Nabu kürt Waldkauz zum Vogel des Jahres 2017 / Eulenart bevorzugt alte, knorrige Mischwälder als Lebensraum

Schaurig-schöner Jäger der Nacht

Landkreis Osterholz. Wenn es in Filmen schaurig werden soll, greifen Regisseure für den Gänsehauteffekt gern auf den heulenden Balzruf des Waldkauzes zurück. Kaum ein anderer Vogel wird so mit dem Bösen in Verbindung gebracht wie die Eule, zu der der Kauz gehört.
03.01.2017, 00:00
Lesedauer: 5 Min
Zur Merkliste
Schaurig-schöner Jäger der Nacht
Von Brigitte Lange

Landkreis Osterholz. Wenn es in Filmen schaurig werden soll, greifen Regisseure für den Gänsehauteffekt gern auf den heulenden Balzruf des Waldkauzes zurück. Kaum ein anderer Vogel wird so mit dem Bösen in Verbindung gebracht wie die Eule, zu der der Kauz gehört. Ein Ruf, den er allein der Tatsache verdankt, dass er nachtaktiv ist und selten gesehen wird. „Das Wissen in der Bevölkerung über ihn ist deshalb eher gering“, sagt Tasso Schikore, Biologe bei der Biologischen Station Osterholz (Bios). Um das zu ändern, hat der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) den Waldkauz zum Vogel des Jahres 2017 gewählt. Stellvertretend für alle Eulenarten. Die gelten übrigens nicht nur als Todesboten, sondern auch als Vögel der Weisheit und der Aufklärung, zudem sind sie Wappenvögel der Heilkunst.

Nachdem 1970 Baden-Württemberg erstmals mit dem Graureiher einen regionalen Vogel des Jahres ausrief, griff der Nabu diese Idee ab 1971 bundesweit auf. „Ganz am Anfang ging es vor allem darum, die Aufmerksamkeit auf bedrohte Arten zu lenken“, bemerkt Schikore. Kampagnen zu ihrem Schutz sollten angeschoben werden. Dieser Gedanke steht nach wie vor hinter der Kür. Allerdings legen Nabu und LBV inzwischen Wert darauf, dass die jeweilige Art möglichst bundesweit vorkommt und dort halbwegs verbreitet ist. So können die vom Nabu-Bundesverband von langer Hand vorbereiteten Aktionen und zusammengestellten Info-Materialien von allen örtlichen Nabu-Gruppen genutzt und kann das Interesse möglichst vieler Menschen geweckt werden.

Den Naturschützern geht es nämlich nie allein um diesen einen Vogel. „Der Vogel des Jahres steht immer für einen Lebensraum“, sagt Schikore. Im Fall des Waldkauzes sind das alte, tiefe, höhlenreiche Mischwälder mit Lichtungen und angrenzenden Feldern. Dort fühlt er sich am wohlsten. Ausgedehnte, dichte und aufgeräumte Nadelwälder sowie großflächig ausgeräumte Agrarlandschaften – Stichwort: Vermaisung – meidet der nächtliche Jäger dagegen, heißt es in der Fachliteratur. Denn was er und alle Eulenarten benötigen, ist ein auf kleinem Raum (sein Revier misst etwa 25 bis 30 Hektar) verfügbares Nahrungsangebot. Für den Waldkauz, dessen Nahrungsspektrum breiter ist als das anderer Eulen, bedeutet dies nicht nur ein großes Vorkommen von Mäusen, Maulwürfen, Ratten und Jungkaninchen. Sie würden auch Frösche, Kröten, Käfer und Regenwürmer verspeisen, sagt Schikore. Bei der Jagd nach dieser speziellen Beute würden sie aber auch mal selbst zum Opfer: Opfer des Straßenverkehrs.

Lieber als Lurche jagt der Waldkauz jedoch andere Vögel. Das bestätigt Heiko Ilchmann, Hobby-Ornithologe bei der Nabu-Ortsgruppe Hambergen: „Bis zu der Größe von Elstern, Hohltauben und Eichelhähern jagen sie die.“ Damit unterscheide er sich von der Schleier- und der Waldohreule, zu deren Beuteschema Vögel nicht gehörten. „In schneereichen Wintern, wo die Jagd auf Mäuse schwieriger wird, sind seine Überlebenschancen daher besser“, erklärt Ilchmann.

Wie viele Waldkäuze es in Deutschland tatsächlich gibt, sei schwer zu sagen, bemerkt Tasso Schikore. Bestandszahlen zum Landkreis Osterholz besitze er gar nicht. Dafür aber Vermutungen, wo sie vorkommen müssten. Beispielsweise in zusammenhängenden Wäldern wie dem Stoteler Wald, der Elm und den Landesforsten im Nordkreis sowie höhlenreichen Althölzern im Siedlungsbereich wie dem Klosterholz.

Dem aktuellen Atlas deutscher Brutvogelarten zufolge gibt es deutschlandweit etwa 43 000 bis 75 000 Brutpaare. Die große Schwankung in dieser Angabe ist der Art der Zählung geschuldet. Die dämmerungs- und nachtaktiven Vögel verstecken sich tagsüber zum Schlafen. „Sie würden sonst von den Warnrufen und Attacken der Singvögel gestört“, erklärt Heiko Ilchmann. Wie viele es von ihnen gibt, ist daher nur anhand ihrer Rufe festzustellen. Zu hören sind sie aber selten. Hauptsächlich von Dezember bis Februar. Dann lotsen die Männchen mit ihren Balzrufen die Weibchen zur – hoffentlich genehmen – Bruthöhle, um sie dann mit ihren Jagdkünsten zu überzeugen. Später sind es die jungen Ästlinge. Der Nachwuchs verlässt etwa einen Monat nach dem Schlüpfen die Bruthöhle und sitzt knapp drei Wochen flugunfähig auf den Ästen, wo er von den Eltern versorgt wird. Der Bettelruf dieser Ästlinge ist etwa von April bis Juni zu hören. Wer nicht ruft, kann also nicht gezählt werden. Allerdings, so warnen sowohl Schikore als auch Ilchmann, seien Waldkauz-Eltern sehr aggressiv. Ihnen sollten Menschen besser nicht zu nahe kommen.

Damit es überhaupt Nachwuchs gibt, brauchen diese Nachtvögel nicht nur gut bestückte Jagdreviere samt geeigneter großer, ausladender Ansitz-Bäume, sondern auch Brutplätze. Nur: „Waldkäuze können sich keine Nester bauen und schon gar keine Höhlen“, sagt Tasso Schikore. Das sei die Crux. Dazu kommt die Größe des Jägers, die mit 37 bis 42 Zentimetern in der Literatur angegeben wird. „Selbst die Höhle eines Schwarzspechtes ist für den Waldkauz noch zu klein“, erklärt der Biologe.

Der Waldkauz sei daher auf Blitzschlaghöhlen angewiesen. Auf alte, große, knorrige Bäume, meist Eichen und Buchen, die im Sturm einen Ast verloren haben und dadurch eine große Öffnung im Holz aufweisen. „Da nistet er dann“, bestätigt Hobby-Ornithologe Ilchmann. Gibt es solche Höhlen nicht, übernehme er schon mal die Nester von Krähen oder Bussarden. Alternativ kann der Mensch dem Waldkauz helfen. „Wenn Höhlenmangel herrscht, kann man Waldkauzkästen in etwa zehn Metern Höhe aufhängen“, sagt Heiko Ilchmann. Am besten am Rand von dichten Wäldern. Nicht an Hauswänden. „Höchstens an Kirchen und Friedhofskapellen.“ Denn als Kulturfolger nutze er inzwischen auch alte Gemäuer für die Brut.

Angenommen werden diese Kästen aber eher selten. Dass weiß Ilchmann aus Erfahrung. Der Hobby-Ornithologe wohnt direkt an einem Waldrand und brachte vor Jahren einen Waldkauzkasten an. Ein Mal wurde diese Bruthöhle von einem der nächtlichen Jäger in Besitz genommen. Ein Mal zog er darin seine Jungen groß. „In der Regel besteht so ein Gelege aus zwei bis vier Eiern“, sagt Ilchmann. Danach übernahmen andere Bewohner die Höhle.

Besser werde dem Waldkauz aber damit geholfen, alte Bäume stehen zu lassen, sie nicht zu „ernten“. Und sie im Krankheitsfall nicht unten an der Wurzel zu fällen, sondern vielleicht nur die Krone zu stutzen, zumindest den Stamm für die Vögel stehen zu lassen. Darin sind sich die beiden Vogelfreunde Ilchmann und Schikore einig. Auch abwechslungsreiche Landschaften mit vielen heimischen Pflanzen, die Lurchen, Insekten, Vögeln und Säugetieren Schutz und Nahrung bieten, würden zum Erhalt des Waldkauz-Bestandes beitragen. Schließlich seien sie seine Nahrung.

Und da der Waldkauz als Kulturfolger bereits in städtische Parkanlagen, Alleen, alte Scheunen, Burgen und Ruinen sowie auf Friedhöfe mit altem Baumbestand vorgedrungen ist, schließt dies größere Gärten mit ein. Spätestens über deren naturnahe Gestaltung können Naturfreunde dem Vogel des Jahres 2017 sowie vielen anderen Tieren helfen. Wohl einer der Hauptgründe, weshalb der Nabu Deutschland bereits zum 46. Mal einen Vogel des Jahres gekürt hat und viele andere Länder diese Idee aufgegriffen haben.

„Der Vogel des Jahres steht immer für einen Lebensraum.“ Tasso Schikore, Biologe
Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+