Verbände fordern empörte Landwirte zu konstruktivem Dialog auf Moorschützer weisen Attacken zurück

Seit Bekanntwerden des geplanten Landesraumordnungsprogramms hagelt es Kritik der Landwirte. Von Zwangsenteignung per Wiedervernässung ist die Rede. Etliche Wochen lang haben die Naturschützer dazu geschwiegen, doch nun reicht es ihnen.
08.11.2014, 00:10
Lesedauer: 2 Min
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Moorschützer weisen Attacken zurück
Von Bernhard Komesker

Seit Bekanntwerden des geplanten Landesraumordnungsprogramms hagelt es Kritik der Landwirte. Von Zwangsenteignung per Wiedervernässung ist die Rede. Etliche Wochen haben die Naturschützer dazu geschwiegen, doch nun reicht es ihnen. Die Landvolk-Lobby betreibe Desinformation und Propaganda mit irreführenden Behauptungen zu den Plänen des Grünen-Landwirtschaftsministers, sagen die Vertreter der „Aktion Moorschutz“.

Die Biologische Station

Osterholz (Bios) und der Naturschutzbund (Nabu), der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) und die Aktionsgemeinschaft Bremer Schweiz (AGBS) haben die Landwirte in der Region dazu aufgefordert, ihre Verweigerungshaltung aufzugeben und sich dem Ziel einer Verringerung der Treibhausgase zu stellen. Hans-Gerhard Kulp (BUND) und die Bios-Mitarbeiterin Jutta Kemmer erklären, die geplante Ausweisung von Vorranggebieten für die Torferhaltung solle die weitere Abtorfung sowie industrielle Großvorhaben ausbremsen – nicht mehr und nicht weniger.

„Die protestierenden Bauern übersehen, dass die in ihren Reihen kursierende Karte der Torfvorkommen in Niedersachsen nicht 1:1 ins Raumordnungsprogramm übernommen wird“, so Kulp. Es handele sich um eine Kartierung der Moore von vor 40 Jahren, bekräftigt die stellvertretende Vorsitzende der Nabu-Gruppe Worpswede, Angelika Wieczorek. „Es wäre gar nicht sinnvoll, jeden Landeszipfel als Vorranggebiet auszuweisen.“ Vielmehr müssten es große Flächen mit einer Mindeststärke von 1,3 Meter Torf sein, damit sie als Kohlenstoff-Speicher funktionierten.

Hinsichtlich der Treibhausgas-Emissionen sei das Teufelsmoor ein „Hot Spot“, räumt Kulp ein. „Die Bewirtschaftung der alten Moorflächen setzt nun mal ganz besonders viel CO2 frei“, betont der Bios-Mitarbeiter und verweist auf die Klima-Ziele der Bundesregierung. „Klimaschutz ist eine Querschnittsaufgabe.“

Jutta Kemmer von der Koordinationsstelle für naturschutzfachliche Verbandsbeteiligung (KVN) findet, die aufgebrachten Landwirte im Kreis Rotenburg verkennen, dass ihr Protest einer weiteren Abtorfung in die Karten spiele; diese Flächen wären für die Landwirtschaft dann ganz verloren, so Kemmer. Eine Extensivierung indes ginge nur freiwillig und nicht gegen den Willen der Eigentümer, ergänzt die AGBS-Sprecherin Martine Marchand. Um die ärgsten Ertragseinbußen abzufedern, gebe es seit diesem Jahr ein neues, recht üppiges Förderprogramm für die Moorbauern, die es einmal versuchen wollen. Marchand: „Das ist ein Angebot, kein Muss.“

Auch bei Fragen der Wiedervernässung, die nur in unbesiedelten Gegenden sinnvoll und möglich sei, werde nicht mit offenen Karten gespielt, so ein Vorwurf der Naturschützer: Die Betroffenheit der benachbarten Flächen muss schon heute immer auch mitgeprüft werden, weiß Jürgen Röper von der Nabu-Ortsgruppe Hambergen.

Theoretisch könnten die Landwirte auch in den Gebieten, die künftig ein Torfschutz-Privileg erhalten, weiter wirtschaften wie bisher. Sie behielten bei einem Verkauf von Pachtflächen ja auch ihr Vorkaufsrecht. Im Raum Teufelsmoor aber sei ja nun erkennbar, dass die fortwährende Bewirtschaftung die Böden absacken lässt, sodass diese bald gar nicht mehr zu entwässern sind. Röper findet es bedauerlich, dass sich die meisten Landwirte ihrer Mitverantwortung nicht konstruktiv stellen.

Der Biologe Hans-Gerhard Kulp hat das bei seinem Gastvortrag vor Osterholzer Landvolk etwas anders erlebt: „Die waren nicht begeistert, aber sie haben auch nicht gegrölt.“ Er verstehe die Existenzsorgen der Branche, aber: „Das Höfesterben dieses Rattenrennen ,Wachsen oder Weichen’, ist auf dem Agrarsektor ja so oder so im Gange.“ Der Nabu-Kreisvorsitzende Peter Heyer drückt sich drastischer aus: „Für mich ist das hanebüchene, unverantwortliche Stimmungsmache, die den Moorschutz in Misskredit bringt.“

Siehe Bericht Seite 6

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