Fahrradtour durch die ehemalige DDR

Neuland im Osten entdeckt

Als die Mauer fiel, fuhr der Ritterhude Bernard Lange mit Jugendlichen durch die ehemalige DDR. Sie waren überwältigt von der Freundlichkeit, hatten Streit mit einem Bademeister und bekamen Post vom Bundespräsidenten.
08.11.2014, 19:30
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Von Wilhelm Schütte

25 Jahre nach dem Mauerfall kommen bei Bernard Lange die Erinnerungen wieder hoch. Während viele Ostdeutsche in den Westen strömten, unternahm der Judo-Trainer seinerzeit mit einer Jugendgruppe eine Radtour durch die neuen Bundesländer. Das, sagt Lange, sei damals so etwas wie eine Pioniertat gewesen – spannend und bewegend zugleich.

Unmittelbar nach der Wiedervereinigung eine Radtour mit Kindern und Jugendlichen durch die ehemalige DDR zu unternehmen, das war seinerzeit schon eine Herausforderung. Bernard Lange, Judo-Trainer der TuSG Ritterhude, hat es gewagt – und erinnert sich gerne daran. Mit einigen Helfern radelte nach der Wende eine Ritterhuder Gruppe aus zehn- bis 16-jährigen Judokas durch drei der fünf neuen Bundesländer.

Lange, Vorsitzender des Osterholzer Jugendherbergswerkes und Herausgeber mehrerer Bücher, schildert die Tour wie einen spannenden Bestseller. „Wir waren damals eine Seltenheit, zumal Fahrräder in der DDR eher die Ausnahme waren“, sagt der heute 68-Jährige. Übernachtet wurde in Jugendherbergen. „Wir sind fast überall mit offenen Armen empfangen worden, nur ganz vereinzelt gab es mal Komplikationen.“ In seinem Rückblick werden die damaligen Verhältnisse noch einmal lebendig.

Gegen den Touristenstrom

Überhaupt möglich geworden war die Fahrradtour letztlich durch die Aussage von Günter Schabowski, dem damaligen Mitglied im Politbüro des Zentralkomitees der DDR. Während einer Pressekonferenz zur Reisefreiheit von DDR-Bürgern hatte der am 9. November 1989 auf Nachfrage eines Reportes den berühmten Satz gesagt: „Meines Wissens gilt die Reisefreiheit sofort, unverzüglich.“ Die Grenze war damit offen.

Und während die Massen aus dem Osten in die Bundesrepublik strömten, wählten Bernard Lange und seine Gruppe der Ritterhuder Judosparte den gegenläufigen Weg. „Die Partnerschaft mit Ritterhude war schon beschlossen, daher war Belzig unsere erste Anlaufstation.“ Die ersten deutsch-deutschen Kommunalkontakte waren im Januar 1990 entstanden.

Von der Herzlichkeit begeistert

Die Begegnung mit den Menschen und vor allem auch mit dem unvergessenen Bürgermeister Peter Kiep sei herzlich gewesen, sagt Lange. Das galt nach seinen Worten aber nicht nur für Belzig (seit 2010: Bad Belzig), sondern auch für die Bewohner anderer Städte an der Reiseroute wie Dessau, Seeberg, Nauen-Berge, Weimar, Gotha, Erfurt oder Schmalkalden.

Auch die jungen Tour-Teilnehmer seien von der Herzlichkeit der Menschen in Ostdeutschland begeistert gewesen, sagt Lange weiter. So seien Helfer sofort zur Stelle gewesen, als ein Ritterhuder ausgerechnet gegen ein westdeutsches Fahrzeug gefahren sei und es leicht beschädigt hatte. Ein anderer habe aus seinem Trabi Benzin geholt, und es einem mit dem Mofa mitfahrendem Ritterhuder überlassen. „In einem ehemaligen Promi-Hotel war es so schön, dass wir unseren Aufenthalt dort um einen Tag verlängert haben“, erinnert sich Lange und gerät dabei ins Schwärmen.

Ein Brief des Bundespräsidenten

Etwas Ärger habe es nur mit einem Bademeister gegeben, der die Ritterhuder ins Schwimmbad ließ und dann auf die Einhaltung der Badekappenpflicht pochte. „Er hat sich aber schnell wieder beruhigt“, erinnert sich die Tour-Leiter. Auch in einer ostdeutschen Zeitung, dem Freien Wort in Thüringen, sind die Ritterhuder verewigt worden . „Wir haben zufällig einen Lokalreporter getroffen, der war total begeistert und hat unsere Tour groß herausgebracht“, erzählt Lange.

Der damalige Bundespräsident Richard v. Weizsäcker sei ebenfalls auf die Ritterhuder Gruppe aufmerksam geworden. Die jungen Judo-Sportler hatten einen Brief ans Schloss Bellevue geschrieben und ihre Eindrücke von der Ost-Radtour geschildert. Der Präsident habe prompt geantwortet und mitgeteilt, dass die Ritterhuder Fahrradgruppe seines Wissens die erste dieser Art in den neuen Bundesländern gewesen sei. In dem Schreiben hob Richard von Weizsäcker hervor, wie nötig und wichtig die Kontakte der Menschen untereinander seien. Auch das ist nun, nach fast 25 Jahren, noch immer unvergessen in den Köpfen der Mitfahrer.

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