"Islamischer Religionsunterricht" - Ein jahrelanger Schulversuch und viele Hürden Noch nicht ganz auf Augenhöhe

Landkreis Osterholz. Islamischer Religionsunterricht an Niedersachsens Grundschulen gilt seit acht Jahren als Experiment; mittlerweile nehmen gut 2000 Kinder an über 40 Schulen teil. Kultusminister Bernd Althusmann (CDU) will das Angebot ab 2012/2013 stufenweise flächendeckend einführen. Ganz so schnell wird es nicht gehen, auch in Osterholz-Scharmbeck nicht. Die Schulen, die die Redaktion befragt hat, zeigen sich aufgeschlossen, doch der Teufel steckt im Detail.
01.04.2011, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Noch nicht ganz auf Augenhöhe
Von Bernhard Komesker

Landkreis Osterholz. Islamischer Religionsunterricht an Niedersachsens Grundschulen gilt seit acht Jahren als Experiment; mittlerweile nehmen gut 2000 Kinder an über 40 Schulen teil. Kultusminister Bernd Althusmann (CDU) will das Angebot ab 2012/2013 stufenweise flächendeckend einführen. Ganz so schnell wird es nicht gehen, auch in Osterholz-Scharmbeck nicht. Die Schulen, die die Redaktion befragt hat, zeigen sich aufgeschlossen, doch der Teufel steckt im Detail.

Vorbehalte in der Öffentlichkeit sind dabei nur ein Problem von vielen. So ergab zuletzt eine Internet-Umfrage, dass 57 Prozent der Befragten Althusmanns Vorhaben als "schlecht" oder "sehr schlecht" bewerten. Ob die Marktforscher erläutert hatten, dass es sich um ein deutschsprachiges Unterrichtsfach handelt, das der Schulaufsicht untersteht, ist nicht übermittelt. Aber die Furcht vor Radikalisierung und Abschottung sitzt tief, wie auch die Islamkonferenz diese Woche in Berlin gezeigt hat.

Barbara Heil, evangelische Religionslehrerin aus der Kreisstadt, kann darüber nur den Kopf schütteln: "Grundsätzlich wäre die Einführung zu begrüßen; es gibt ein Recht auf religiöse Bildung." 48000 muslimische Schüler leben in Niedersachsen. Religionsunterricht biete die Chance, sich die Welt auf eine Art und Weise zu erschließen, die andere Fächer so nicht bieten, sagt Heil. Religiöse Bilder reflektieren, Antworten auf Sinnfragen suchen, eigene Traditionen befragen - all das sei wichtig für die Herausbildung einer eigenen Identität. Die Pädagogin, die an der Findorffschule unterrichtet, betont: "Man muss den Menschen die Angst nehmen: Ich darf doch auch nicht im Unterricht missionieren."

Es gehe vielmehr darum, an der Lebenswirklichkeit der Kinder anzusetzen und diese mit Fragen des Glaubens und der Glaubenspraxis zu verbinden. Aus einem so verstandenen Religionsunterricht könne hier gar kein Fundamentalismus werden, argumentiert Barbara Heil. Dreh- und Angelpunkt, sagt die Religionslehrerin, sei die Ausbildung der Lehrkräfte, die nach den Plänen aus Hannover islamischen Glaubens sein müssen und notfalls angeworben und qualifiziert werden sollen.

Nur: Eine eigene, wissenschaftlich fundierte Didaktik für islamische Religionspädagogik gibt es erst in Ansätzen. Viele muslimische und staatliche Organisationen möchten ein Wörtchen mitreden. Und da es sich bei den Moslems nicht um eine Religionsgemeinschaft im Sinne des Grundgesetzes mit nur einer Dachorganisation handelt, zieht sich auch die Entwicklung der Lehrpläne für Studium und Unterricht hin.

Zwar hat Niedersachsen mit einem Beirat eine pragmatische Lösung für den fehlenden Ansprechpartner gefunden. Doch angesichts ungewisser Rahmenbedingungen ist die Zahl der Studierenden in Osnabrück, Münster oder Erlangen überschaubar. Wenn in Niedersachsen nach den Grundschulen später auch der Sekundarbereich I abgedeckt werden soll, würden rund 200 Lehrer benötigt. Bayern, Berlin und Nordrhein-Westfalen haben sich ebenfalls längst auf den Weg gemacht.

Niedersachsens Schulversuch, an dem auch eine Grundschule in Verden beteiligt ist, erreicht mancherorts über 90 Prozent der muslimischen Schüler. Doch das Modell läuft 2014 aus. Und dann? Osterholz-Scharmbecks Schulleiterrunde wartet nach Angaben der Vorsitzenden Beke Hennemann (Ohlenstedt) auf Vorgaben der Schulbehörde. Minister Althusmann möchte bei mehr als elf Kindern eigene Lerngruppen einrichten. Die Grundschule Beethovenstraße könnte die Zielzahl aufbieten. Schulleiterin Tina Haumersen vermutet, dass etwa 20 bis 30 Kinder ihrer Schule in Frage kommen könnten. "Eltern muslimischer Kinder sind bislang nicht an mich herangetreten", sagt Haumersen.

Die Grundschule Buschhausen wiederum hat den evangelischen Religionsunterricht für muslimische Kinder geöffnet. "Das wird zum Teil auch angenommen", erzählt Schulleiterin Alexandra Maaß. Ihre Schule werde zu fast 50 Prozent von Kindern mit Migrationshintergrund besucht, darunter viele Moslems. Islamische Religionslehre als eigenes Unterrichtsfach? "Das kann ich mir vorstellen", sagt sie. "Aber nicht in Konkurrenz zu anderen Angeboten, sondern offen für alle, die teilnehmen wollen." Einstweilen hat Buschhausen eine erfolgreich arbeitende Kurdisch-AG, nur oder immerhin. "Wir erwarten, dass Integration auch gelebt wird", betont Maaß.

Auch ihre Ritterhuder Kollegin Heidrun Ehrhardt-Froese hat einen Kurden als Muttersprachler im Team. Das Angebot werde gut nachgefragt; Türkisch könnte im nächsten Schuljahr starten, wenn das Land zustimmt. "Ich verstehe das Interesse und fände es gut, auch islamische Religion anzubieten." Dafür müsste der Stundenplan neu organisiert werden: islamische Religion zeitgleich mit evangelischer Religion, auf Augenhöhe. Die Kinder sollten dazu nicht aus anderen Fächern herausgezogen werden müssen, findet die Ritterhuderin.

Ehrhardt-Froese schätzt, dass etwa 40 ihrer 400 Grundschüler Moslems sind. Und obwohl sie derzeit mit der Organisation der neuen Ganztagsangebote voll ausgelastet ist, denkt die Schulleiterin auch schon weiter: Mit dem zusätzlichen Angebot wäre "natürlich eine adäquate Ausstattung nötig", also ein Budget für Materialkauf, genügend Raum sowie eine Lehrkraft, die sich ins Kollegium integriert: "Es wird sicher insgesamt eine Herausforderung."

Stadtdezernent Jörg Fanelli-Falcke sagt, die kommunalen Schulträger wollten in die Überlegungen des Landes einbezogen werden. "Wir halten es für richtig, in der Frage des islamischen Religionsunterrichts einen gemeinsamen Weg zu finden." Die schulpolitische Initiative dazu müsse zwar von Hannover ausgehen; die Stadt aber sehe sich als Bildungspartner - ob nun in den Kindergärten oder der Jugend- und Sozialarbeit. Auch das Haus der Kulturen sei eine Plattform für interreligiösen Dialog, so der Verwaltungsvizechef; aber für die Glaubenspraxis seien zuvorderst die Gotteshäuser da. Dass dort wiederum Koran-Unterricht stattfinde, sei eine legitime Analogie etwa zum Konfirmandenunterricht, findet Fanelli-Falcke. Nur: Ein Ersatz für die eigenständige Auseinandersetzung mit der Religion an staatlichen Schulen sei das nicht.

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