Wissenschaftler sprechen in der St.-Willehadi-Kirche über Ursachen und Perspektiven einer Migrationsbewegung

„Mauern und Zäune sind keine Lösung“

„Die Flüchtlinge kommen auch weiterhin, wenn kein fairer Handel stattfindet.“ Stefan Luft, Politikwissenschaftler Osterholz-Scharmbeck.
27.06.2015, 00:00
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Von Klaus Grunewald
„Mauern und Zäune sind keine Lösung“

Referenten-Duo: Stefan Luft und Professorin Dagmar Borchers sprachen beim Loccumer Kreis in der St.-Willehadi-Kirche. GRU·

Klaus Grunewald

Weltweit sind 60 Millionen Menschen auf der Flucht vor Krieg, Despoten, Hunger und Armut. Und ihre Zahl steige weiter, sagt der Bremer Politikwissenschaftler Stefan Luft. Zusammen mit Dagmar Borchers vom Institut für Philosophie der Uni Bremen erläuterte Luft in der St. Willehadi-Kirche Ursachen und Perspektiven einer Migrationsbewegung, die inzwischen in Europa und Deutschland für erhebliche Ängste sorgt.

In einer globalisierten Welt würden die Grenzen offener, sollte man meinen. Das gilt indes vor allem für Waren- und Geldströme. Menschen, die vor Krieg und Tod fliehen, stoßen nach den Schilderungen von Stefan Luft zunehmend auf Mauern. In Form von gewaltigen, oft Tausende von Kilometern langen und mit Nato-Draht versehenen Zäunen oder digitalen Überwachungssystemen.

„Offene Grenzen?“ lautete das Thema der Vortrags- und Diskussionsreihe „Willis Woche“. Die Antworten der von Heinrich Grün vom Loccumer Kreis vorgestellten Experten aus der Hansestadt wollten rund 100 Kreisstädter hören, unter ihnen einige Schulklassen. Und viele Besucher dürften sehr nachdenklich den Heimweg angetreten haben. Denn die Flüchtlingsproblematik, daran ließen Luft und Borchers keinen Zweifel, werde Politik und Bürger insbesondere in den reichen Ländern zunehmend intensiver beschäftigen.

Dazu zähle insbesondere Europa, unterstrich der Bremer Politikwissenschaftler. Denn selbst in den ärmsten Regionen von Bulgarien und Rumänien sei der Lebensstandard noch wesentlich höher als in Nigeria oder im Senegal. Doch der Abwehrkampf, den die Europäische Union führe, werde nicht fruchten, prognostiziert Luft: „Die Flüchtlinge kommen auch weiterhin, wenn nicht weltweit ein fairer Handel und eine stärkere Umverteilung stattfinden.“ Die Existenzgrundlage von Kleinbauern und Fischern in Afrika zum Beispiel, so Luft, werde von Konzernen im Einvernehmen mit den herrschenden Diktatoren vor Ort vernichtet. Fairer Handel, der den Menschen in Afrika eine Lebensgrundlage ermöglicht, bedeute allerdings auch höhere Lebensmittelpreise für Verbraucher in Deutschland.

Jeder Mensch hat nach Auffassung bedeutender Philosophen das Recht, dorthin zu gehen, wohin es ihn ziehe. Gleichzeitig aber, so die Bremer Philosophie-Professorin Dagmar Borchers, erwarteten etwa die Bürger der Bundesrepublik, dass der Staat sich um ihre Sicherheit kümmere. Wenn also afrikanische Flüchtlinge in Deutschland leben wollten, müssten sie Grundgesetz und Verfassung akzeptieren. Zur Willkommenskultur in der Bundesrepublik gehöre es jedoch gleichzeitig, Einwanderer als Menschen zu respektieren. Borchers: „Ohne diese wechselseitigen Beziehungen, nämlich Anerkennung des Rechtsstaats und seiner Gesetze einerseits, und Toleranz gegenüber den vor Krieg und Elend geflohenen Menschen andererseits, klappt gesellschaftliches Zusammenleben nicht.“

Was Europa zurzeit erlebe, seit letztlich das Resultat von 150 Jahre brutalem Imperialismus in Afrika, argumentierte ein Besucher in der Willehadi-Kirche. Jetzt zahle man die Zeche dafür. Eine moralische Rückschau, die indes aus Sicht der Bremer Philosophie-Wissenschaftlerin nicht bei der gegenwärtigen Problembewältigung hilft. Heute gelte es vielmehr, weltweite Anstrengungen zu unternehmen, um die Strukturen für ein humanes Leben und Überleben etwa auf dem afrikanischen Kontinent zu schaffen.

Dagmar Borchers und Stefan Luft sprachen sich zugleich dafür aus, „innere Grenzen“ abzubauen. Viele Bundesbürger hätten heute hohe Ansprüche an die eigene Lebensqualität und wollten ihr eigenes Wohlbefinden nicht mit Problemen wie Migration belasten. Ganz wichtig aber für den sozialen Frieden sei, sich gegenüber Flüchtlingen und Asylbewerbern nicht abzuschotten, sondern den Kontakt zu suchen. Dann würden sich viele Vorurteile von selbst abbauen. Luft: „Dort, wo in Deutschland zum Beispiel wie in Dresden die wenigsten Muslime leben, sind die Vorurteile am größten.“

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