Eine Ausstellung in vier Häusern (II): Der Barkenhoff – Idyll und Utopie, Zenit und Bindeglied im Werk Vogelers Scheitern in Schönheit

Die vier Sektionen der Worpsweder Gemeinschaftsausstellung zu Heinrich Vogeler sind thematisch abgegrenzt, aber es gibt sowohl stilistische als auch chronologische Überschneidungen. Die Entwicklungsschritte des Künstlers – und sein immer wiederkehrendes Scheitern am eigenen Anspruch – werden am deutlichsten im Barkenhoff sichtbar. Nicht von ungefähr thematisiert die dortige Schau „Idyll und Wandel“.
11.06.2012, 13:27
Lesedauer: 3 Min
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Von Lars Fischer

Die vier Sektionen der Worpsweder Gemeinschaftsausstellung zu Heinrich Vogeler sind thematisch abgegrenzt, aber es gibt sowohl stilistische als auch chronologische Überschneidungen. Die Entwicklungsschritte des Künstlers – und sein immer wiederkehrendes Scheitern am eigenen Anspruch – werden am deutlichsten im Barkenhoff sichtbar. Nicht von ungefähr thematisiert die dortige Schau „Idyll und Wandel“.

Worpswede. Die Übergänge vom märchenhaft verspielten Frühwerk Heinrich Vogelers sind in der Barkenhoff-Ausstellung ebenso offenbar wie die spätere Entwicklung zum politischen Künstler. Dazwischen liegen beinahe drei Jahrzehnte an einem als Gesamtkunstwerk gedachten Ort, der immer weiter aus- und später wieder umgestaltet wurde. Vogelers nahezu besessene Energie und Akribie, der mancher Weggefährte – allen voran Ehefrau Martha – nicht folgen konnte oder wollte, wird greifbar.

Folgerichtig widmet sich die Barkenhoff-Sektion des Ausstellungs-Quartetts nicht nur dem Maler und Grafiker, sondern auch dem Architekten und Designer von Möbeln, Schmuck, Besteck und Geschirr. Der Schwerpunkt aber liegt auf den Bildern, auf denen er zwischen Hauskauf 1895 und seinem Abschied aus Worpswede Mitte der 1920er-Jahre immer wieder den Ort seines Schaffens dargestellt hat.

In der ehemaligen Remise des Ensembles, die nach dem Umbau nun auch als großzügiger Ausstellungsraum genutzt wird, dreht sich alles um Haus und Hof. Das für diesen Ausstellungsteil zentrale Bild ist natürlich „Der Sommerabend“ von 1905, der deshalb aus der Rotunde der Großen Kunstschau zurück an den Ort des Geschehens gebracht wurde.

Nur vordergründige Harmonie

Beate Arnold, Leiterin des Hauses und eine der Gestalterinnen der museumsübergreifenden Gesamtkonzeption zum Vogeler-Jahr, interpretiert sein wohl bekanntestes Werk als brüchiges Idyll. Auf den zweiten Blick erweise sich die vordergründige Harmonie als Trugschluss. Die Blicke der Mitglieder der Künstlerkolonie sind trübe und voneinander abgewandt. Die Paare sind schon hier in Trennung begriffen, Clara Westhoffs Ehemann Rainer Maria Rilke fehlt gänzlich, die Modersohns sind ohne jeden Kontakt, Vogeler selbst zeigt sich fast vollständig verdeckt. Die Gemeinschaft ist in eine tiefe Krise geraten und die Risse lassen sich nicht mehr kitten. „Ein totes, ernstes Bild“ hat es der Maler selbst genannt.

Dieses Moment des Scheiterns – gleichzeitig Vogelers gefeierter künstlerischer Zenit – zieht sich durch sein Gesamtwerk und Leben. Aus den weiteren Bildern seines Domizils – aus allen möglichen Perspektiven und zu jeder Jahreszeit, in Gänze oder im Detail – spricht die Suche nach Auswegen. Er experimentierte mit verschiedenen Stilen, impressionistische oder realistische Darstellungsformen verdrängten den Jugendstil. Zufrieden wurde der Ewig-Getriebene nie. Die Ehe mit seiner Muse Martha zerbrach und aus der malerischen Sackgasse flüchtete der Maler zunächst in die Architektur und zum Design.

Sein Interieur ist im Obergeschoss des Haupthauses, dem „Weißen Saal“, zu sehen, die Architektur im Untergeschoss und natürlich im Ensemble Barkenhoff selber, zu dem untrennbar Garten, Teich und Wald dazugehören. Heinrich Vogelers Versuch des Gesamtkunstwerks wich dann dem Versuch, in einer Kommune soziale Verhältnisse neu zu definieren. Als dies alles misslang, wählte er den radikalsten aller möglichen Fluchtwege: Aus dem nur noch äußerlich bestehenden Idyll zog er in den Krieg.

Als Freiwilliger im Ersten Weltkrieg kehrte er politisierter denn je nach Worpswede zurück, fand dort aber keine rechte Heimat mehr. Er begann die Diele des Hauses mit Fresken zu bemalen, die Szenen vom Aufbau des Sozialismus zeigten. Dieser zeitlich späteste Aspekt der Barkenhoff-Schau ist der direkte Anknüpfungspunkt zum politischen Vogeler, der in der Großen Kunstschau gezeigt und in der Kunsthalle Netzel vertieft wird.

So ist der Barkenhoff nicht nur das Bindeglied vom Idyll in die Realität, er steht auch für den Wandel gesellschaftlicher Utopien. Heinrich Vogeler war zu Beginn seiner politischen Kunst alles andere als ein Bolschewik, er sympathisierte mit anarchistischen Ideen, illustrierte ein Werk Peter Kropotkins, traf Erich Mühsam in Berlin und gründete in diesem Sinne die Arbeitsgemeinschaft Barkenhoff. Im einst weltentrückten Lustgarten wuchsen nun Tomaten, aus dem Treff der Bohème wurde eine Volksküche. 1924 verkaufte Vogeler seinen Hof der Roten Hilfe und verließ Worpswede. Den Weg bis dahin illustriert der Ausstellungsteil im Barkenhoff nachvollziehbar und eindrucksvoll.

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