Interview mit Schützenverbandschef

Hartmut Suhling: Alle Schützenfeste absagen

Viele wird es schmerzen, auf die lieb gewonnene Tradition verzichten zu müssen. Dennoch plädiert Präsident des Bezirksschützenverbands Osterholz, Hartmut Suhling, für eine Absage aller Schützenfeste.
22.04.2020, 10:00
Lesedauer: 5 Min
Zur Merkliste
Von Undine Mader
Hartmut Suhling: Alle Schützenfeste absagen

Hartmut Suhling in Uniform. Angesichts der Corona-Krise wird der Präsident des Bezirksschützenverbands Osterholz die Tracht in diesem Jahr seltener tragen.

Maximilian von Lachner
Herr Suhling, wann haben Sie zum letzten Mal ihre Schützentracht getragen?

Das ist am 6. März gewesen, zum Delegiertentag des Verbandes.

Wann, hoffen Sie, werden Sie Ihre Schützentracht wieder anziehen können?

Ich vermute, dass es in den Bereich September geht, weil die Veranstaltungen nicht wie in jedem Jahr stattfinden, wo ich die Vereine des Bezirksschützenverbands Osterholz zu ihren Schützenfesten im turnusmäßigen Wechsel besuche. Bis jetzt haben schon weit über 50 Prozent offiziell ihr Schützenfest abgesagt und es ist eine Bitte an alle herausgegangen, dass auch die übrigen Vereine überlegen sollten, sich solidarisch zu erklären und das Schützenfest in der gewohnten Form ausfallen zu lassen. Auch wenn es vielleicht in den nächsten Wochen irgendwann möglich wäre. Aber wenn dann noch fünf oder sechs Vereine theoretisch ein Schützenfest machen dürften, ergibt das für den gesamten Bezirk kein homogenes Bild mehr.

Wünschen Sie sich in diesem Bereich eine Gemeinschaftsentscheidung im Bezirksschützenverband Osterholz?

Ja, weil eben schon viele abgesagt haben und wir auch ein Problem hätten, wenn einige Vereine am Jahresende kommen und sagen: Wir haben ein neues Königshaus.

Lesen Sie auch

Warum wäre das ein Problem?

Eine Woche nach dem Delegiertentag hatten wir das Bezirkskönigsschießen angesetzt, obwohl es am Tag davor schon die ersten Bewegungen in Sachen Kontaktsperre gab. Wir hatten uns aber trotzdem durchgerungen, es durchzuführen, weil nicht absehbar war, was daraus wird und wir dort auch entsprechende Vorkehrungen getroffen hatten. Über den ganzen Tag verteilt lieferten jeweils ungefähr 25 Personen zeitgleich auf zehn Ständen ihren Wettkampf ab. Bis auf zwei Vereine sind auch alle Vereine angetreten, nur die Proklamation dieses Wettbewerbs auf dem 14 Tage später geplanten Bezirkskönigsball ist nicht mehr erfolgt. Es gibt im Grunde nur zwei Personen, die die Ergebnisse kennen: der Schießleiter und ich.

Wie geht es damit weiter?

Wenn in diesem Jahr unter Umständen alles gesperrt ist und wir nichts mehr machen können, werden wir im Rahmen des Präsidiums endgültig beraten. Aber es gibt schon jetzt eine Art favorisierte Lösung: Alle Schützenfeste fallen aus, die Königshäuser vom letzten Jahr bleiben dieses Jahr bestehen und im nächsten Jahr beginnt das alles wieder von Neuem und zwar mit der Proklamation des in diesem Jahr am 14. März ermittelten Bezirkskönigshauses auf dem Bezirkskönigsball 2021.

Hätte es Alternativen zum Schützenfest in seiner gewohnten Form gegeben, wie das Königsschießen ohne Publikum?

Das ist für keinen eine Alternative. Man muss sich das vorstellen: Beim Adlerschießen ist es oftmals so, dass es eine Beglückwünschung gibt, für den König oder gelegentlich, wenn einer ein Teil abschießt. Alle gehen dann an den Tresen und er gibt einen aus. Wenn man sich nun so etwas vorstellt: Die Mannschaft geht in einem Abstand von 1,50 Meter pro Person, dann ist das eine Traube, für die der Schießstand gar nicht groß genug ist.

Und wie soll man Prost sagen und Anstoßen, wenn man so voneinander entfernt ist? Das würde nicht mehr in Richtung traditionelles Fest oder Schützenfest gehen. Deshalb haben sich schon einige Vereine früh davon verabschiedet, auch gerade die, die mehr Publikumsverkehr haben. Da ist zu viel Bewegung bei den Zuschauern und Schützen und man kann die Menge nicht kontrollieren in der Euphorie.

Schützenfeste sind ja so etwas wie der gesellschaftliche Höhepunkt der Schützenvereine, ist Abstand nicht ein Widerspruch dazu?

Das ist genau das Problem. Man kann dann das Schützenfest nicht mehr Fest nennen. Es wäre eine gezwungene Zusammenkunft, die nicht zusammenführt, sondern Abstand entwickeln muss. In der Bevölkerung haben viele ja jetzt schon verinnerlicht, dass man mit zwei Metern Abstand stehen bleibt und sich unterhält. Aber wenn das bei einem Schützenfest so passieren soll, dann ist der Sinn absolut verfehlt. Dieses gemütliche Beisammensein ist der wichtigste Punkt und das Argument dafür, es durchzuführen. Hier werden einige Vereine eventuell erfinderisch und kreieren eine „Ersatzveranstaltung“ im kleinen Rahmen zu einem späteren Zeitpunkt im Coronajahr.

Lesen Sie auch

Was bedeutet der Wegfall einer kompletten Schützenfestsaison für das Schützenwesen im Allgemeinen?

Das Schützenwesen kommt sicherlich stärker aus dem Traditionsbereich, aber mittlerweile hat es einen hohen sportlichen Anteil. Nach Fußball ist der Schießsport eine der stärksten Sportarten im Deutschen und Niedersächsischen Sportbund. Und wenn im Fußball die Saison beendet wird und nächstes Jahr wieder aufgenommen wird, in einem anderen Rahmen oder wie auch immer, sind wir sozusagen auf dem gleichen Weg. Wir setzen jetzt ein Jahr aus und machen danach punktgenau weiter – wenn es denn geht, das weiß auch noch keiner. Das ist das Ziel, das vom Präsidium des Bezirksschützenverbands momentan vertreten wird, und ich glaube, dass da alle mitziehen.

Kommen auf die Königshäuser zusätzliche Kosten zu, wenn diese ein weiteres Jahr amtieren?

Nein. Aus unserer Sicht wird das Königshaus - also alle ermittelten Könige im Verein – keine weiteren Kosten haben. Sie verlängern zwar die Amtszeit, aber es ist Leerlauf. Sie haben durch diese Unterbrechung keine Aufgaben und keine Ausgaben, keine Präsenzpflichten. Ich würde es sogar so beschreiben: Das Leben ist unterbrochen.

Bleiben einzelne Vereine durch die Festabsagen auf Kosten für Festzelte oder Schausteller sitzen?

Diejenigen Vereine mit größeren Veranstaltungen haben das rechtzeitig abgesagt, um eben diesen Sachen zu entgehen.

Bedeuten fehlende Schützenfeste auch Einnahmeausfälle für die Vereine?

Sicherlich gibt es den einen oder anderen Einnahmeausfall, wobei ich glaube, dass das Schützenfest nicht mehr die große Einnahmequelle ist. Kein Verein kann so richtig Gewinn machen durch das Schützenfest. Meistens geht das immer so bei einer schwarzen Null auf. Bei einigen Vereinen könnte es vielleicht einen Einbruch geben durch die entfallenden Vermietungen für Veranstaltungen, weil die ganzen Anlagen stillgelegt sind.

Könnte dieses Pausenjahr für kleine Vereine existenzbedrohlich werden?

Der Landessportbund hat schon eine Erhebung über vermutete Ausfälle gemacht, um einzuschätzen, wie er helfen könnte. Er verfügt über Mittel für die verschiedenen Sportvereine und die können unter Umständen zur Verfügung gestellt werden, weil sie ja für andere Zwecke in diesem Jahr nicht gebraucht werden. Es finden keine Lehrgänge statt und keine Sportveranstaltungen, die gesponsert werden müssten.

Lesen Sie auch

Es wird also keiner auf der Strecke bleiben?

Ich prognostiziere für unseren Bezirksverband, dass es keinen Schützenverein treffen wird.

Das Interview führte Undine Mader.

Info

Zur Person

Hartmut Suhling (64) ist seit März 2017 Präsident des Bezirksschützenverbands Osterholz. Der IT-Fachmann im Ruhestand gehört dem Schützenverein Oldendorf seit 50 Jahren an. 1983 und 2003 wurde er Schützenkönig.

Info

Zur Sache

Mehr als 4600 Mitglieder

Im Bezirksschützenverband Osterholz sind 35 Vereine in den drei Kreisverbänden Kreis Geest, Kreis Moor und Kreis Wörpe Wümme mit insgesamt rund 4628 Mitgliedern organisiert. Pro Jahr werden im Verbandsgebiet 28 Schützenfeste ausgerichtet.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+