Die von Monika Ulbrich geleitete Selbsthilfegruppe Krebsnachsorge trifft sich jeden vierten Donnerstag im Monat „Man sollte über die Krankheit reden“

Lilienthal. Monika Ulbrich sitzt zu Hause an ihrem Esstisch und sortiert Fotos. Hier ging’s mit dem Rad zum Heidelbeerpflücken nach Frankenburg, dies war eine Tour mit dem Torfkahn auf der Hamme.
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Von Siegfried Deismann

Monika Ulbrich sitzt zu Hause an ihrem Esstisch und sortiert Fotos. Hier ging’s mit dem Rad zum Heidelbeerpflücken nach Frankenburg, dies war eine Tour mit dem Torfkahn auf der Hamme. Die nächsten Bilder zeigen Frauen und auch ein paar Männer, die an gedeckten Tischen sitzen: Hier gab es ein gemeinsames Osterfrühstück, dort saßen sie bei der Weihnachtsfeier zusammen. Erinnerungen an viele schöne Stunden. Stunden, in denen das Leid, das diese Menschen eigentlich zusammenführt, vergessen werden kann. Die 61-jährige Lilienthalerin leitet seit August 2010 die Selbsthilfegruppe Krebsnachsorge, die im November 1998 gegründet wurde.

Monika Ulbrich hat kein Problem damit, über ihre eigene Krebserkrankung zu sprechen. Nicht in der Familie, nicht unter Freunden oder Bekannten und auch nicht in der Öffentlichkeit. Nach einem Sturz auf ein Nachtschränkchen habe der Schmerz in der linken Brust auch nach längerer Zeit nicht nachgelassen, erinnert sie sich daran, wie ihr Krebs eher zufällig entdeckt wurde. Sie sei selten zum Arzt gegangen, fast nie krank gewesen.

Umso größer der Schock, als ihr Arzt ihr die Diagnose mitteilte: Brustkrebs – „und zwar ein aggressiver“. Ulbrich: „Wer die Diagnose Krebs kriegt, ist erstmal ganz unten.“ Zunächst wisse man überhaupt nichts mehr und frage sich vor allem: Warum gerade ich? Dennoch lautet ihr Rat: Ruhig bleiben und sich informieren. Die Ärzte hätten ihr verschiedene Möglichkeiten aufgezeigt – Chemotherapie, Operation, und hinterher wieder Chemo und gegebenenfalls Bestrahlung. Ansonsten aber, so nicht nur ihre eigene Erfahrung, bleibe man mit seiner Diagnose oft weitgehend allein. Nach verschiedenen Stationen sei sie letztlich mehr oder weniger durch Zufall bei einer Ärztin im Henriettenstift in Hannover gelandet – „auch weil die auf meinen Wunsch eingegangen ist, mich bei abnehmendem Mond zu operieren.“

Schnell sei ihr klar gewesen, dass sie den üblichen Weg mit Chemo und Bestrahlung nicht gehen werde – auch auf die Gefahr, dass sich Metastasen bilden könnten. „Das muss aber jeder für sich entscheiden, da sollte jeder in sich hineinhören und schauen, was für einen selber der richtige Weg ist.“ Ihr Rat an Betroffene: „Man sollte über die Krankheit reden – mit der Familie oder Freunden, oder, wenn die nicht dafür offen sind, dann mit Gleichgesinnten. Oder sich professionelle Hilfe suchen.“

Sie persönlich stehe auf dem Standpunkt, dass sich der Körper durchaus selbst heilen könne. Ulbrich: „Ich bin ein positiv denkender Mensch.“ Vielleicht habe sie deshalb selbst auch nie psychologische Betreuung gebraucht. Und vielleicht liegt es genau an dieser positiven Grundeinstellung, dass für sie ihre Krebserkrankung – was ihr Mann gar nicht gern höre – fast so etwas wie ein Geschenk gewesen sei. „Man kommt wieder zu sich selbst, wirft ganz viel Ballast ab, trennt sich auch von Freunden, die keine sind...und man genießt das Leben mehr.“ Mit dem Körper sei uns ein ganz tolles Instrument übergeben worden. Aber wir müssten auch ein bisschen mehr darauf achten. Das tue sie. Ganz wichtig sei aber auch: Man müsse an die Genesung glauben. „Der Glaube kann Berge versetzen.“ Und das meine sie gar nicht im religiösen Sinn.

Tatsächlich gab es aber für die Mutter dreier erwachsener Kinder auch Rückschläge: Metastasen tauchten an verschiedenen Stellen ihres Körpers auf. „Ich hab’s immer gemerkt, wenn irgendwas nicht in Ordnung war“, hat Ulbrich gelernt, auf ihren Körper zu achten. Es folgten kleinere und größere Eingriffe, die letzte OP liegt jetzt drei Jahre zurück. Monika Ulbrich fühlt sich heute gesund, auch wenn sie weiß: Statistisch gilt man erst als geheilt, wenn fünf Jahre lang keine weiteren Tumore entstanden sind.

Ihre eigenen Erfahrungen, aber auch die anderer Betroffener möchte sie in der Selbsthilfegruppe Krebsnachsorge weitergeben. Die Gruppe, 14 Frauen und ein Mann im Alter zwischen 40 und über 70 Jahren, trifft sich jeden vierten Donnerstag im Monat zwischen 18 und 20 Uhr im Amtmann-Schroeter-Haus. Und da geht es – trotz oder vielleicht gerade wegen des ernsten Anlasses, der die Menschen zusammenführt – durchaus fröhlich zu. „Wir reden gar nicht immer über Krebs, ganz im Gegenteil“, unterstreicht Ulbrich. Vielleicht liege es auch daran, dass viele Mitglieder auch Jahre nach ihrer Genesung der Gruppe nicht den Rücken gekehrt hätten.

Die Krankheit sei nämlich eigentlich immer nur dann Thema, wenn jemand Neues dazu komme oder jemand Fragen habe oder einfach das Bedürfnis, mal in der Runde darüber zu reden. Ansonsten sei die Gruppe abseits des monatlichen Termins viel unterwegs, höre Vorträge zu Gesundheits- und anderen Themen. Oder treffe sich einfach zum gemütlichen Beisammensein. 2011 legte Monika Ulbrich das erste Fotoalbum von diesen Treffen an. Wenn sich die Selbsthilfegruppe am 11. Dezember zur Weihnachtsfeier trifft, wird die Lilienthalerin auch wieder Bilder machen. Und bald ist dann wohl auch das zweite Fotoalbum voll.

Die Selbsthilfegruppe Krebsnachsorge trifft sich jeden vierten Donnerstag im Monat, das nächste Mal also am 26. November, von 18 bis 20 Uhr im Amtmann-Schroeter-Haus. Die Gruppe nimmt gern neue Mitglieder auf und ist offen für Betroffene, Angehörige und Interessierte. Ansprechpartner: Monika Ulbrich, (0 42 98 / 46 78 72) sowie ihr Stellvertreter Klaus-Dieter Hennicke (0 42 98 / 92 14 29).

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