Der Kommandeur der Logistikschule im Gespräch

„Der Menschenschlag ist hier besonders“

Noch keine zwei Jahre ist André Erich Denk Kommandeur der Logistikschule der Bundeswehr in Garlstedt. Jetzt verabschiedet er sich bereits wieder in Richtung Brüssel zur EU.
29.10.2020, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Peter von Döllen
„Der Menschenschlag ist hier besonders“

Gerne wäre er länger in Garlstedt geblieben, doch nun beginnt für ihn die Arbeit in Brüssel: Brigadegeneral André Erich Denk.

von Döllen

Es war nur ein kurzes Gastspiel in Osterholz-Scharmbeck. Wie kommt das?

André Erich Denk : Es waren leider nur 22 Monate. Das war zu kurz, viel zu kurz. Ich wäre sehr gerne deutlich länger geblieben. Allerdings sind regelmäßige Wechsel in militärischen Führungspositionen der Bundeswehr nichts Ungewöhnliches. Ich werde Anfang November die Aufgabe des Direktor Logistik im Militärstab der Europäischen Union in Brüssel übernehmen. Da ich als Logistiker mit Englisch- und Französisch-Sprachkenntnissen bereits unter anderem einen sechsmonatigen EU-Einsatz in Mali absolviert hatte und somit dem von der EU geforderten Profil entsprach, wurde ich gebeten, für diese Funktion zur Verfügung zu stehen.

Finden Sie es schade, dass Sie die Logistikschule und die Region verlassen müssen?

Ja, ich finde es sehr schade. Ich habe hier eine sehr professionelle und moderne militärische Ausbildungseinrichtung erlebt, die mit ihren knapp 900 Soldatinnen und Soldaten sowie zivilen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern hier in Garlstedt, aber auch in Plön und Putlos, im Schnitt 13 000 deutsche und internationale Lehrgangsteilnehmende pro Jahr ausbildet. Die Menschen, die an allen Standorten der Schule ihren Dienst für unser Land leisten, haben mich mit ihrer hohen Motivation und besonderen Leistungsfähigkeit jeden Tag aufs Neue sehr beeindruckt. Ich werde sie sehr vermissen! Die Region ist mir ebenfalls sehr ans Herz gewachsen. Nicht nur, weil es hier landschaftlich wunderschön ist, sondern auch weil der Menschenschlag besonders und herzlich ist. Ich habe hier, und das kann ich aus tiefster Überzeugung und von ganzem Herzen sagen, tolle Menschen kennengelernt – in der Kaserne, aber auch außerhalb. Angefangen von Landrat Bernd Lütjen, Bürgermeister Torsten Rohde und Ortsvorsteherin Marie Jordan, mit denen die Zusammenarbeit fantastisch war, über meine Vermieter Norbert und Rosi Giese, die wunderbar sind, bis zu meinem Physiotherapeuten. Also die ganze Bandbreite. Ich hätte mir wirklich vorstellen können, ganz hierzubleiben.

Ist das nicht überall so?

Die Zusammenarbeit zwischen der Bundeswehr und dem zivilen Umfeld ist in den meisten Regionen überaus gut. Aber hier habe ich sie als besonders intensiv, innig und vertrauensvoll empfunden. Es geht nicht nur darum, abends mal zusammen ein Glas Rotwein zu trinken, sondern auch darum, sich ganz konkret gegenseitig zu unterstützen. Als der Landrat mich gebeten hat, in der ersten Phase der Corona-Krise ein großes Gebäude als Behelfskrankenhaus zur Verfügung zu stellen, habe ich sofort eingewilligt und die positive Entscheidung in Berlin eingeholt. Wir haben das Gebäude hergerichtet und über mehrere Monate für zivile Patienten aus der Region bereitgehalten. Auch waren rund 30 Soldatinnen und Soldaten der Logistikschule einige Wochen zur Unterstützung für die Durchführung von Corona-Tests am Flughafen Bremen eingesetzt. Ich freue mich, dass es viele positive Rückmeldungen aus der Bevölkerung zum Einsatz „ihrer“ Bundeswehr gab.

Können sich die Menschen im Landkreis Osterholz Hoffnungen machen, Sie wiederzusehen?

Definitiv. Sie müssen sogar damit rechnen. Weil ich hier viele Freunde gefunden habe, werde ich wiederkommen. Es ist allerdings militärische Gepflogenheit, sich erst mal ein Jahr zurückzuhalten, was die alte Dienststelle, also die Logistikschule, betrifft. In der Kaserne bin ich also erstmal ein Jahr lang nicht zu sehen. Aber in der Region ganz sicher.

Bereuen Sie und Ihre Familie es nun, nicht hier gebaut zu haben?

Da schlagen zwei Herzen in meiner Brust. Auf der einen Seite hätte ich es mir wirklich gut vorstellen können. Auch meiner Familie, die ja regelmäßig hier war, hat es hier sehr gut gefallen. Auf der anderen Seite ist unsere Entscheidung, in der Nähe von Berlin zu bauen, im Nachhinein die richtige gewesen, weil die Wahrscheinlichkeit, irgendwann mal wieder beruflich in die Bundeshauptstadt oder deren Umland versetzt zu werden, einfach größer ist.

Können Sie etwas zu Ihrer neuen Aufgabe erzählen?

Als Direktor Logistik im EU-Militärstab bin ich Abteilungsleiter und wirke an allen logistischen und medizinischen Fragen der gemeinsamen militärischen Entwicklungen und Anstrengungen innerhalb der EU mit. Beispielsweise auch für die EU-Missionen in Mali, Somalia und der Zentralafrikanischen Republik. Ich werde in Brüssel mit Menschen aller EU-Mitgliedsstaaten zusammenarbeiten – also querbeet. Mein Vorgänger war spanischer General, mein künftiger Chef wird ein französischer Admiral sein. Die Multinationalität macht die Aufgabe wirklich reizvoll.

Nach einer Verwendung nahe der Praxis jetzt also eine formellere Aufgabe?

In der Tat. Hier war es eine sehr praxisnahe Arbeit mit Menschen, kein reiner Bürojob. In Brüssel steht die Arbeit an Konzepten und Dokumenten auf der sogenannten militärstrategischen Ebene im Vordergrund, aber wie gesagt: Auch dort geht es um das zwischenmenschliche Miteinander, um Überzeugungskraft und Kommunikationsvermögen – nur jetzt eben im internationalen Umfeld.

Wie hat Corona Ihre Arbeit hier an der Logistikschule beeinflusst?

Corona hat natürlich auch signifikante Auswirkungen auf die Arbeit an der Logistikschule. Wir hatten im März auch eine Art Lockdown. Viele Lehrgänge wurden unterbrochen und abgesagt. Es wurden zunächst nur Lehrgänge, die für Einsätze und für die Einsatzbereitschaft der Streitkräfte insgesamt wichtig waren, fortgeführt. Nach der Sommerpause wurde der Schulbetrieb unter strikter Einhaltung der Hygienevorgaben wieder voll aufgenommen. Am Ende des Jahres werden wir rund 50 Prozent der normalen Teilnehmerzahl nicht geschult haben. Und dies ist eine Bugwelle, die wir in den kommenden Jahren sukzessive abbauen müssen. Eine Herausforderung, wie sie auch normale Schulen haben. Die weitere Digitalisierung der Ausbildung ist auch für uns ein Riesen-Thema, die Verlagerung von Lerninhalten sozusagen ins Homeoffice ist zukunftsweisend.

Ist die Bundeswehr in diesem Bereich nicht schon sehr weit?

Wir sind schon sehr gut aufgestellt, was die Logistikschule angeht. Nicht alle Lehrgangsteilnehmenden haben jedoch eine dienstliche mobile IT-Ausstattung. Und daran arbeiten wir jetzt, mit dem Ziel, dass jeder Lehrgangsteilnehmende ein Tablet oder ein Laptop bekommt.

Wie war Ihre Zeit an der Logistikschule in Garlstedt?

Ich war zwar nur 22 Monate hier. In dieser Zeit habe ich neben der Routineausbildung sehr viel erlebt. Wir hatten den wundervollen Tag der offenen Tür im letzten Jahr mit über 5000 Gästen, bei dem die besondere Integration der Logistikschule in der Region förmlich spürbar war. Wenige Tage später fand der Besuch des Bundespräsidenten statt. Der Generalinspekteur der Bundeswehr hat uns zweimal besucht. Während der Übung US Defender wurden in der Kaserne rund 2000 US-Soldatinnen und Soldaten in einer eigens hierfür aufgebauten Zeltstadt untergebracht. Das hat hervorragend funktioniert. Es gab Wintervorträge mit Gregor Gysi, mit Christian Lindner und anderen Experten, die ich als sehr bereichernd empfand. Ich kann behaupten, dass ich in den 22 Monaten keine Langeweile hatte. Eine sehr erfüllende Zeit, für die ich sehr dankbar bin!

Das Interview führte Peter von Döllen.

Info

Zur Person

André Erich Denk

ist 54 Jahre alt, verheiratet und hat zwei Kinder. Der Brigadegeneral ist seit Januar 2019 Kommandeur der Logistikschule der Bundeswehr. Jetzt verlässt er die Schule.

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