Erste Wahl-Kundgebung des AfD-Kreisverbandes Osterholz-Verden mit dem Spitzenkandidaten Bernd Lucke Politattacken unter schattigen Bäumen

Er kam mit Verspätung, hatte seine Stimme aber wiedergefunden: Nach der Pfefferspray-Attacke von "vermummten Autonomen" auf seiner Wahlkampfveranstaltung in Bremer Bürgerpark (wir berichteten) zeigte sich der Spitzenkandidat der "Alternative für Deutschland", Bernd Lucke", am Sonnabend während einer Kundgebung auf dem Gelände der Moorkate Ströhe erholt und kämpferisch. Vor rund 70 Besuchern attackierte er vor allem "die verlogene Europolitik" der Bundesregierung.
26.08.2013, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Klaus Grunewald

Er kam mit Verspätung, hatte seine Stimme aber wiedergefunden: Nach der Pfefferspray-Attacke von "vermummten Autonomen" auf seiner Wahlkampfveranstaltung in Bremer Bürgerpark (wir berichteten) zeigte sich der Spitzenkandidat der "Alternative für Deutschland", Bernd Lucke", am Sonnabend während einer Kundgebung auf dem Gelände der Moorkate Ströhe erholt und kämpferisch. Vor rund 70 Besuchern attackierte er vor allem "die verlogene Europolitik" der Bundesregierung.

Hambergen. Die Kunde vom Überfall im Bürgerpark ist Lucke vorausgeeilt und sorgt natürlich für Gesprächsstoff an den Gartentischen unter den schattigen Bäumen beim Heimatmuseum. "Gekommen aber sind wir natürlich, weil wir hören wollen, was sich in Deutschland ändern muss", erklärt die Hambergerin Christina Gieschen. Sonst gehe der Euro den Bach runter. Schwiegervater Dieter stimmt ihr zu und bemängelt, dass wegen der Milliardenströme nach Griechenland viel zu wenig Geld für die Bildung übrig bleibe. Die Zeit für Veränderungen sei einfach reif, ergänzt Karla Solle.

Gut zwei Wochen ist es erst her, als sich der Kreisverband Osterholz-Verden der Alternative für Deutschland (AfD) gründete. Auf dem Hof der Moorkate findet nach den Worten von Kreisverbandschef Hartmut Krause die Premiere statt, die erste von ihm organisierte Großveranstaltung unter freiem Himmel. Krause ist mit der Resonanz zufrieden. Und der AfD-Direktkandidat für den Wahlkreis 34 natürlich auch. Das Konterfei von Thomas Hochrainer ist überall auf dem historischen Areal zu sehen. Auf den Plakaten sieht er noch jünger aus als er ist: 38. Geboren im Sauerland, wohnt er jetzt mit Frau und drei Kindern in Lilienthal. Seit zwei Jahren arbeitet Thomas Hochrainer als Juniorprofessor für Werkstoffmechanik an der Universität Bremen.

Er sei kein Politiker, sondern ein engagierter Bürger, sagt der Lilienthaler im Gespräch, bevor er sich zur Rednerbühne begibt. Die steht auf einer kleinen Holzbrücke, unter der ein Dorfkahn liegt. Schon als er in den USA studierte, habe ihn der Verstoß der Bundesregierung gegen den Maastricher Vertrag schockiert, begründet der Professor sein politisches Engagement. Was es damit auf sich hat, können die Besucher auf Postkarten nachlesen, die an den Tischen verteilt werden. Eine verkleinerte Wahlwerbung der CDU aus dem Jahre 1998, die versichert, dass Deutschland nie und nimmer für die Schulden anderer EU-Staaten aufkommen müsse. "Eine von vielen Lügen", wird Bernd Lucke wenig später mit wieder gekräftigter Stimme ausrufen.

Hochrainer aber zählt erst einmal "Wahrheiten" auf. Die Berliner Politik gehe am Bürger vorbei, der Verfall von Bildung und Familie sei erschreckend, die Asylpolitik verfehlt, der Euro eine Fehlkonstruktion, sagt er und erntet Beifall. Wahrheit ist für ihn auch, dass die Meinungsforschungsinstitute die Daten aus Umfragen fälschlicherweise umgewichten. Die AfD werde die Fünf-Prozent-Hürde nehmen, gibt er sich optimistisch. Er selber benötigt etwa acht Prozent der Stimmen, um als Nummer sieben auf der Kandidatenliste in den Bundestag einzuziehen.

Die Nummer eins heißt Bernd Lucke (51), ist Professor für Makroökonomie an der Universität Hamburg und war 33 Jahre lang Mitglied der CDU. Warum er die Partei der Bundeskanzlerin 2011 verließ, begründet der gebürtige Berliner an diesem lauen Spätsommerabend mit deren "Politik der Lügen". Die grundlegendste, sagt Lucke, sei die Aussage von 1998, wonach die Überschuldung eines Euro-Teilnehmerstaates von vornherein ausgeschlossen werde. Die Finanzkrisen in den südeuropäischen Ländern und in Griechenland sprächen eine andere Sprache. Bundeskanzlerin Angela Merkel und ihrem Finanzminister Wolfgang Schäuble wirft Lucke vor, die Deutschen permanent hinters Licht zu führen. Das deutsche Haftungsrisiko in der europäischen Staatskrise habe Schäuble unlängst mit maximal 95 Milliarden Euro angegeben, tatsächlich liege es bei 637 Milliarden Euro. Und jetzt, kurz vor der Bundestagswahl, wolle die Regierung suggerieren, dass es dem Euroraum besser gehe.

Ebenfalls eine glatte Lüge, sagt Lucke und sieht sich plötzlich einem gewaltigen Rauschen ausgesetzt. Keine Attacke von Autonomen, die Lautsprecheranlage streikt. Aber nur kurze Zeit. Dann hören die Besucher das, weswegen wohl die meisten von ihnen gekommen sind, um sich bei Bratwurst und Steak vom Grill in ihrer politischen Meinung bestätigt zu fühlen. Die Politik der Bundesregierung sei nicht alternativlos, wie die Kanzlerin es auf undemokratische Weise weismachen wolle, ruft der Hamburger Professor aus und fügt an: Die AfD sei die Alternative.

Rund 15 000 Mitglieder zählt die Partei zurzeit, ihre politische Einordnung ist umstritten. Manche Politexperten bezeichnen sie als konservativ, andere erkennen in der Rhetorik der AfD-Frontleute Parallelen zu rechtspopulistischen Parteien. Mit Argwohn wird die AfD vor allem von CDU und FDP beobachtet.

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