Zur Erntezeit rauschen PS-Giganten übers Land / Bei Geschwindigkeit und Größe täuscht oft der Eindruck Riesentraktoren haben Saison

Landkreis·Tarmstedt. Zum Herbst in landwirtschaftlich geprägten Regionen gehört immer auch das: Häcksler auf den Feldern und Schlepper, die die Ernte ins Silo oder zu Biogasanlagen fahren. Gerade auf den Strecken, die die landwirtschaftlichen Fahrzeuge nicht nur über Felder und Verbindungswege, sondern auch über kommunale Straßen führen, ist bei den Verkehrsteilnehmern Geduld gefragt. Vor der Windschutzscheibe türmt sich eine Wand von Anhänger auf, im Gegenverkehr blickt ein Autofahrer auf riesige Reifen, die bei Ausweich- oder Überholmanövern tüchtig einschüchtern.
22.10.2010, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Irene Niehaus und Ulrike Prange

Landkreis·Tarmstedt. Zum Herbst in landwirtschaftlich geprägten Regionen gehört immer auch das: Häcksler auf den Feldern und Schlepper, die die Ernte ins Silo oder zu Biogasanlagen fahren. Gerade auf den Strecken, die die landwirtschaftlichen Fahrzeuge nicht nur über Felder und Verbindungswege, sondern auch über kommunale Straßen führen, ist bei den Verkehrsteilnehmern Geduld gefragt. Vor der Windschutzscheibe türmt sich eine Wand von Anhänger auf, im Gegenverkehr blickt ein Autofahrer auf riesige Reifen, die bei Ausweich- oder Überholmanövern tüchtig einschüchtern.

'Geschütze' nennt Bülstedts Bürgermeister Friedhelm Immig abfällig die überdimensionalen Traktoren und ärgert sich regelmäßig über die Fahrzeuge mit ihren breiten Reifen, wenn er mit seinem Auto unterwegs ist. 'Die machen mich nicht nur wütend, es ist auch beängstigend, wenn sie mir entgegenkommen', sagt Immig. Zumal so mancher Schlepper mit 50 Stundenkilometern unterwegs sei.

Die Technik in der Landwirtschaft wächst mit dem Strukturwandel. Flächen und Höfe werden größer, der Wettbewerbsdruck nimmt zu. Ernte und Transport übernehmen nicht mehr nur die Landwirte. Sie engagieren dafür zunehmend Lohnunternehmer, für die sich eine Investition in spezielle Maschinen dieser Größenordnung eher lohnt als für einzelne Bauern.

Dieser Entwicklung in den vergangenen zwei Jahrzehnten hinkt die Straßeninfrastruktur hinterher. Viele Wirtschaftswege sind mit einer Breite von etwa drei Metern zu schmal für die PS-starken Traktoren und Häcksler. Bei deren Ausmaßen halten sich die Hersteller allerdings strikt an die Vorgaben der Straßenverkehrsordnung, weiß Heinz Gartelmann, Bereichsleiter bei einem Heeslinger Landmaschinenhändler. Drei Meter breit und vier Meter hoch dürfen die Maschinen sein, für Mähdrescher gebe es Ausnahmeregelungen, wenn sie auf Straßen unterwegs seien. 'Was optisch wahrgenommen wird, täuscht manchmal', sagt Gartelmann. Gleiches gelte auch für die Geschwindigkeit. Was Anwohner und Passanten als 'schnelles Geschütz' bezeichneten, sei oft mit 40 oder 50 Stundenkilometern auf Gemeinde-, Kreis- und Landstraßen unterwegs, wirke aber durch die Ausmaße schneller.

Zuschüsse von Unternehmern

Friedhelm Immig hat nichts gegen die Riesentraktoren, aber viele Straßen seien für sie einfach nicht geeignet, findet er. Etwa die Straße von Bülstedt nach Kirchtimke - sie ist nur 4,50 Meter breit. 'Der Seitenraum wird bei Gegenverkehr kaputt gefahren, und wir als Gemeinde müssen die Straßen sanieren', ärgert er sich. Deshalb plädiert er dafür, die Straßenbreite den Fahrzeugen anzupassen. 'Aber das sollten die Kommunen nicht alleine zahlen müssen.'

Viele Gemeinden haben schon reagiert und Wirtschaftswege ausgebaut. Finanziert wird das auch mit Zuschüssen. Die kommen mitunter von landwirtschaftlichen Betrieben, wie zwei Beispiele zeigen: Für die neue Biogasanlage in Breddorf wird ein Wirtschaftsweg von zwei auf drei Meter verbreitert. Die Betreiber der Anlage haben der Gemeinde zugesichert, zwei Drittel der Kosten in Höhe von 16000 Euro zu übernehmen, ein Drittel teilen sich Jagdgenossenschaft und Gemeinde. Die Traktoren, die den Boxenlaufstalls in Tarmstedt am Weidedamm ansteuern, fahren über den Spargeldamm. Die Betreiber Uwe Hartjen und Marc Benninghoff zahlten 10000 Euro für den Wegebau an die Gemeinde, erzählt Hartjen. Auch beteiligen sich landwirtschaftliche Betriebe zwei Mal im Jahr in der Feldmark an der Sanierung von Schlackenwegen. 50 Prozent ihrer Jagdgelder fließen in die Reparatur der Wirtschaftswege.

Auch Wilstedts Bürgermeister Günther Nase hat den Eindruck, dass die Maschinen 'größer, lauter, schneller und gefahrvoller' geworden sind. Ein Eindruck, den Timo van Dam, Polizeikommissar in Tarmstedt, teilt. Probleme gebe es mit den Großtraktoren aus Polizeisicht aber nicht, was ihn selbst wundere. 'Wir hören überhaupt keine Beschwerden seitens der Bürger, und während der letzten zwei Jahre gab es keinen Unfall mit einem der Traktoren.' Begegneten sich Autos und die breiten Fahrzeuge auf der Straße, glaubt van Damm, führen deren Fahrer vorsichtig oder wichen in den Seitenraum aus.

Dass Unfälle speziell auf den Ernteverkehr zurückzuführen seien, davon ist Jürgen Brüns, stellvertretender Pressesprecher der Polizeidirektion Verden/Osterholz, ebenfalls nichts bekannt. Wohl aber von Beschwerden der Anwohner, die die Geschwindigkeit sowie die Fahrbahnverschmutzung monieren. Bei einer Überprüfung in der Kreisstadt nahe einer Biogasanlage hatten die Beamten allerdings nichts an den Fahrzeugen zu beanstanden.

Biogas-Anlagen gehören zu den Zielen, die die Großtraktoren mit ihrem Anhänger in der Erntezeit häufiger ansteuern. Eine der Anlagen steht zwischen Westertimke und Kirchtimke. Westertimkes Bürgermeister Hans-Joachim Nicolaus kennt das Rauschen, das von den Fahrzeugen ausgeht, die bis in den späten Abend und auch am Wochenende über die Straßen rollen. 'Es ist eine Art Pfeifton. In der Wohnsiedlung hört man ihn nicht so, aber an der Hauptstraße.' Beschwerden habe es deshalb jedoch nicht gegeben. 'Ich denke, man hat es akzeptiert', sagt Nicolaus. Wer auf dem Land wohne, wisse schließlich, dass es landwirtschaftlichen Verkehr gebe. Außerdem sei der Zeitraum, in dem die Traktoren fahren, recht kurz, von Ende September bis Mitte Oktober.

Für Schäden an den Straßen macht Hans-Joachim Nicolaus - wie sein Bülstedter Kollege - nicht allein die schweren landwirtschaftlichen Transporter verantwortlich. 'Auch der Fernverkehr hat zugenommen.' Das einzige, worüber sich Westertimker Bürger beklagten, sei der Dreck. 'Fahren die Traktoren schneller als Tempo 50, fliegt viel von dem geschredderten Maisgut von der Ladefläche herunter, der sich im Seitenraum der Straße sammelt'.

Jürgen Brüns verweist auf die Verkehrssicherungspflicht und lobt iIn diesem Zusammenhang die Unternehmer, die zum Teil mit Bürstenfahrzeugen hinter den Transporten herfahren. 'Viele sind verantwortungsvoller geworden und sensibler im Umgang mit den Beschwerden', meint er.

Hans-Lüder Otten ist einer der drei Betreiber der Westertimker Biogas-Anlage. Er widerspricht Kritikern, die meinten, die Traktoren verursachten Schäden an den Straßen. 'Die Schlepper mit Anhänger sind zwar immer breiter geworden und man kann sie leider nicht überholen, aber mit ihrer Gesamtbreite von 2,60 bis 2,75 Metern sind sie durchaus für Hauptstraßen, die 5,50 bis sechs Meter breit sind, geeignet.' Die Traktoren sind nach Ottens Angaben gerade deshalb mit breiten Reifen ausgestattet, damit sie auf den Ackern wenig Schäden hinterlassen Das gelte dann auch für die Straßen. Zudem sei der Luftdruck in den Reifen mit zwei bis drei Bar wesentlich geringer als in Lkw-Reifen, die acht bis neun Bar haben. 'Das Gewicht verteilt sich, Druckschäden können so gar nicht auf der Straße entstehen.'

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