Landkreis Osterholz Nach angeblicher Rehkitz-Tötung: Landwirt fürchtet Racheaktionen

Eine Lilienthalerin hat einen Wildunfall beobachtet und dies in einem sozialen Netzwerk gepostet. Jetzt streitet man dort über das richtige Maß beim Tierschutz. Und der Landwirt befürchtet Racheakte.
27.05.2018, 15:12
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Petra Scheller

Die Tötung mehrerer Rehe in der Region hat eine emotionsgeladene Debatte nach sich gezogen. Wie berichtet, will ein Ehepaar am Pfingstwochenende auf einer landwirtschaftlichen Fläche zwischen Vollersode und Ostersode beobachtet haben, wie ein Treckerfahrer zwei Rehkitze erschlagen und sie am Rand einer Wiese abgelegt hat. Aus Grasberg schilderte in der vergangenen Woche eine Abiturientin einen Vorfall, wonach ein Landwirt zwei Rehe überfahren und sie schließlich auf dem Nachbargrundstück entsorgt hat.

Er habe die Kitze "weggeschmissen", sagt Zeugin Kim Luna Pehlke im Gespräch mit unserer Redaktion über den Fall in Grasberg. Die Lilienthalerin hatte ihre Sichtung umgehend in einem sozialen Netzwerk geteilt. Daraufhin brach dort ein emotionsgeladener Streit aus. Die Administratoren schlossen schließlich die Kommentarfunktion in dieser Diskussionsgruppe.

Lesen Sie auch

Angst vor Racheaktionen

Zurück bleibt Angst, sagen die Protagonisten. Pehlke hat Sorge, von Landwirten erkannt und gemobbt zu werden. Der Landwirt, der an diesem Tag auf seinem Trecker auf einer Fläche in Grasberg seine Mahd einfuhr und dabei von der Abiturientin beobachtet wurde, wie er ein Reh tötete, hat derweil Angst vor Übergriffen: "Dass jemand auf meinen Hof kommt, in die Scheune geht oder die Reifen durchsticht", sagt der Mann, dessen Name der Redaktion bekannt ist. Es sei ein so heftiger "Shitstorm" über ihn hereingebrochen, dass er seit dem Pfingstwochenende schlecht schlafe.

Was an diesem Wochenende in Grasberg geschah, dazu gibt es zwei unterschiedliche Darstellungen. Ausgangspunkt der Debatte war Kim Luna Pehlkes Eintrag in einem sozialen Netzwerk: "Wie gewissenlos doch einige Menschen sein können. Als ich heute Morgen zufällig in Grasberg war, bekam ich zu sehen, wie ein Landwirt seine Wiese mähte. Der Landwirt mähte trotz des auffälligen Verhaltens der Elterntiere zwei Rehkitze nieder", postete Pehlke. Anschließend soll der Bauer nach ihrer Schilderung die Tiere an den Hinterbeinen gepackt und auf eine benachbarte Wiese "geschmissen" haben. Die junge Frau saß gerade mit ihrem Vater in dessen Büro am Frühstückstisch, als sie die Beobachtung machte. Auch der Vater ist Zeuge des Geschehens.

Pehlke ist nach dem Unfall sofort an den Ort des Geschehens auf die Wiese gelaufen, um zu sehen, ob die Kitze auch wirklich getötet worden seien. Dort angekommen, habe sie das Gespräch mit dem Landwirt gesucht, "um ihm zu sagen, dass man so nicht mit Tieren umgeht". Der Landwirt habe ihr geantwortet, er hätte "das Rehkitz ja schon weggeschmissen".

Der Mann auf dem Trecker räumt die Tötung ein: "Leider habe ich ein Kitz totgefahren", sagt er und betont: "Das macht keiner mit Absicht!" An seinem Fahrzeug sei ein sogenannter Reh-Pieper befestigt gewesen, ein Gerät, das die Tiere warnen soll. Der Landwirt sagt, Pehlke habe ihre Beobachtung aus 300 Metern Entfernung gemacht. Er habe versucht, mit ihr ins Gespräch zu kommen. Doch sie sei emotional so aufgewühlt gewesen, dass kein Gespräch möglich war. "Man ist der Meinung, man hat alles richtig gemacht", sagt er gegenüber unserer Redaktion.

Von einem zweiten Rehkitz, das er angefahren haben soll, wisse er nichts. Kim und Holger Pehlke schildern die Situation anders. Zwei Minuten nach dem ersten überfahrenen Kitz soll ein zweites auf die Nachbarwiese geworfen worden sein, sagen die Zeugen. Der Landwirt streitet das ab.

Ein verantwortungsvoller Mensch hätte anders reagiert, kritisiert Vater Pehlke. Der Landwirt habe mit einem kleinen Trecker gearbeitet und die Wiese gut im Blick gehabt. "Allein dieses Schmeißen", kritisiert er. Er habe kein Verständnis für so ein Vorgehen und stehe voll und ganz hinter seiner Tochter. Er habe zugestimmt, die Sache öffentlich zu machen.

Polizei liegt Anzeige vor

Sowohl der Kreislandwirt Stephan Warnken als auch der Vorsitzende der Kreisjägerschaft, Florian Lucas, gehen dem Vorfall derzeit nach. Zu weiteren Details wollte sich Lucas bislang noch nicht äußern. "Das sind ja zur Zeit lauter sehr subjektive Äußerungen, die da die Runde machen."

In dem zweiten bekannt gewordenen Fall einer Rehkitztötung bei Vollersode haben die Zeugen bereits Anzeige erstattet. Gegen den Landwirt aus Grasberg allerdings laufen bislang keine Ermittlungen, sagt Polizeisprecher Helge Cassens auf Nachfrage. Das unnötige Töten von Tieren steht in Deutschland unter Strafe. Das regele das Bundesnaturschutzgesetz, bestätigt die Sprecherin des Naturschutzbund Lilienthal. Landwirte seien verpflichtet, im Falle eines Wildunfalls die jeweiligen Jagdpächter ihrer Flächen zu unterrichten. Nur sie dürften das Wild ordnungsgemäß von den Wiesen entfernen. Dem Landwirt aus Grasberg ist diese Regelung nicht bekannt, wie er sagt.

Kreislandwirt Warnken hofft auf ein Gespräch aller Beteiligten. "Wir haben es hier mit Tierleid und mit Menschenleid zu tun", sagt er betroffen. Menschen sollten miteinander sprechen. Die Umwelt sei ein Lebensraum für alle Lebewesen. "Es geht darum", so Warnken, "alle Tiere zu schützen, und trotzdem passiert so etwas – leider."

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+