Kreis scheitert mit IGS-Modell vor Gericht Schulprobleme bleiben ungelöst

Lilienthal·Grasberg·Worpswede. Die 3. Kammer des Stader Verwaltungsgerichts hat die Klage des Landkreises abgewiesen. Eine Integrierte Gesamtschule (IGS) ist nach Auffassung der Richter nicht mit dem Schulgesetz vereinbar.
29.10.2010, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Michael Wilke

Lilienthal·Grasberg·Worpswede. Bernhard Seebeck, Leiter der Haupt- und Realschule in Worpswede, hat bis zuletzt gehofft. Doch die 3. Kammer des Stader Verwaltungsgerichts hat die Klage des Landkreises abgewiesen. Eine Integrierte Gesamtschule (IGS) mit drei Standorten in Lilienthal, Grasberg und Worpswede ist nach Auffassung der Richter nicht mit dem Schulgesetz vereinbar. Seebeck fürchtet um den Bestand seiner Haupt- und Realschule. Sie verliert immer mehr Schüler ans Gymnasium und an Gesamtschulen.

Die Hauptschule ist schon weggebrochen. Es gibt nur noch zwei Klassen: acht und neun. Die jüngeren Hauptschüler, drei bis vier pro Jahrgang, lernen in Realschulklassen. Doch auch die bröckeln. Jahrzehntelang gab es in Worpswede zwei Realschulklassen und eine Hauptschulklasse. Nach der Abschaffung der Orientierungsstufe (OS) vor sechs Jahren ging es rapide bergab. Heute droht Seebecks Schule die Einzügigkeit. In den meisten Jahrgängen reicht es noch für zwei Parallelklassen, doch es gibt nur eine sechste und eine achte Klasse. 'Das ist in Worpswede schon dramatisch', sagt Seebeck. Die IGS mit den drei Standorten hätte die Zukunft der Worpsweder Schule sichern können.

'Man hätte das ja mal testen können', sagt Seebeck. Vielleicht als Schulversuch. In der Gerichtsverhandlung sei es nur um Paragraphen gegangen, nicht um Inhalte. Jetzt will sich Seebeck mit seinen Schulleiterkollegen in Lilienthal und Grasberg zusammensetzen und überlegen, wie es weitergeht.

'Sehr bedauerlich' findet Worpswedes Bürgermeister Stefan Schwenke das Urteil. Nun müsse über Alternativen nachgedacht werden, über einen 'Plan B'. Worpswede brauche die weiterführende Schule. Die Zahl der Kinder, die die Kooperative Gesamtschule (KGS) in Hambergen besuchen, ist in diesem Jahr von 47 auf 60 gestiegen. Eine neue Schulbuslinie bringt sie hin. Schwenke drängt auf eine Lösung des Schulproblems. Die Eltern im Künstlerdorf fragen danach und warten darauf.

Das Urteil hat auch den Landrat Jörg Mielke enttäuscht. Aber dazu will er sich erst äußern, wenn er die Begründung kennt. ' Die IGS in der von uns geplanten Form hätte in jeder Gemeinde eine weiterführende Schule bedeutet', sagt Mielke. 'Ob und wie wir dieses Ziel anders erreichen, müssen wir nun sehen.' Auf alle Fälle wolle der Kreis den Eltern und Kindern zum nächsten Schuljahr eine sinnvolle Lösung anbieten. Es müsse neu geplant und über Alternativen nachgedacht werden.

Miesner: Oberschule ist die Lösung

Der CDU-Landtagsabgeordnete Axel Miesner präsentiert eine Alternative: Die vom Kultusminister Bernd Althusmann angekündigte Oberschule sei maßgeschneidert für den ländlichen Raum. Die neue Oberschule vereine Haupt- und Realschulen und biete die Chance, sie um ein gymnasiales Angebot zu erweitern. Zusammen mit dem Lilienthaler Gymnasium sei die Oberschule 'das passgenaue Angebot für die Schülerinnen und Schüler im Ostkreis', glaubt Miesner. Die Haupt- und Realschulen könnten zu Oberschulen werden und gymnasiale Angebote machen.

Allerdings sind gymnasiale Angebote nach den Plänen des Kultusministers nur in dreizügigen Oberschulen möglich. Zweizügige Oberschulen bieten nur den Haupt- und Realschulabschluss. Für Seedorf und seine Schule wäre das keine Lösung, eher schon für Grasberg und Lilienthal.

'Das Urteil ist da, ändern kann ich es nicht', sagt Grasbergs Bürgermeisterin Marion Schorfmann (CDU). 'Die Frage ist: Welche Alternativen haben wir? Da muss schnell was passieren. Die Eltern und Kinder warten darauf.' Eine Oberschule als Ganztagsschule mit Sozialpädagogen und einem gymnasialen Angebot - das klingt gut. 'Das macht einen positiven Eindruck', sagt Schorfmann. Doch vermisst sie nähere Informationen, die Feinheiten und Details.

Grasbergs Schulleiter Dietmar Krause bleibt dabei: Eine IGS mit drei Standorten wäre die ideale Lösung für den Ostkreis. Das Oberschul-Modell des Ministers kennt er nicht, keine inhaltlichen Details, darum sagt er nichts dazu. Nun will er zusammen mit den Schulleiterkollegen neu nachdenken. 'Wir wollen alle drei Schulstandorte erhalten. Fakt ist, dass die Schülerzahlen zurückgehen.' Noch ist die Haupt- und Realschule in Grasberg dreizügig, mit zwei Realschulklassen und einer Hauptschulklasse pro Jahrgang. Aber auch in Grasberg blutet die Hauptschule aus; in den Klassen sitzen noch neun bis elf Schüler.

Für Lilienthals Bürgermeister Willy Hollatz (Grüne) ist das Gerichtsurteil 'eine große Enttäuschung'. Zusammen mit dem Landkreis hätten die drei Schulleiter ein zukunftsweisendes Konzept entwickelt, das alle drei Schulstandorte sichere. Eltern, Bürgermeister und Kommunalpolitiker hätten das Modell mitgetragen.

Die vom Landtagsabgeordneten Axel Miesner propagierte Oberschule ist für Hollatz 'keine Antwort auf die Probleme im Ostkreis. Herr Miesner macht es sich da etwas zu einfach.' Die Lilienthaler Ganztagsschule ist die größte der drei Haupt- und Realschulen und trotz der Konkurrenz durch das Gymnasium und die Gesamtschulen in Tarmstedt, Hambergen und Osterholz-Scharmbeck dreizügig und relativ stabil. Doch ist auch hier die Hauptschule weggebrochen; die wenigen Hauptschüler lernen in Realschulklassen. 'Man muss eine neue ganzheitliche Betrachtung machen', sagt Hollatz. Ein Schulzentrum stabilisieren und andere gefährden - 'das kann?s nicht sein'.

Wie seine Schulleiterkollegen ist Jörg Fitzer enttäuscht darüber, dass die Inhalte des IGS-Konzepts vor Gericht überhaupt keine Rolle spielten, sondern nur die Rechtmäßigkeit. Zur Oberschule will der Leiter der Lilienthaler Ganztagsschule nichts sagen. Dafür habe er 'viel zu wenig Informationen'. Fitzer will mit seinen Schulleiterkollegen weiterdenken und 'mehr Fantasie entwickeln' zur Lösung der Schulprobleme im Ostkreis, statt auf ein vom Minister angedeutetes neues Modell zu bauen.

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