Zweiter Bildungsweg Neues Projekt bietet neue Chance

Das Jobcenter des Landkreises hat mit einigen Projektpartnern ein einjähriges Angebot aufgelegt, bei dem junge Menschen bis 2020 den Hauptschulabschluss nachholen können. Es ist mit 18 Teilnehmern gestartet.
27.08.2019, 17:27
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Neues Projekt bietet neue Chance
Von Bernhard Komesker

Landkreis Osterholz. Sie kommen aus Syrien und dem Irak, aus Deutschland und Großbritannien, aus Serbien, Afghanistan und dem Iran. 18 Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 16 und 25 Jahren haben nach den Sommerferien damit begonnen, in der Jugendwerkstatt des Landkreises den Hauptschulabschluss nachzuholen. Das kommunale Jobcenter kooperiert dabei unter anderem mit der Volkshochschule Osterholz-Scharmbeck und der Bildungsstätte Bredbeck.

Neu an dem einjährigen Angebot sind nicht nur das Lernen an verschiedenen Orten und die enge sozialpädagogische Betreuung; auch die ganztägige Verknüpfung von Theorie-, Praxis- und Freizeit-Modulen markiert aus Sicht der Kreisverwaltung eine neue Qualität. Landrat Bernd Lütjen und Sozialdezernentin Heike Schumacher unterstrichen im Pressegespräch, das Jobcenter könne bei diesem Angebot seine Stärken ausspielen: „Durch den engen Dialog von Jugend- und Sozialamt mit den Bildungsträgern können wir die jungen Leute gut erkennen und herausfinden, wie wir am besten unterstützend tätig werden können“, so Schumacher.

Das Ganze sei vertraglich geregelt, wie Sachgebietsleiter Florian Lührsen für die Jugendwerkstatt darlegt: Die Werkstatt des Jugendamts ist zu regelmäßigen Berichten an das Jobcenter verpflichtet, das ihr die Kursteilnehmer zugewiesen hat und das über Hilfen zum Lebensunterhalt auch an der Finanzierung beteiligt ist. Während die Jugendwerkstatt mit einem Eigenanteil die räumlichen und personellen Ressourcen bereitstellt, werden die Lehrkräfte über die VHS beschäftigt, die dafür Fördermittel akquiriert hat.

Laut Heike Schumacher handelt es sich um ein Musterbeispiel für das Zusammenspiel der Akteure vor Ort. Sie erinnert daran, dass sich der Landkreis deswegen vor 15 Jahren dazu entschieden habe, als sogenannte Optionskommune Arbeitsvermittlung und Leistungsgewährung unmittelbar zusammen und in Eigenregie zu übernehmen. Die bundesweit 104 kommunalen Jobcenter weisen darauf noch bis Freitag mit der Aktionswoche „Stark. Sozial. Vor Ort.“ hin. Laut Kampagne haben die Einrichtungen „Erfolgsgeschichten gelungener Jobintegration“ zu erzählen (siehe auch Bericht „Im zweiten oder dritten Anlauf“).

Genau nach Lehrplan

Der Kursus ist keine Schmalspur-Veranstaltung, wie Mathe-Lehrer Dominik Schmengler als Projektleiter betont: „Der Fachunterricht entspricht exakt dem Lehrplan, den das Land Niedersachsen für den Hauptschulabschluss vorsieht.“ Ein verbindlicher Wochenplan strukturiert für die Teilnehmer den Tag: Er umfasst ab 8 Uhr morgens täglich gut sieben Zeitstunden; freitags sind es 5,25 Stunden. Am Anfang stehe vor allem Deutsch und Mathematik auf dem Stundenplan; hinzu kommen Biologie, Geschichte, Geografie und Politik sowie im zweiten Halbjahr Englisch.

Der Fachunterricht, der in den VHS-Räumen stattfindet, summiere sich auf etwa 70 Prozent. Etwa 20 Prozent bestehen aus praktischem Arbeiten im Holz- oder Metallbereich der Jugendwerkstatt sowie aus EDV-Grundlagen, Kochen, Nähen, Kunst und Yoga. Zum Hip-Hop-Tanzen geht es ins Jugendhaus am Pumpelberg, bei der Wing-Tsun-Selbstverteidigung ist ein Trainer der Polizei mit im Boot.

Die verbleibenden zehn Prozent der Kurszeit entfallen auf soziales Lernen und Persönlichkeitsbildung, die Schmengler zufolge aber eigentlich immer und überall ein Thema sind. „Man darf nicht vergessen: 16 der 18 Teilnehmer haben einen Migrationshintergrund, teilweise sogar mit Fluchterfahrung.“ Neben der Sprachbarriere, die es für die meisten zu überwinden gilt, hätten die Jugendlichen letztlich auch hiesige Sozialisationserfahrungen im Zeitraffer nachzuholen. Der Projektleiter spricht Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit und Ordnung als Lernziele an.

„Die bisherigen Fehlzeiten in der Schullaufbahn haben bei einigen eine gewisse Relevanz dafür, dass es mit einem Abschluss bisher nicht geklappt hat.“ Dafür sei es von Vorteil, dass die Jugendwerkstatt wesentlich überschaubarer und weniger anonym sei als etwa eine große Berufsschule. Bei der späteren Berufswahl, so Schmenglers Hoffnung, eröffneten sich für die jungen Menschen darüber hinaus vielleicht auch neue Perspektiven jenseits der bisherigen Stereotypen. Bekanntlich gebe es beispielsweise in den sozialen Berufen einen besonderen Fachkräftemangel.

Sozialpädagogin Sophie Schmaske steht dabei täglich nach der Mittagspause als Ansprechpartnerin bereit. Sie besucht mit den Teilnehmern im Laufe des Schuljahrs vier mehrtägige Workshops in der Bildungsstätte Bredbeck. Berufs- und Lebenswegplanung sind laut Schmengler ohnehin ein wichtiger Bestandteil des Projekts. Berufsorientierung und Praktika, Bewerbungstrainings und Prüfungsvorbereitung sind vorgesehen; daneben aber auch politische Bildung etwa zu Umweltfragen, dem Geschlechterverhältnis oder zur digitalen Mündigkeit.

Landrat Bernd Lütjen ließ sich mit den übrigen Verwaltungsvertretern von zwei Kursteilnehmern über weitere Einzelheiten des neuen Angebots informieren. Er unterstrich, dass ein Schulabschluss in Deutschland nun mal von essenzieller Bedeutung für den weiteren Lebensweg sei: „Wir hoffen natürlich, dass wir in knapp einem Jahr möglichst viele Schulabschlüsse überreichen können.“

Im zweiten oder dritten Anlauf


Der 15. Juli 2020 ist der letzte Schultag vor den niedersächsischen Sommerferien. Bis dahin wird das OSTERHOLZER KREISBLATT in loser Folge zwei junge Menschen begleiten, die Mitte August damit begonnen haben, bei der Osterholzer Jugendwerkstatt ihren Hauptschulabschluss nachzuholen. Zum Auftakt der Serie stellen wir die beiden kurz vor.

Aven Dana ist 19 Jahre alt und stammt aus dem Irak. Neun Jahre lang ging sie dort zur Schule, bis sie als 15-Jährige mit ihrer Familie nach Deutschland flüchtete. Die Kurdin sagt, sie sei über Umwege in Bremen-Nord letztlich auf eine Empfehlung hin bei der Osterholzer Jugendwerkstatt gelandet. Joggen und Kochen seien ihre Hobbys, sagt Aven Dana und lacht, weil man ja meinen könnte, das hänge beides miteinander zusammen. „Ich glaube nicht, dass ich in ein paar Jahren zurück in den Irak gehe“, sagt die junge Frau. Dort müsste sie den ganzen Tag über zu Hause sitzen, und das sei doch langweilig. Sie wolle lieber in Deutschland eine Arbeit finden. Eldin Muric ist 18 Jahre alt und kommt aus Serbien. Nach sechs Jahren Schulbesuch kam er mit 14 nach Ritterhude. „Es war schwer für mich, weil ich kein Deutsch konnte“, erinnert er sich. Den Hauptschulabschluss habe er wegen seiner schlechten Englischnote verpasst: Wenn am Moormannskamp Englisch unterrichtet wurde, ging er mit 20 anderen Migranten in die Deutsch-Nachhilfe. Seine Englischarbeiten durfte er auf Serbisch schreiben – anschließend an der Berufsschule ging das nicht mehr. Zwei neue Sprachen waren eine zu viel. Eldin Muric würde später gerne Maler und Lackierer werden, so wie sein Vater.

„In Serbien ist ein Schulabschluss nicht so wichtig“, erzählt er: Ein Cousin habe studiert und finde keinen Job, ein anderer hingegen verdiene ohne ein Zeugnis schon gutes Geld. Eldin Muric gehört bereits einige Jahre zu den Fußballern der TuSG Ritterhude, spielt in der U 18 im Sturm. Später mal zurück nach Serbien? Der junge Mann schüttelt den Kopf: „Höchstens zum Urlaub machen.“

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