Geschichtswerkstatt der VHS stellt Dokumentation vor / Kreis der historisch Interessierten löst sich auf

Reiswerke-Chronik als Abschluss

Fragt man alteingesessene Kreisstädter nach den Osterholzer Reiswerken, erinnern sich die meisten spontan an den üblen Geruch, den die Fabrik bei der Herstellung von Stärke verbreitete. Was Firmengründer Gerhard Lange tat, um das Problem zu lösen und wie er einmal aus Ärger über die Behörden 150 Arbeiter entließ, dies und viel mehr ist der Dokumentation zu entnehmen, die die Geschichtswerkstatt der Volkshochschule (VHS) Osterholz-Scharmbeck jetzt vorgelegt hat. Für die Geschichtswerkstatt ist sie zugleich ein Schlusspunkt. Sie stellt ihre Arbeit nach 18 Jahren ein.
29.08.2013, 00:00
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Von Lutz Rode
Reiswerke-Chronik als Abschluss

Auf diesem Foto von 1961 stehen die Reiswerke-Gebäude an der Pappstraße noch. 1979 wurden sie abgerissen. Das Grundstück in Bahnhofsnähe wurde neu bebaut. FOTO: PAUL MAHRT

Paul Mahrt

Fragt man alteingesessene Kreisstädter nach den Osterholzer Reiswerken, erinnern sich die meisten spontan an den üblen Geruch, den die Fabrik bei der Herstellung von Stärke verbreitete. Was Firmengründer Gerhard Lange tat, um das Problem zu lösen und wie er einmal aus Ärger über die Behörden 150 Arbeiter entließ, dies und viel mehr ist der Dokumentation zu entnehmen, die die Geschichtswerkstatt der Volkshochschule (VHS) Osterholz-Scharmbeck jetzt vorgelegt hat. Für die Geschichtswerkstatt ist sie zugleich ein Schlusspunkt. Sie stellt ihre Arbeit nach 18 Jahren ein.

Gestank in Gräben und in der Luft hin oder her: Reelf Menkhoff und seine beiden Mitstreiterinnen Ilse Schröder und Angelika Ziemer sind überzeugt davon, dass die Osterholzer Reiswerke für Osterholz-Scharmbeck und Umgebung ein echter „Glücksfall“ waren. Die Fabrik an den Gleisen nahe des Bahnhofs, in der von 1875 bis 1976 die Produktion lief, bot Hunderten Menschen aus der Kreisstadt, dem Landkreis und auch Bremen Lohn und Brot. Manchem „Reiswerker“, wie sich die Beschäftigten mit Stolz nannten, gab die Firma sogar ein Zuhause. Auf dem Betriebsgelände wurden bereits 1880 Wohnungen für die Belegschaft errichtet. Der Name Pappstraße zeugt noch heute davon, denn die Wände der ersten Häuser waren mit schwarzer Dachpappe beschlagen.

Die Geschichtswerkstatt der Volkshochschule Osterholz-Scharmbeck/Hambergen/Schwanewede hat sich intensiv mit der 100-jährigen Geschichte des Unternehmens beschäftigt. Auf 113 Seiten haben Stadtchronist Reelf Menkhoff, Ilse Schröder und Angelika Ziemer zusammengetragen, was an Informationen, Bildern und Schriftstücken zu bekommen war. Eine Kiste vollgepackt mit alten Dokumenten stand am Anfang der gemeinsamen Arbeit. Helmut von Oehsen, der letzte Betriebsleiter des Werkes in Osterholz-Scharmbeck, hatte seine gesammelten Dokumente Reelf Menkhoff überreicht, als dieser an seiner Chronik für Osterholz-Scharmbeck arbeitete. Menkhoff fand darin reichlich „Schätze“, wie er sagt. Zugleich sei es für ihn aber durchaus auch eine seelische Belastung gewesen, all die Fundstücke zu sichten, sie auszuwerten und sie als abgerundete Geschichte in Textform zu bringen. „Die Geschichtswerkstatt bot sich für diese Aufgabe an. Eine ideale Lösung“, wie Menkhoff gestern bei der Vorstellung des Werkes erzählte.

Auch Angelika Ziemer, die Tochter des letzten Werkleiters Helmut von Oehsen, hat an der Dokumentation mitgearbeitet. Sie selbst hat in den 60er Jahren für längere Zeit als Praktikantin im Labor der Reiswerke gearbeitet, wo die Qualität der Stärke und Produkte kontrolliert wurde. Das, was sie dort erlebt hat, hat sie für die Dokumentation niedergeschrieben. Sie ist nicht die einzige Zeitzeugin: Zu finden ist in dem Werk auch die 1943 von Hilla Henke verfasste Abschlussarbeit für die Mittelschule über das Leben ihres Vaters Karl Henke, der die Reiswerke bis zu seinem Tod im Juni 1942 leitete. Unter den Nationalsozialisten galt das Unternehmen als „Musterbetrieb“ und wurde mehrfach ausgezeichnet.

Von den Anfängen des Unternehmens im Jahr 1874, die Übernahme der Reis- und Handelsgesellschaft durch Kellogs in den 70ern bis zum Abriss der markanten Fabrikgebäude im Jahr 1979 ist die Firmengeschichte in der Dokumentation zusammengefasst worden, die mit Hilfe mehrerer Sponsoren gedruckt werden konnte. Reelf Menkhoff hat für die Arbeit in den vergangenen Wochen schon viel Zuspruch erhalten. Gefragt wurde er aber auch des öfteren, warum man nicht die Geschichte der Frerichs-Werke oder Drettmann aufgearbeitet habe. Zu Frerichs gibt es bereits eine ausführlich Chronik. Drettmann, so sagt er, würde sich als weitere bedeutendes Firma in der Tat anbieten, denn noch gebe es auch eine Reihe von Zeitzeugen, die Informationen liefern könnten.

Die Geschichtswerkstatt wird ein solches Projekt allerdings nicht mehr in Angriff nehmen. Sie löst sich nach 18 Jahren auf. Für den VHS-Leiter Manfred Wichmann-Böschen gibt es zwei Gründe. Zum einen fehle ihm die Zeit, zum anderen fehle es an Nachwuchs. Die Geschichtswerkstatt war 1995 ins Leben gerufen worden, als dem Ende des Zweiten Weltkrieges 50 Jahre zuvor gedacht werden sollte. „Wir wollten die jüngere Geschichte aufarbeiten, vor allem die Nazi-Zeit“, erinnert sich Wichmann-Böschen. Daraus wurde eine feste Einrichtung mit im Schnitt zehn Teilnehmern, die regelmäßig Zeitzeugen bei sich zu Gast hatten. Auch um die Geschichte der Juden in Osterholz-Scharmbeck und die Dokumentation der Verfolgung durch die Nazis kümmerte sich die Geschichtswerkstatt. Sie setzte sich auch für die Errichtung des Mahnmals neben der Stelle ein, wo früher die Synagoge an der Bahnhofstraße stand.

Die Dokumentation zur hundertjährigen Geschichte der Osterholzer Reiswerke ist für 19,50 Euro in den Buchhandlungen in der Kreisstadt sowie im Rathaus erhältlich.

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