Railbike-Touren Radwandern auf zwei Schienen

Wenn Wolfgang Tauchert könnte, würde er den Weg von Hamburg nach Wilstedt auf der Schiene zurücklegen. Mit dem Rad.
28.10.2015, 00:00
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Von Ulrike Schumacher

Wenn Wolfgang Tauchert könnte, würde er den Weg von Hamburg nach Wilstedt auf der Schiene zurücklegen. Mit dem Rad.

Aber da hätte die Deutsche Bundesbahn sicher etwas dagegen. Und bei der Begegnung mit einem ICE würde der Hamburger ja auch die schlechteren Karten haben. Aber mit dem Rad auf Gleisen ist er schon immer mal wieder unterwegs. Das geht in Deutschland auf gut 470 Kilometern Schienenstrang. Auf so genannten Nebenbahnen. Auf Strecken, die mit Draisinen befahren werden dürfen. „Das findet immer mehr Fans“, weiß der Railbiker, der im Heimatverein Wilstedt aktiv ist und über einen Hamburger Verein Railbike-Touren in Skandinavien und Frankreich vermittelt.

470 Kilometer würden Wolfgang Tauchert theoretisch weit über Wilstedt hinaus bringen. Bis hinter Köln könnte er sein Rad auf den Schienen rollen lassen, wären die 470 Kilometer durchgehend und nicht die Summe aller benutzbaren Strecken in Deutschland. Die derzeit längste am Stück liegt auf rheinland-pfälzischem Boden und führt mit 41,2 Kilometern von Altenglan nach Staudernheim. Die kürzeste Schienenstrecke bringt die Biker vermutlich gar nicht ins Schwitzen. Sie liegt in Niedersachsen, zählt 0,93 Kilometer und verbindet in Neuenkirchen die Bundesstraße 71 mit dem Bahnhof. Dazwischen liegt mit immerhin 27 Kilometern die Strecke Wilstedt-Zeven über Ostereistedt.

Mit 15 auf die Normalspur

Eisenbahnen hatten Wolfgang Tauchert schon als Kind interessiert. Seine Mutter habe ihm die erste Modellbahn gebaut, erzählt er. „Und dann bin ich vor 15 Jahren auf die Normalspur gekommen.“ Damals war er mit dem Hund unterwegs, entlang der Eisenbahnstrecke Harburg-Buchholz. „Da stand ein Gleisbaurollwagen, und ich dachte: So was will ich haben.“ In Tauchert erwachte der Tüftler. „Zwei alte Fahrräder mussten herhalten.“ Die baute er an einen Rollwagen und sammelte nebenbei Tipps und Ratschläge für die Kreation seines Schienenrades. Dabei sei er auch auf die Interessengemeinschaft Draisinenfahrten gestoßen. Wolfgang Tauchert schloss sich der Hamburger Gemeinschaft an und brachte die Idee, Draisinenfahrten als touristische Attraktion anzubieten, vor sechs Jahren nach Wilststedt.

Der Ort liegt am Ende der von den Eisenbahnen-Verkehrsbetrieben (EVB) verkauften Eisenbahnstrecke Zeven-Wilstedt. Der örtliche Heimatverein nutzt das alte Bahnhofsgebäude. Beliebt sind die Draisinenfahrten bei „Frauenvereinen, Junggesellenabschieden, Kohlfahrten und Kindergeburtstagen“, zählt Heimatvereinsvorsitzender Karlheinz Wobbe auf. „Die Strecke ist schön“, schwärmt Wolfgang Tauchert von der 15 Kilometer langen Tour bis Ostereistedt. „Man fährt durch Wald- und Wiesenlandschaft, über Flüsse, und kann viele Wildtiere entdecken.“ Zusammen mit Kurt Aschermann hält Wolfgang Tauchert die Strecke regelmäßig frei von Ästen und Gebüsch. Noch mehr ins Schwärmen kommt der Hamburger, wenn er an die Fahrten durch Schweden, Norwegen oder Frankreich denkt. Dafür habe er spezielle Räder entwickelt und gebaut, auf denen Radwanderer auf der Schiene zu zweit oder allein unterwegs sein können. Die würden sich sogar den Gleisen anpassen lassen, die aus der Norm fallen. „In Finnland, in Russland und Spanien sind die Spuren breiter“, weiß Tauchert, der die Fahrten über die IG Draisinenfahrten organisiert.

So zu reisen, finde immer mehr Fans. „Die Leute wollen ein Outdoor-Event erleben, sie möchten Tiere sehen und in unberührter Natur unterwegs sein.“ Die Schiene bringe die Urlauber in Gegenden, die sie mit dem Rad oder dem Auto gar nicht erreichen würden, erzählt er und zeigt Fotos aus Norwegen, wo Railbiker zwischen Berg und See auf Tour sind. Weiterer Vorteil gegenüber herkömmlichen Radreisen: „Schienen haben nur eine minimale Steigung.“ Gestrampel am Berg oder entnervtes Schieben gibt es hier nicht. Und in Frankreich sei die Gegend entlang solcher Railbiker-Strecken gut erschlossen, hat Wolfgang Tauchert erfahren. „Da gibt es überall Restaurants und Einkehrmöglichkeiten.“

Über das Internet ziehe das Draisinenfahren weltweit immer mehr Kreise. England fange nun auch an, Pump- und Handhebeldraisinen für den Tourismus zu entdecken. Wolfgang Tauchert freut sich darüber, denn der Draisinenverleih könne langfristig einen Beitrag zum Erhalt kulturhistorisch bedeutsamer Eisenbahnstrecken leisten.

Und Draisinen – benannt nach ihrem Erfinder Karl Freiherr von Drais, der von 1785 bis 1851 lebte – gebe es schon seit den Anfängen der Eisenbahn. „Sie dienten als Fortbewegungsmittel bei Streckeninspektionen.“ Jede Draisine und jedes Railbike würden außerdem dazu beitragen, dass gewidmete Schienenstrecken eine Zukunft haben. „Sind sie erst einmal entwidmet, wird es schwer, sie neu aufzubauen, weil man immer mit Widerstand rechnen muss“, sagt Wolfgang Tauchert. „Irgendwann, wenn der Individualverkehr zusammenbricht, wird man vielleicht heilfroh sein, wenn man so eine gewidmete Strecke noch hat.“ Auch deshalb blickt der Hamburger dem steigenden Interesse an Draisinenfahrten erfreut entgegen. Die Bundesbahn würde sagen: Senk ju vor träwelling.

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