Pianistin Hwa-Kyung Yim in Worpswede "Musik ist eine Sprache"

Mit einem Konzert der Pianistin Hwa-Kyung Yim endet am 20. November der Musikherbst in Worpswede. Yim wird Werke von Younghi Pagh-Paan und Helmut Lachenmann spielen.
19.11.2015, 00:00
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Von Michael Schön

Mit einem Konzert der Pianistin Hwa-Kyung Yim endet am 20. November der Musikherbst in Worpswede. Yim wird Werke von Younghi Pagh-Paan und Helmut Lachenmann spielen.

Für die Pianistin Hwa-Kyung Yim beginnen Übungstage, Konzertabende und Unterrichtsnachmittage mit immer dem gleichen Ritual. Sie spielt eine halbe Stunde lang Passagen aus Johann Sebastian Bachs „Das Wohltemperierte Klavier“, einer Sammlung von Fugen und Präludien, die der sächsische Meister der Barockmusik – unter Ausnutzung einer Innovation bei der Stimmung von Clavichord und Cembalo – in allen Dur- und Molltonarten komponiert hatte. „Das ordnet die Hände“, erklärt die Südkoreanerin.

Hwa-Kyung Yim hat sich indes in erster Linie als Interpretin von Neuer Musik einen Namen gemacht. Unter diesem Sammelbegriff für ganz verschiedene Strömungen mitteleuropäisch geprägter Klangkunst fallen auch die Werke von Younghi Pagh-Paan und Helmut Lachenmann, die Hwa-Kyung Yim am Freitag, 20. November, während eines Klavierabends vorstellen wird. Eingeladen hat der Trägerverein Podium Worpswede, der damit den Reigen seiner diesjährigen Musikherbst-Konzerte beendet. Beginn ist um 20 Uhr im Gemeindesaal der Alten Schule, An der Kirche 5 in Worpswede.

Die Pianistin erinnert sich gern an den Auftritt, den sie vor einem Jahr an dem alten Steinway-Flügel im Gemeindesaal im Zusammenspiel mit der Sopranistin Angela Postweiler hatte. „Ein sehr schöner Rahmen, ein gebildetes Publikum und eine mit Niveau geführte Diskussion“, so ihr Rückblick auf das Gesprächskonzert mit Stücken von experimentierfreudigen Tondichtern wie dem 1992 verstorbenen Amerikaner John Cage.

Von ihren Fingerübungen mit dem „Wohltemperierten Klavier“ erzählt Hwa-Kyung Yim nicht ohne Hintergedanken. Sie will damit einen Beleg dafür anführen, dass es immer auch der technische Fortschritt war, der große kompositorische Leistungen begünstigte. Nach dem „wohltemperierten“ Cembalo kam das Hammerklavier, nach dem Beethoven sogar eine seiner Sonaten benannt hatte. Ein völlig unerhörter Klang, der die Komponisten zur „Neutönerei“ inspirierte und ihnen ein erweitertes Spektrum von Möglichkeiten, vor allem hinsichtlich Klangvolumen und Ausdrucksstärke melodischer Linien eröffnete. Und so, versichert die Koreanerin, verhalte es sich auch mit der Neuen Musik. Die Verbesserungen beim Instrumentenbau beförderten die Suche nach neuen Klängen, neuen Formen und neuen Verbindungen von alten und neuen Stilmerkmalen. „Man darf musikalisch nicht immer nur 200 Jahre zurückblicken, sondern muss auch in der Gegenwart leben. Wir wollen doch der Nachwelt auch Zeugnisse der Kreativität unserer Zeit hinterlassen, damit später niemand denkt, wir wären in die Barbarei zurückgefallen!“ Hwa-Kyung Yim will das Publikum ihres Worpsweder Klavierabends daher ermuntern, sich ungewohnten Klängen zu öffnen. Die Gegenüberstellung von traditionellen und zeitgenössischen Werken ist ihr neben der Förderung des Nachwuchses und sozialer Projekte ein besonderes Anliegen.

Chopins Etüden gespielt

Auf dem Kunstgymnasium in Seoul war sie vor allem dem klassisch-romantischen Fach zugewandt, spielte die Etüden Frédéric Chopins und Klavierwerke von Robert Schumann, Franz Schubert, Wolfgang Amadeus Mozart und Ludwig van Beethoven („Das rührt auch heute noch meine Seele an“). Zugleich interessierte sie sich sehr für Musiktheorie und Kompositionstechnik. Nachdem der Hamburger Professor Detlef Kraus ihre Begabung entdeckt und sie in seine Essener Talentschmiede geschickt hatte, heiratete sie 1986 Jörg Birkenkötter, seit 2011 Professor für Kompositionstechnik an der Bremer Hochschule für Künste. Etwa zur selben Zeit und insofern auch nicht ganz zufällig habe sie auch die Neue Musik lieben „gelernt“, was in diesem Fall durchaus wörtlich zu nehmen ist. „Denn Musik ist ja eine Sprache, die erst erlernt werden will.“ Dieses Gefühl, in einem Prozess des allmählichen Verstehens voranzukommen, ist für sie der wesentliche Reiz, den die Neue Musik ausübt, sei es für den Zuhörer oder für den Ausführenden. Der Pianist habe besonders auf die Klangkultivierung Sorgfalt zu legen. „Jeder Komponist hat seine eigene Harmonik.“ Die Musik der Gegenwart ist mit viel größeren Freiheiten geschaffen worden als etwa jene des Barock, die unter den strengen Regeln des Kontrapunkts von Kirchenmusikern entwickelt wurde.

Wer sich in die Neue Musik eingehört habe, verspricht die Pianistin, könne die alte mit geschärften Sinnen und „frischen Gedanken“ erleben. Und erst dem Interpreten von Neuer Musik würde sich erschließen, welche Ideen sich hinter den Spielanweisungen eines historischen Notenschreibers verbergen.

Karten für das Konzert des Musikherbstes gibt es über Worpswede-Touristik, 0 47 92 / 93 58 20. Der Eintritt beträgt 20 Euro, ermäßigt 15 Euro.

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