Salemskirche Mauern mit bewegter Geschichte

Wenn sie reden könnten, die Mauern der Salemskirche in Tarmstedt, sie könnten allerhand erzählen. 125 Jahre alt wird das Bauwerk im kommenden Jahr.
13.12.2017, 17:43
Lesedauer: 4 Min
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Von Johannes Heeg

Tarmstedt. Wenn sie reden könnten, die Mauern der Salemskirche in Tarmstedt, sie könnten allerhand erzählen. 125 Jahre alt wird das Bauwerk 2018, und in all den Jahren gab es natürlich jede Menge Gottesdienste, darunter etliche mit Taufen, Hochzeiten, Konfirmationen. Zahlreiche Predigten wurden gehalten, und auch viele Konzerte fanden in dem Gotteshaus statt. Eine Sache aber blieb bislang einzigartig: das Kirchenasyl, das die Kirchengemeinde im Frühjahr 2016 einem Flüchtling aus dem Iran gewährte.

Ein Akt des zivilen Ungehorsams aus humanitären Gründen. „Dazu stand und steht die Kirchengemeinde“, sagt Pastor Martin Rothfuchs. Auch diese Aktion gehöre zu ihrer Geschichte. Die begann 1882, als die freie evangelisch-lutherische Salemsgemeinde gegründet wurde. 18 Mitglieder hatte sie damals, heute sind es 290. Mit dem Bau ihrer Kirche ließen sich die Gläubigen gerade mal zehn Jahre Zeit, und am 6. Januar 1893 wurde das Gotteshaus eingeweiht.

Genau 125 Jahre später, am Sonnabend, 6. Januar 2018, soll daran mit einer musikalischen Feierstunde erinnert werden. Der einstige Jugendchor der Kirchengemeinde, der sich längst als „übergemeindlicher Chor“ (Pastor Rothfuchs) versteht und sich in Chordia umbenannt hat, wird singen, ebenso der Kinderchor „Fisherman's friends“. Außerdem wird der Posaunenchor der Kirchengemeinde zu hören sein, und Grußworte „von Freunden und Nachbarn“ sind zu auch erwarten. Dazu zählen unter anderem der Tarmstedter Bürgermeister sowie Wolfgang Preibusch, der Pastor der Kirchengemeinde Kirchtimke.

Tags drauf, am Sonntag, 7. Januar, gibt es um 15 Uhr einen Festgottesdienst mit anschließender Kaffeetafel. Diesen Termin haben die Salemsleute bewusst für den Nachmittag angesetzt, „damit möglichst viele aus den Nachbargemeinden mitfeiern können“, so Rothfuchs. Denn seit Jahrzehnten pflege die selbstständige Salemsgemeinde einen guten Kontakt zu Kirchengemeinden, die der Hannoverschen Landeskirche angehören. In der Samtgemeinde Tarmstedt wird das immer dann deutlich, wenn sich die Pastoren bei offiziellen Anlässen abwechseln oder gegenseitig vertreten, beispielsweise bei den Schulentlassungsfeiern. Auch die vier Posaunenchöre, die es in der Samtgemeinde gibt, arbeiten eng zusammen, betreiben die Ausbildung der Musiker gemeinschaftlich und haben viele gemeinsame Auftritte, wie zuletzt am ersten Advent beim Weihnachtsmarkt in Tarmstedt.

Doch zurück zur Kirche. Die bekam „ca. 1904“, wie es in der Chronik der Salemsgemeinde heißt, ihre erste Orgel. 1905 war bereits die erste Reparatur des Kirchendaches fällig. Am 5. Juni 1913 schlug ein Blitz in den Dachreiter der Kirche ein und zerstörte Glocke und Orgel. Bereits am 14. Dezember 1913 wurden der neue Turm und die neue Glocke eingeweiht. Die neue Orgel, ein Fabrikat der Firma Ackermeier, wurde 1914 geweiht. Unterdessen wuchs die Gemeinde beständig an: 1900 zählte sie 80 Glieder, 1916 waren es 102, 1939 bereits 124.

Im August 1926 beschloss die Gemeinde, die bis 1978 mit der Verdener Zionsgemeinde einen gemeinsamen Pfarrbezirk bildete, ein eigenes Pfarramt in Tarmstedt zu errichten und ein Pfarrhaus zu bauen. Schon am 31. Oktober 1926 wurde der Beschluss aber wieder zurückgenommen. Erst 1978 wird die Salemsgemeinde ein eigener Pfarrbezirk, bekommt ihr eigenes Pfarrhaus und mit Günther Schulz auch einen eigenen Pastor.

1955 wurde die Empore der Kirche erweitert, und fürs Jahr 1959 vermeldet die Chronik einen Fortschritt in Sachen Gleichberechtigung: „Frauen der Gemeinde dürfen als Zuhörer an den Gemeindeversammlungen teilnehmen.“ 1960 zählte die Gemeinde 170 Köpfe. Sie wuchs weiter, so dass 1966 beschlossen wurde, die Kirche zu renovieren und zu erweitern. Damals erhielt sie ihre heutige Form, das Gebäude bekam einen neuen Dachstuhl, wurde länger und höher, und erneut wurde die Empore vergrößert. Die Weihe erfolgte am 7. Januar 1968 zum 75-jährigen Kirchweihjubiläum. Durch den Umbau wurde der umbaute Raum verdoppelt, seitdem bietet das Kirchenschiff rund 200 Plätze, weitere 30 Plätze gibt es auf der Empore. Die Bausubstanz sei gut, lediglich das Kircheninnere könne mal einen neuen Anstrich vertragen. „Das haben wir bis jetzt leider nicht geschafft“, sagt Rothfuchs. Die Malerarbeiten würden aber „in naher Zukunft“ nachgeholt, sobald die entsprechenden Beschlüsse vorlägen.

Was sich seit 1882 nicht geändert hat: Seit der Gründung der Salemsgemeinde müssen die Mitglieder sämtliche Kosten selber tragen. „Das Gemeindeleben beruht auf dem Engagement der Mitglieder“, so Pastor Rothfuchs. Damit meint er zum einen die Arbeitskraft, zum anderen aber auch den finanziellen Teil. Wie in den anderen SELK-Gemeinden zahlten die Mitglieder keine Kirchensteuer, sondern leisteten Beiträge und Spenden direkt an die Kirchengemeinde. Deren Höhe lege jeder selbst fest, so Rothfuchs. Die Kirchengemeinde habe keine Befugnis, ihren Leuten ins Portmonee zu schauen. Trotzdem funktioniere das auf Freiwilligkeit basierende System „erstaunlich gut“. Die Gemeinde stelle jedes Jahr ihren Haushalt auf, nachdem sie ihren Finanzbedarf ermittelt habe. Um Transparenz zu schaffen, würden die Gemeindemitglieder regelmäßig informiert – auch jene, die nicht mehr in Tarmstedt lebten.

Und was das einmalige, 52 Tage dauernde Kirchenasyl betrifft: „Die Sache ging gut aus“, erzählt Pastor Rothfuchs. Der junge Iraner, ein christlicher Konvertit, habe seit einigen Tagen seine Anerkennung als Asylbewerber in der Tasche. „Er sollte nach Ungarn abgeschoben werden, und wir haben das verhindert.“ Seit September 2016 ist er Mitglied der Salemsgemeinde.

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