Extrembotaniker Jürgen Feder

Sein Star ist das Gänseblümchen

Extrembotaniker Jürgen Feder hält am Donnerstag, 15. Oktober, beim Nabu Worpswede im Haus im Schluh einen Vortrag. Vorab begleiteten wir ihn auf einem Spaziergang im Künstlerdorf.
14.10.2015, 00:00
Lesedauer: 5 Min
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Sein Star ist das Gänseblümchen
Von Timo Sczuplinski
Sein Star ist das Gänseblümchen

Was guckt denn da zwischen dem Schotter hervor? Jürgen Feder hat Japanisches Liebesgras am Worpsweder Bahnhof entdeckt.

Timo Sczuplinski

Extrembotaniker Jürgen Feder hält am Donnerstag, 15. Oktober, beim Nabu Worpswede im Haus im Schluh einen Vortrag. Vorab begleiteten wir ihn auf einem Spaziergang im Künstlerdorf.

Jürgen Feder ist kaum aus seinem Auto ausgestiegen, da hält er ein Grasbüschel in die Luft. „Ich hab’ schon was gefunden“, ruft er. „Japanisches Liebesgras.“ Nicht sonderlich schön, auch wenig nützlich, aber noch relativ selten in der Gegend. Auf dem Weg nach Worpswede hat er es auf einem Parkplatz entdeckt, direkt zwischen den Pflastersteinen. Nun steht Feder vor der Worpsweder Mühle, Treffpunkt für den geplanten Spaziergang. Ein kurzer Handschlag zur Begrüßung, dann geht es gleich los auf Pflanzenjagd – unterwegs mit Jürgen Feder, dem selbst ernannten Extrembotaniker.

Warum extrem? Das wird nach wenigen Augenblicken klar. Feder weiß extrem viel, spricht extrem viel und extrem schnell. Und vor allem ist er gern an extremen Orten unterwegs. „An ungewöhnlichen Plätzen gibt es die tollsten Überraschungen“, sagt er. Er findet Liebesgräser in Bordsteinritzen und seltene Hirsen an Bahngleisen. „Das fasziniert mich einfach.“ Als Kind sei er schon ständig draußen unterwegs gewesen, in Wäldern, auf Wiesen, an der frischen Luft. Nun sind Lagerhallen, Häfen oder Supermarktparkplätze seine Spielplätze. Er ist überall dort unterwegs wo mal was los war oder noch ist; dort wo der Mensch in die Natur eingegriffen hat.

Feder stakst wie ein Storch über die Wiesen oder verschwindet im nächsten Augenblick hinter einem Schuppen. Er hat seine Augen überall da wo sonst kaum jemand hinschaut. Nun macht Feder gleich den nächsten Fund. „Löwenschwanz“, ruft er. Das sei aktuell der einzig bekannte Ort, an dem diese Heilpflanze – gut gegen Blähungen und Bronchitis – im ganzen Landkreis Osterholz vorkomme. „Löwenschwanz: Das ist die Rakete von Worpswede“, ruft Feder begeistert.

Raketen, so nennt Feder die Pflanzen, die er nur ganz selten findet. Über 3000 Pflanzenarten kennt der studierte Landschaftspfleger auswendig, zu jeder fällt ihm eine Geschichte ein. Und nun die nächsten Funde in Worpswede: Niederliegendes Mastkraut, Gewöhnliches Greiskraut, Zottiges Franzosenkraut. „Und da“, wieder verschwindet Feder in einem Graben. „Schöllkraut. Das ist gut gegen Warzen. Weiß kaum noch jemand.“

Da blieb sogar Raab die Spucke weg: Feder zu Gast bei „TV total“.

Da blieb sogar Raab die Spucke weg: Feder zu Gast bei „TV total“.

Foto: Hans-Henning Hasselberg

Bekannt geworden ist Feder vor einigen Jahren durch einen TV-Beitrag des NDR, in dem er mit voller Hingabe als Experte über die Pflanzenwelt an Autobahnen erzählte. Daraufhin hatte ihn Stefan Raab in seine Sendung „TV total“ eingeladen. Und dort schaffte er das, was sonst kaum jemandem gelang. Er ließ den Entertainer kaum zu Wort kommen, zog ein 18-minütiges Alleinunterhaltungsprogramm ab. Das Publikum lachte, gluckste, quiekte, weil Feder so schön über Pflanzen referierte. „Das Fernsehen hat mich entdeckt“, sagt Feder. „Und labern konnte ich schon immer gut.“

Bis 2013 war Jürgen Feder in einer Gärtnerei angestellt. Heute ist er selbstständig. Er ist mittlerweile wohl der populärste Pflanzenexperte des Landes. Er hat die besondere Fähigkeit, die Leute mit seinem immensen Wissen in seinen Bann zu ziehen. Er tritt in Talkshows auf, schreibt Bücher, macht Exkursionen und hält Vorträge. Eine Hamburger Agentur vermarktet ihn und sein Unterhaltungstalent. Auch mit Tamme Hanken, dem ostfriesischen Pferdeflüsterer stand er schon ein paar Mal vor der Kamera.

Jetzt steht Feder an der Worpsweder Mühle. Seine nächsten Funde: Eingriffeliger Weißdorn, Indische Scheinerdbeere, Geruchlose Kamille. Und dann geht’s schnurstraks weiter. Da hinten lauert noch eine Attraktion. „Mauerraute!“, ruft Feder. Die habe er letztes Mal schon entdeckt und gleich durchgezählt. 108 Pflänzlein guckten zwischen den bröckelnden Mauerfugen der Mühle hervor. „Nein, da sind ja noch zwei, also 110, haha“, jauchzt er. Die Pflanze komme immer seltener vor. Auch weil es immer weniger alte Mauern gebe. Durch Sanierung oder Abriss werde der Pflanze der Platz zum Wachsen genommen, sagt Feder. So wie vielen anderen Pflanzen auch. Der Umgang des Menschen mit Natur und Landschaft gefällt dem Botaniker oftmals gar nicht. Zu viel Gülle auf den Feldern, zu viel Salz in den Böden. „Wenn ich eine Idee habe, ziehe ich auch morgens um halb vier los“, sagt Feder, der in Bremen lebt. Zum Leidwesen seiner Freundin. Dann geht’s ab ins Moor, in den Harz, auch mal an die Autobahnen. Die seien zum Beispiel die tollsten Pflanzenverbreitungsmaschinen, weil Autos und Lastwagen die Samen mit ihren Reifen überall hintrügen. An einem Klohäuschen an der A 27 hat er schon die Fuchsrote Borstenhirse wachsen sehen. Sie liebt salzige Gefilde und dank der vielen Danebenpinkler findet die Pflanze auch dort reichlich Nährstoffe und Salzkristalle.

Auch in Worpswede wächst die Hirse. Da hinten in einem Maisfeld habe er sie gerade eben gesehen, sagt Feder. Und nun, ein Ferkelkraut, mehrere Gänse-Malven und eine Angenehme Brombeere später, steht er plötzlich mitten im Gleisbett. „Hühnerhirse!“, ruft er. Gleich daneben auch noch Grüne Borstenhirse mit ihren feinen Ähren, und – noch seltener – die Blutrote Fingerhirse mit ihren fingerartigen Auswüchsen. Rispen- Ähren- und Fingergräser. „Alle drei Gräsertypen. Und das am popeligen Bahnhof in Worpswede“, sagt Feder. Für viele Orte und Regionen legt er Listen an. Auch für Worpswede gibt es schon eine. 312 Pflanzenarten hat er im Künstlerdorf entdeckt und alle notiert.

Ein paar Meter weiter gleich der nächste Fund: Sachalin-Staudenknöterich. Noch eine dieser Pflanzen, die es über irgendwelche Transportwege von Asien bis nach Europa geschafft haben und sich nun hier breitmachen. Bis zu vier Meter kann er hoch werden. Weil er mancherorts die heimische Flora überwuchert, wird dieser Knöterich regelrecht bekämpft.

„Versteh’ ich nicht“, sagt Feder. Probleme mit solchen Neophyten – also Pflanzen, die sich in einer Gegend ansiedeln, in der sie nicht heimisch sind, hat er nicht. „Ich kann mich doch von Pflanzen nicht bedroht fühlen“, meint er. „Wie soll das gehen? Die können mir doch nichts tun.“ Aber der Mensch versuche eben immer alles unter Kontrolle zu bekommen. Was er nicht kontrollieren könne – und sei es irgendein banales Kraut – das mache den Leute eben Angst. Also weg damit.

„Das Wissen über Pflanzen geht immer stärker zurück“, sagt Feder. Er versucht mit seinen Vorträgen dagegen anzukommen, den Leuten wieder einen Blick für das Besondere zu geben. „Was du nicht kennst, das kannst du nicht schützen“, sagt er und schiebt sich eine Handvoll Holunderbeeren in den Mund. „Hier, total vitaminreich.“ Dann knickt er einen anderen Stängel ab. „Spitz-Wegerich, ein prima Mittel gegen Wespenstiche“, sagt er. Aber wer weiß das noch? Selbst da wo sich die Leute auskennen müssten, fehlt seiner Meinung nach immer mehr der Praxisbezug. Sein Sohn zum Beispiel. Der studiert Biologie. „Aber letztens hat selbst der eine Fichte mit einer Kiefer verwechselt“, sagt Feder. Zu viel theoretisches Wissen, kaum noch praktische Lerneinheiten. Über Stock und Stein, in Gräben und Sümpfen wühlt kaum noch jemand.

Feder kann sich auch köstlich darüber amüsieren, wie die Teenies heute irgendwelche Internetstars anhimmeln. Er ist froh darüber, dass es diesen Anreiz für ihn früher noch nicht gab, dass er als Kind ständig draußen in der Botanik unterwegs war. Sein Star wächst nämlich genau dort. „Mein Idol ist das Gänseblümchen“, ruft er, rupft eins ab und steckt es sich in den Mund. „Kann man prima essen, auch die Blätter. Einfach zum Salat dazugeben. Probier’ mal!“

Jürgen Feder hält am Donnerstag, 15. Oktober, um 19.30 Uhr beim Nabu Worpswede im Haus im Schluh einen Vortrag über sein Pflanzenjahr 2015. Nichtmitglieder zahlen zehn Euro Eintritt.

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