Werkstattbesuch III: Bildhauerin Annette Bußfeld arbeitet filigrane Formen aus grobem Stein heraus

„Man muss den Mut zum Schlagen haben“

„„Man sucht sich das Material nach der Idee aus.“ Annette Bußfeld, Bildhauerin Grasberg.
08.01.2016, 00:00
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Von Donata Holz
„Man muss den Mut zum Schlagen haben“

Auf einen groben Klotz gehört ein grober Keil. Die Arbeit am Stein beginnt für Annette Bußfeld stets mit Hammer und Meißel, bevor es an den Feinschliff geht.

Donata Holz

Draußen vor der Halle lagern die Steine: Alabaster, Diabas und Sandstein. Was sie in sich bergen, ist für den Besucher noch nicht ersichtlich. Doch Annette Bußfeld sieht oft, was in einem Stein steckt. Annette Bußfeld ist Steinbildhauerin. Sie hat gerade ihr neues Atelier bezogen. Eine 100 Quadratmeter große Halle im Gewerbegebiet Grasbergs bietet nicht nur genügend Raum für ihre eigenen Arbeiten, sondern auch Plätze für ihre Schüler, denn die Künstlerin gibt Können und Wissen in zahlreichen Workshops und Kursen weiter.

Von jeher war es so, dass die Bildhauerin über Bilder und die dreidimensionale Vorstellung vieles besser erfassen konnte. „Die Sprache ist nicht mein Ding“, sagt Annette Bußfeld. Dennoch begann sie ihren beruflichen Weg mit Ausbildungen, bei denen die Sprache ein wichtiges Mittel war. Ursprünglich arbeitete sie als Sozialarbeiterin und Psychotherapeutin. Parallel dazu spielte die Kunst immer eine wichtige Rolle.

Als sie dann aus ihrer Heimatstadt Kassel nach Bremen zog, begann sie dreidimensional zu arbeiten. Seitdem hat sie die Ausdrucksstärke und die Eigenwilligkeit, die sie im Umgang mit dem Stein empfindet, nicht mehr losgelassen. Bis dahin hatte sie stets anderen Menschen geraten, die Dinge zu tun, die für sie wirklich wichtig waren. Jetzt war es an ihr, selbst eine solche Entscheidung zu treffen. So stieg sie zunächst für ein Jahr aus ihrem Beruf aus, um sich ganz der Bildhauerei zu widmen. Das ist nun schon über 15 Jahre her. Der Weg, den sie damals beschritt, führte zum Erfolg. Sie nahm an unterschiedlichen Akademien und bei verschiedensten Lehrern Unterricht, sodass sie eine vielseitige Ausbildung erfuhr.

Schon früh folgten Einzel- und Gruppenausstellungen, Preise, Lehraufträge sowie Studienreisen in die Arktis, nach Marokko und Malta, wo sie von kulturhistorischen Schätzen inspiriert wurde.

„Der Mensch hat schon immer künstlerisch gearbeitet, Dinge und Menschen in Form gebracht“, sagt Annette Bußfeld und zeigt dabei eine Replik von einer kleinen träumenden weiblichen Figur, die 30000 Jahre vor unsere Zeitrechnung auf Malta entstand.

Die Begegnung mit dieser Skulptur führte die Bildhauerin zu einer intensiven Auseinandersetzung mit der weiblichen Figur. Dabei hat sie unter anderem die Entwicklung der Göttinnen und Idole Maltas in den Jahren von 30 000 bis 3000 vor der Zeitrechnung nachempfunden. Dazu füllte sie in eine durchsichtige Röhre Sand ein, der zuvor gefärbt wurde, um unterschiedliche Gesteinsschichten zu suggerieren. In diese Sandschichten baute sie kleine Höhlen, in denen die einzelnen Göttinnen auf verschiedenen Ebenen so positioniert sind, dass es wie eine archäologische Ausgrabung wirkt.

Neben der Auseinandersetzung mit der weiblichen Figur erfolgte auch eine Hinwendung zur Darstellung von Tieren. In dem kleinen Ausstellungsbereich des Ateliers entdeckt man so in kleinstem Format zwei Bären, die an einem Felsen klettern. Dabei überrascht, wie aus einem groben Stein so filigrane Formen wie etwa die kleinen Ohren der Tiere herausgearbeitet werden können.

Wie schafft man es, einen rohen, kantigen Stein in diese zarten und oft weichen Formen zu bringen? „Man muss zunächst einmal den Mut zum Schlagen haben und viel von dem Stein wegzunehmen“, erklärt die Bildhauerin. Dabei ist es wichtig, eine Vorstellung von der Figur zu haben und auf dem Stein die Bereiche anzuzeichnen, die man wegschlagen wolle.

So bringt es Annette Bußfeld ihren Schülern bei. Sie selbst sieht schon auf Anhieb die Figur im Stein und weiß genau, wo sie ihr Werkzeug ansetzen muss. Schon bei der Auswahl des Steins spielt die Vorstellung von der späteren Form eine Rolle. „Man sucht sich das Material nach der Idee aus“, sagt die Bildhauerin, die nicht nur figürlich arbeitet, sondern auch abstrakte Skulpturen entwickelt, in denen es um die reine Form geht.

Es kostet eine Menge Kraft, den groben Stein mit Hammer und Meißel zu bearbeiten, bevor es mit anderen Werkzeugen an die Feinarbeit geht. Das ist vielleicht auch der Grund, warum es so wenige weibliche Steinbildhauer gibt, vermutet Annette Bußfeld.

Das Interesse an der Bildhauerei ist jedoch sehr groß, vor allem auch seitens der Frauen. So war Nicola Rosner zehn Jahre Schülerin von Annette Bußfeld und hat sich mittlerweile eine eigene künstlerische Position erarbeitet, sodass sie jetzt ebenfalls ihren Arbeitsplatz in dem neuen Atelier hat.

Die Kurse von Annette Bußfeld sind immer schnell ausgebucht. In ihrem Atelier Am Langenmoor 18 in Grasberg, bietet sie unterschiedliche Formate an. So beginnt am Donnerstag, 4. Februar, das „Offene Atelier“, das jeweils donnerstags von 10 bis 13 Uhr stattfindet, wobei die Termine frei wählbar sind.

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