Abgesagte Feiern und die Folgen „Feste geben unserem Leben Struktur“

Psychologin Kerstin Schuman ist Expertin für seelische Gesundheit. Im Interview erklärt sie, welche Bedeutung Feste für das Wohlbefinden haben und warum die abgesagte Weihnachtsfeier kein Beinbruch ist.
Lesedauer: 5 Min
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Von Irene Niehaus

Frau Schuman, in den letzten neun Monaten war alles anders, der Alltag der Menschen, das soziale Leben. Auch wichtige private Ereignisse, die in der Regel nur einmal im Leben vorkommen, fielen aus oder gestalteten sich anders, die Feier zum runden Geburtstag etwa oder Hochzeiten. Ist auch bei Ihnen etwas ausgefallen?

Kerstin Schuman: Die Konfirmation meines Sohnes, die im April dieses Jahres hätte stattfinden sollen, ist erst mal ausgefallen, wir haben sie dann im September nachgeholt. Wir hatten Glück, dass sie schließlich doch stattgefunden hat, aber unter erschwerten Bedingungen und in deutlich kleinerer Runde als geplant. Weihnachten bei den Großeltern und Silvester fiel und fällt auch aus.

Welche Bedeutung haben denn solche Zeremonien für die aus dem Lebensweg herausgehobenen Termine? Sie werden ja besonders inszeniert und wertgeschätzt, häufig sind die Aktivitäten entsprechend ausgefallener und die Kosten höher.

Das Feiern besonderer Ereignisse hat einen hohen Stellenwert für jeden einzelnen, aber auch für die Gesellschaft. Feiern verbindet die Menschen. Die Freude verdoppelt sich unendlich und schafft auch eine Zusammengehörigkeit. Und wie heißt es so schön: Das kommt nur einmal im Leben, da darf es auch gern ein bisschen mehr sein.

Hat das auch mit Geborgenheit zu tun oder mit Heimat?

Wenn wir über Zugehörigkeit sprechen, hat das viel mit Geborgenheit und Heimat zu tun. Und gerade auf dem Land gibt es auch häufig Rituale, die fest in den heimatlichen Kalender gehören. Klinken putzen am 30. Geburtstag oder das Kranzbinden zu Hochzeiten. All das sind lieb gewonnene Rituale, auf die wir nicht verzichten möchten.

Das Pandemiejahr betraf auch Abschiedsfeste im Kindergarten und Einschulungen. Wie wichtig sind solche Veranstaltungen für die Kleinsten?

Für die Kleinen ist die Pandemie abstrakt und nicht greifbar. Wie soll ein Kind verstehen, dass gerade sein Abschied oder die Einschulung jetzt nicht gefeiert werden soll. Da beginnt ein neuer Lebensabschnitt, da darf man schon mal innehalten. Und auch Eltern dürfen mal feiern, dass ihr Kind einen Schritt weiter in Richtung Selbstständigkeit geht. Da bedarf es viel Feingefühl, den Kleinsten zu erklären, warum das jetzt nicht stattfindet.

Konfirmationen und Firmungen waren betroffen; Pläne für die Abifeier, fürs Freiwillige Soziale Jahr oder für den Auslandsaufenthalt wurden auf Eis gelegt. Wie gehen Teenager und junge Erwachsene mit coronabedingten Absagen und Ausfällen in diesem Lückenjahr um?

Mit Sicherheit geht da jeder anders mit um. Das sehen wir ja auch mit Blick auf unsere Gesellschaft. Und das ist bei jungen Menschen nicht anders. Der eine ist zwar enttäuscht, aber versteht die Umstände. Und der nächste hält die Maßnahmen für übertrieben. Und natürlich ist das enttäuschend. Die Chance kommt vielleicht nie wieder. Und doch bin ich sicher, der eine oder andere findet eine zweite Möglichkeit, das Versäumte zu einem späteren Zeitpunkt nachzuholen.

Ist der ausgefallene Mallorca-Urlaub ähnlich zu bewerten wie die verschobene eigene Hochzeit?

Versetzen Sie sich in die Situation: Na klar, Malle ist nur einmal im Jahr. Aber wenn es gut läuft, ist es immerhin einmal im Jahr. Die Hochzeit, wenn es gut läuft, nur einmal im Leben. Der große Moment, vor aller Welt Ja zu sagen, entscheidet vielleicht über den Rest des Lebens. Ein Moment, den die meisten Menschen gerne teilen möchten. In dessen Vorbereitung sie vielleicht viel Zeit, Liebe und Geld gesteckt haben. Mag das einer dann für ein schlechtes Omen halten? Vielleicht. Oder eine Probe aufs Exempel. Natürlich vermissen wir Sonne, Meer und Strand, aber verglichen mit der eigenen Hochzeit vielleicht noch eher zu verschmerzen.

Sind solche Anlässe unwiederbringlich? Würde es aus psychologischer Sicht helfen, die entsprechende Feier auf die Nach-Corona-Zeit zu terminieren, falls es möglich ist?

Ich würde sagen ja. Bestimmt ist es dann anders, weil die ganze Welt sich gerade verändert. Aber vielleicht ist es auch gereift, und die Erfahrung wird besser. Und brauchen wir nicht alle ein Stück Hoffnung? Hoffnung, dass es bald besser wird? Ein Lichtstreif am Horizont.

Können Sie der Tatsache, dass biografische Meilensteine ausfallen oder anders ablaufen, auch Positives abgewinnen? Lehrt uns das vielleicht eine neue Bescheidenheit?

Ich finde, wir sollten jeden Meilenstein als Anlass zum Feiern nehmen, der sich uns bietet. Der Deutsche feiert per se viel zu selten und nimmt zu vieles für selbstverständlich. Beruflich und privat. Andere Länder haben uns da teilweise viel voraus. Meilensteine feiern, heißt auch, mit Liebe und Respekt zurückblicken auf das, was war. Im Guten wie im Schlechten. Lernen aus den Erfahrungen und entscheiden, wie es weitergehen soll. Und vor allem mal einen Moment innehalten und freuen, bevor wir wieder zum nächsten rennen. Die aktuellen Umstände ermöglichen ein Innehalten par excellence.

Anlass für eine Feier geben ja auch Bräuche, die im Jahresverlauf wiederkehren. Vieles fiel aus. Der Tanz in den Mai oder die Erntedank-Feier. Anders als sonst gestalteten sich auch religiöse Termine wie etwa Weihnachten. Wozu dienen Jahreszeitenfeste aus psychologischer Sicht? Welche Funktion erfüllen sie im Zusammenleben?

Jahreszeitenfeste geben unserem Leben seit jeher Struktur. Sie lassen uns, damals noch mehr als heute, bewusst und im Einklang mit der Natur leben. Wir erfahren uns selbst als Teil eines Ganzen. Kirchliche Feste verbinden sich mit heidnischen Bräuchen. Momente, in denen wir damals wie heute kurz durchatmen dürfen. Die Arbeit niederlegen und verstärkt wahrnehmen, was um uns herum passiert. Gemeinsam feiern und Gemeinschaft erleben. Eine Gemeinschaft, die uns in Ritualen Sicherheit und Geborgenheit gibt und auch das Gefühl, dass es immer weitergeht.

Wenn Rituale oder wichtige Anlässe wegfallen, nehmen viele Menschen die Zeit anders wahr. Vielen fällt es schwer, das Jahr und seinen zeitlichen Verlauf im Rückblick zu beurteilen. Warum hat sich das Zeitempfinden geändert? Hat die Corona-Krise die Wahrnehmung von Zeit grundlegend verändert?

Wenn wir davon ausgehen, dass die Jahreszeitenfeste unserem Leben Struktur geben, dann beeinflussen sie natürlich auch unser Zeitempfinden. So wie Weihnachten jedes Jahr immer wieder ganz plötzlich vor der Tür steht, und es noch so viel zu tun gibt. Aber es hat seinen festen Platz zum Jahresende. Und auf einmal spielt das keine Rolle mehr. Der Stress fällt weg, aber die Besinnlichkeit vielleicht auch. Und Silvester? Von jeher der krönende Jahresabschluss. Kein Feuerwerk und keine Party. Die Struktur fällt weg, der Schlusspunkt. Wie soll man zurückblicken, wenn man nahtlos weitergeht? Vielleicht umso wichtiger, dass wir uns bewusst die Zeit nehmen, noch einmal durchzuatmen und zurückzublicken. Auch auf all die guten Sachen, die uns in diesem Jahr passiert sind, trotz allem.

Das Interview führte Irene Niehaus.

Info

Zur Person

Kerstin Schuman

ist 46 Jahre alt und arbeitet als psychologischer Coach und Paartherapeutin. Nach vielen Jahren als Führungskraft in großen Unternehmen entschied sie sich für die eigene Praxis in Worpswede.

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