Freunde Worpswedes geben Hoffnung auf und beerdigen marodes Dichterboot / Maler: Rumpf durchaus zu retten

Schiffbruch im Künstlerdorf

Jahrelang stand das Boot des Malerpoeten Johannes Schenk ungeschützt im Freien, gleich neben der Tourist-Information. Jahr für Jahr setzten ihm Frost und Regen zu. Jahrelang diskutierten Worpsweder Bürger und Experten über die Rettung des Schiffs. Am Ende stand ein Abfallcontainer. Ein Gabelstapler bugsierte den zersägten Rumpf und die maroden Aufbauten hinein. "Eine kulturelle Barbarei", empört sich der Künstler Wolfgang Alt.
17.04.2013, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Michael Wilke
Schiffbruch im Künstlerdorf

Vom Boot des Worpsweder Malerpoeten Johannes Schenk blieb nur ein Trümmerhaufen übrig: Blick auf den zersägten Rumpf und die eingestürzten Aufbauten im Stahlcontainer.

Fotos: Hasselberg

Jahrelang stand das Boot des Malerpoeten Johannes Schenk ungeschützt im Freien, gleich neben der Tourist-Information. Jahr für Jahr setzten ihm Frost und Regen zu. Jahrelang diskutierten Worpsweder Bürger und Experten über die Rettung des Schiffs. Am Ende stand ein Abfallcontainer. Ein Gabelstapler bugsierte den zersägten Rumpf und die maroden Aufbauten hinein. "Eine kulturelle Barbarei", empört sich der Künstler Wolfgang Alt.

Worpswede. "Wir waren alle sehr traurig", sagt Susanna Böhme-Netzel, die Vorsitzende der Freunde Worpswedes. Die Freunde wollten für die Sanierung des vom Dichter und Maler Johannes Schenk umgebauten Rettungsbootes sorgen. Am Montag nahmen sie Abschied vom ramponierten Boot des 2006 gestorbenen Poeten. Dessen Lebensgefährtin Natascha Ungeheuer war auch dabei, als der schwarze Rumpf zersägt wurde. Ein Gabelstapler bugsierte die Rumpfstücke mit den Trümmern der zusammenfallenden Aufbauten in den Stahlcontainer. Schiffbruch.

Es war ein bitterer Tag für die in Berlin lebende Künstlerin Natascha Ungeheuer. Sie hatte der Gemeinde das Boot ihres Lebensgefährten Schenk geschenkt. Im Zentrum des Dorfes sollte es an den Poeten erinnern. "Gaaguim" hatte der Dichter und Maler, der jahrelang zur See gefahren war, das eigenhändig umgebaute Rettungsboot getauft. "Gaaguim" ist das hebräische Wort für Sehnsucht. Manche Worpsweder erinnern sich noch an Schenks sonntägliche Lesungen. Dann stand er oben auf den Planken seines Bootes und las vor ein paar Dutzend Zuhörern. Das Schiffchen stand in der Nähe des Vogeler-Bahnhofs. Statt Wasser hatte es Grassoden unterm Kiel.

Als Johannes Schenk 2006 starb, kümmerte sich keiner mehr um die "Gaaguim". 2009 sorgten Freunde von Schenk und Ungeheuer zusammen mit der Gemeinde für den Transport des Dichterbootes ins Zentrum. Der Autokran setzte es neben der Gästeinformation in der Bergstraße ab. Dort stand es jahrelang im Regen. Weder die Freunde noch die hoch verschuldete Gemeinde sorgten dafür, dass es geschützt, gesäubert und gestrichen wurde. So gammelte das Dichterboot vor sich hin, Spuren des Verfalls wurden immer offensichtlicher. Die Freunde Worpswedes klinkten sich ein, um für eine fachgerechte Sanierung und dauerhaften Schutz zu sorgen. Es gab Pläne für eine an den Seiten offene Glashütte und für eine Dachplane in Form eines Segels. Unter der Regie von erfahrenen Handwerkern und Experten des Bremerhavener Schifffahrtsmuseums sollten Jugendliche das Holzboot restaurieren.

"Wir haben immer gehofft, dass wir es abtransportieren können, um es geschützt in einer Halle zu sanieren", sagt Susanna Böhme-Netzel. Das sei nach diesem harten Winter unmöglich gewesen. "Das Boot war absolut nicht mehr sanierungsfährig". Auch der Rumpf sei marode gewesen. Die Gemeinde habe die Sicherheit nicht mehr garantieren können. "Wir haben gemeinsam da gestanden und es beerdigt", sagt die Vorsitzende der Freunde Worpswedes.

"Ich bin extrem sauer", sagt der Maler Wolfgang Alt. Hier sei in einer Nacht- und Nebelaktion Kulturgut vernichtet worden. "Das sind nicht nur ein paar alte Bretter. Das ist ein wunderbares Objekt, in dem der Geist des Dichters enthalten ist, einmalig. Da kommt in 25, in 50, in 100 Jahren keiner mehr, der so etwas schafft".

"Den Rumpf könnte man reparieren"

Die Aufbauten aus Weichholz seien vergammelt, der Rumpf des ehemaligen Rettungsbootes keineswegs. "Das ist rötliches Hartholz aus den Tropen, da ist nichts dran, vollkommen hart. das Holz ist trocken und riecht nach Harz", versichert Alt, der ein Ingenieurstudium hinter sich hat. Mit Technik sei er vertraut, sagt der Künstler. Nur am Kiel seien ein paar morsche Stellen, die Reparatur sei kein Problem.

Der zersägte Rumpf lasse sich zusammenfügen, leimen und mit Stahlriemen stabilisieren. Der Bootsrumpf könnte ausgestellt werden in einem Museum, zusammen mit den Büchern von Schenk. Menschen könnten sich hineinsetzen und auf den Bänken des ehemaligen Rettungsbootes lesen. Zumindest der Bug ließe sich zusammen mit den Büchern des Dichters ausstellen, sagt Wolfgang Alt.

"Eine wunderbare Idee", findet Susanna Böhme-Netzel. "Aber genau das ist das Problem. Man könnte dies machen und das. Jeder hat Ideen, jeder macht einen Vorschlag. Die Frage ist: Wer macht es? Wer hat die Zeit? Wer engagiert sich und wer treibt das Geld auf? Selbst die Entsorgung ist eine Frage der Kosten." Das Boot sei nicht mehr zu retten gewesen, betont die Vorsitzende der Freunde Worpswedes. Beim Zersägen sei das Schiff in sich zusammengefallen. "Die Arbeiter haben gesagt: ,Das hätte man gar nicht mehr transportieren können’."

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