Spekulatius gibt es in anderen Ländern das ganze Jahr über

Schon mal einen Spekulatius mitten im Sommer bei subtropischer Hitze gegessen? Soll in Indonesien an der Tagesordnung sein. Dort gibt es seit der niederländischen Kolonialzeit den Gewürzkeks ganzjährig, genau wie in den Niederlanden selbst oder in Belgien, wo er Speculaas oder Spéculoos heißt. Aber von wo er ursprünglich stammt, ist umstritten. Rheinländer und Westfalen erheben ebenso Anspruch auf die Urheberschaft.
08.12.2012, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Lars Fischer

Schon mal einen Spekulatius mitten im Sommer bei subtropischer Hitze gegessen? Soll in Indonesien an der Tagesordnung sein. Dort gibt es seit der niederländischen Kolonialzeit den Gewürzkeks ganzjährig, genau wie in den Niederlanden selbst oder in Belgien, wo er Speculaas oder Spéculoos heißt. Aber von wo er ursprünglich stammt, ist umstritten. Rheinländer und Westfalen erheben ebenso Anspruch auf die Urheberschaft.

Aber auch dort, wo er ganzjährig zu haben ist, erfreut sich der dünne, braune Mürbeteig-Keks besonders zum 6. Dezember größter Beliebtheit. "Nikolaus ohne Spekulatius ist doch undenkbar", sagt der Niederländer Jan Tissing, der auch in seiner Wahlheimat Worpswede zumindest in der Vorweihnachtszeit, die ja mittlerweile in den Supermärkten direkt nach dem Sommer beginnt, nicht darauf verzichten muss. Ob ihm diejenigen in Mühlen–Form besonders gut schmecken, verrät er nicht. Wäre aber naheliegend, wo Tissing sich doch für die Freunde Worpswedes um die alte Mühle am Hammeweg kümmert. Als "freiwilliger Müller" führt er regelmäßig Besucher durch das 180 Jahre alte Wahrzeichen des Künstlerdorfs. Wie passend, dass die Engländer Spekulatius gar nach dem beliebtesten Motiv darauf "Windmill cookies" nennen.

Die enge Beziehung zwischen Gebäck und Nikolaus liegt in der Tat in der Verzierung begründet. Zu Ehren des Heiligen wurde der Spekulatius hergestellt. Das Gebäck sollte daran erinnern, wie der Bischof für Arme und Bedürftige gesorgt hatte, indem er ihnen Brot brachte. Der Name selbst stammt von dem lateinischen Wort "speculator" ab, das soviel wie Aufseher hieß, aber auch der Begriff für Bischof war.

Ursprünglich waren auf den Keksen verschiedene Bilder aus der Lebensgeschichte des Nikolaus von Myra aus dem sechsten Jahrhundert nach Christus abgebildet – legte man sie in die richtige Reihenfolge, konnte man die Biografie des Patrons der Pilger, Reisenden, Schiffer, Fischer, Kaufleute, Schüler und Bäcker (!) quasi verschlingen. Im Laufe der Zeit kamen noch weitere, weihnachtliche Symbole, aber auch Motive wie Elefanten, Häuser oder eben Mühlen hinzu. Eine andere Theorie besagt, der Name komme von "speculum", lateinisch für Spiegel, wegen der spiegelverkehrten Abbildungen auf den Stanzformen, durch die die einzelnen Kekse vor dem Backen ihre Form bekommen.

Spekulatius gibt es in verschiedenen Sorten wie etwa Butter- oder Mandelspekulatius. Seinen charakteristischen Geschmack bekommt der Keks durch das Spekulatiusgewürz – eine Mischung aus Gewürznelken, Kardamom, Piment und Vanille. Mandelspekulatius wird meist weniger gewürzt, stattdessen wird dem Teig Mandelmehl hinzugefügt und die Unterseite mit Mandelsplittern beschichtet.

Seit dem zehnten Jahrhundert gibt es vermutlich Spekulatius, deren Geschichte eng mit der des Gewürzhandels verknüpft ist. Keine anderen Lebensmittel haben den Lauf der Geschichte derart stark beeinflusst wie die Gewürze. Sie wurden durch die Araber in den europäischen Handel gebracht, wo sie seit dem siebten Jahrhundert als Kostbarkeiten und oft auch als Arzneimittel galten, die europäische Oberschicht war unersättlich nach den exotischen Genüssen aus den Morgenland.

Wegen der Gewürze sind Erdteile entdeckt, erforscht und kartografiert worden, Handel entstand, Kolonien wurden gegründet, und es gab Kriege um sie. Den umkämpften Gewürzmarkt beherrschten bis zu Beginn des 17. Jahrhunderts die Portugiesen, deren Vormachtstellung dann von den Niederländern übernommen wurde.

Eilte bis nach dem Zweiten Weltkrieg dem Spekulatius aufgrund der noch immer hohen Gewürzpreise der Ruf einer exotischen und teuren Spezialität voraus, die teilweise einzeln verkauft wurde, so wird er heute in der Regel industriell hergestellt und günstig angeboten.

Der größte Spekulatius der Welt wurde aber im vergangenen Monat im Rheinland vom Bonifatiuswerk und Sängerin Maite Kelly präsentiert. Den zwei Meter hohen und einen Meter breiten Keks hatte der Düsseldorfer Bäcker Josef Hinkel in Handarbeit hergestellt. Ob er auch verspeist wurde, ist nicht bekannt. Jedenfalls hätte man selbst nach sättigender Völlerei behaupten können, man habe nur ein kleines Stückchen vom Keks abbekommen.

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