sitzen vier Balken nebeneinander. Die Konstruktion in der Hammeniederung sei viel luftiger; außerdem habe man Rundbalken und nicht eckige Latten verwendet. Eine Besonderheit des Linteler Turmes sei sicher auch die Gründung, bei der Stahlpfähle zehn Meter tief in den Moorboden gerammt wurden. Zudem habe es aufwändige statische Berechnungen gegeben, um zu gewährleisten, dass der Turm in der Kombination aus Holz und Stahl sicher steht. Er bleibt dabei: Der Turm in der Hammeniederung

ist von seinem Büro entworfen und nicht irgendwo anders abgekupfert worden.

Im Osterholzer Kreishaus zeigte sich die Verwaltung zunächst überrascht von den beiden Türmen in Nordrhein-Westfalen. Dass es dort ähnlich aussehende Bauten gibt, war dort bislang nicht bekannt. Architekt Johannes Schneider hat gegenüber der Behörde inzwischen schriftlich dargelegt, warum der Turm in Lintel konstruktiv einzigartig ist und von einer Kopie keine Rede sein kann. Die Erklärungen sind aus Sicht von Kreisdezernent Richard Eckermann plausibel. Damit habe sich der Fall für ihn erledigt. Der Landkreis sei nach wie vor überzeugt davon, dass es sich bei dem Turm um eine besondere Attraktion in der Hammeniederung handelt, unabhängig davon, wie anderswo Türme aussehen.

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