Losgezogen: Lilienthalerin Lena Gudd vom Reisefieber gepackt / Fotokünstlerin lädt zum Bilderspaziergang ein Sehen ohne Türen zu öffnen

Lilienthal. Bevor Lena Gudd von Berlin nach Lilienthal fährt, lädt sie uns für eine Stunde in ihr Atelier ein. Es ist Mittwoch morgen, 6.
19.09.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Petra Scheller

Bevor Lena Gudd von Berlin nach Lilienthal fährt, lädt sie uns für eine Stunde in ihr Atelier ein. Es ist Mittwoch morgen, 6.30 Uhr. Der einzige Termin, der in ihrem Kalender noch frei ist. Die Fotokünstlerin sitzt an einem Schreibtisch in einer 20-Quadratmeter-Galerie am Prenzlauer Berg, die sie gerade mit ihrem Partner Antonin Pons Braley bezogen hat. Die offizielle Eröffnung ist für November geplant. Bis dahin sei noch viel zu tun. „Tumuult“, so der Name der Kreativ-Agentur, sei ein Ort für Ausstellungen, wissenschaftliche Expertise, Begegnungen und Werkstatt zugleich.

Die Künstlerin blickt in die Kamera ihres aufgeklappten Macbooks. Dunkle Locken, strenge Brille, ernster Blick, offenes Lächeln. Neun Jahre lang ist Lena Gudd um die Welt gereist, bevor sie jetzt nach Lilienthal zurückkehrt, um hier zum ersten Mal auszustellen.

Im Rahmen von „Wir sind Lilienthal“ und der Ausstellungsreihe „Einfach nur das Beste“ präsentiert die 29-Jährige an diesem Wochenende fünf ihrer Arbeiten aus dem kanadischen Fermont, einer Minenstadt im Norden Quebecs. „Mir war es allerdings wichtig, dass meine Fotos zu sehen sind, ohne eine Tür aufmachen zu müssen“, sagt Gudd. Deshalb zeige sie ihre dokumentarische Schwarz-Weiß-Fotografie auf Transparentfolie in Lilienthaler Schaufenstern. Für Sonntag lädt die Künstlerin zu einem Bilderspaziergang durch den Ort ein und berichtet über Hintergründe ihrer Werkreihe.

Der Mensch in seinem Umfeld

„Es war die Weite, die Fermont umgibt, die Lena anzog. Aber ihre Bilder zeigen etwas anderes. Es sind die Menschen, die den realen Kontext bereitstellen“, kommentiert der Kunstkritiker Paul Caruana Galizia Gudds dokumentarische Fotografien. Minenarbeiter, Husky-Züchterinnen, Musher, Fliesenleger – fotografiert wird analog. Es sei vor allen Dingen der Mensch in seinem Umfeld, der sie interessiere. „Wie leben wir zusammen? Was fühlen wir?“, frage sie sich, bevor sie auf den Auslöser ihrer Mittelformatkamera drückt.

Angefangen hat alles im September 2012. Die Studentin startet ihre erste große Reise ins kanadische Montreal. Ihre Masterarbeit in European Studies hat sie einen Tag zuvor abgegeben. Studienaufenthalte in Maastricht, Bath und Paris haben die Lilienthalerin geprägt. „19 Jahre lang wuchs ich in Trupermoor auf, ging am Schoofmoor zur Schule und verbrachte meine Nachmittage auf dem Lütt´n Peerhoff. Eigentlich hatte ich zuvor nie das Bedürfnis, groß zu verreisen.“

Doch dann packte sie das Reisefieber. Neun Jahre lang sei sie eigentlich kaum sesshaft gewesen. Über „Europäische Identität in der Tschechischen Republik“ schrieb sie ihre Masterarbeit. Im Rahmen eines Fotofestivals „Prag Photo“ interviewte sie Künstlerinnen, Historikerinnen, Kuratorinnen und wertete deren Aussagen im Zusammenhang mit textbasierten Studien über Identität anhand von Fotografien aus. Soziologie und Anthropologie seien ihre Schwerpunkte während der Studienzeit gewesen.

Die Leidenschaft für Fotografie kam erst später hinzu: kurz vor Beginn ihrer Kanadareise. Eine Yashica-Mittelformat-Kamera ihres Vaters und eine japanische Mamiya 220 kommen mit ins Reisegepäck. Gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten und Geschäftspartner Antonin Pons Braley, geht es zunächst nach Montreal. Dort hören die beiden von Bekannten, dass im Norden Quebecs, in der Minenstadt Fermont, Menschen in einer Mauer leben.

„Wir kamen gerade aus Berlin, inspiriert von dem Gedanken, dass die Mauer dort eingerissen wurde, weil Menschen in Freiheit leben wollen. Wie konnte man da freiwillig in einer Mauer wohnen?“, fragt Gudd. 2000 Kilometer trampt das Paar, um auf die Frage eine Antwort zu finden. Aber die beschwerliche Reise nach Fermont habe sich gelohnt, sagt sie. „Jede und jeder spielt hier eine Rolle. Ein Polizeipräsident, der gleichzeitig der größte Drogendealer ist. Frauen auf Schlittschuhen im Glitzer-Tütü.“ 1974 wurde Fermont aus dem Boden gestampft. „Eine Stadt, die aus einer Mauer mit Wohnungen, Geschäften, einer Schule, einem Rathaus und Einfamilienhäusern besteht“, beschreibt Gudd. 1,3 Kilometer lang. Fünf Stockwerke hoch. Eine bogenförmige Mauer im Nordwind.

Doch die Fotografin trifft nicht nur Menschen, die sich einengen lassen. Sie beginnt eine Werkreihe mit dem Titel: Wild und Frei. Carole, eine Schlittenhundeführerin, die in der Region Rennen und Expeditionen plant, spielt darin eine Rolle. Eine ähnliche Geste wie bei Carol findet Lena Gudd bei einem ehemaligen kriegstraumatisierten GI-Offizier, der durch seine Arbeit mit Huskys wieder ins Leben zurück findet. Ihn trifft das Publikum an diesem Wochenende in Lilienthal.

Wer sich auf die heutige Vernissage in Murkens Hof oder auf den morgigen Bilderspaziergang mit der Künstlerin einstimmen möchte, findet Interessantes im Internet unter lenagudd.com. Im Oktober beginnt ihre auf fünf Jahre angelegte Tournee von Einzelausstellungen. Erste Station wird das Maison de la Photographie Robert Doisneau in Paris-Gentilly sein. Die Ausstellung „Einfach nur das Beste“ mit insgesamt 21 Lilienthaler Künstlerinnen und Künstlern beginnt um 17 Uhr in Murkens Hof und im Rathaus. Finissage ist am 23. November. Für den Bilderspaziergang durch Lilienthal trifft sich die Fotografin mit ihrem Publikum an diesem Sonntag, um 15 Uhr vor Murkens Hof und lädt anschließend zum Gespräch.

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