Patrik Feyer im Interview „Der Schiedsrichter ist der Buhmann – und das wird er auch bleiben“

Der Schiedsrichter im Wandel der Zeit. Schiedsrichter Patrik Feyer, der bis zur Oberliga pfeift, spricht im Interview über die Anforderungen und Stellenwert des Unparteiischen und den technischen Fortschritt.
15.03.2021, 18:46
Lesedauer: 7 Min
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„Der Schiedsrichter ist der Buhmann – und das wird er auch bleiben“
Von Dennis Schott

Herr Feyer, wann haben Sie als Schiedsrichter das letzte Mal auf dem Platz gestanden?

Patrik Feyer: Das müsste im Oktober gewesen sein.

Sicher sind Sie nicht?

Ich muss nachschauen... Am 25. Oktober in der Oberliga Niedersachsen. Da war ich in Lohne und habe die Partie TuS Blau-Weiß Lohne gegen den BSV Kickers Emden geleitet.

Wie sehr vermissen Sie den Fußball?

Schon sehr. Es ist immer mal schön, wenn man mehr Zeit hat für sich, Freunde und Familie. Aber irgendwann überwiegt das Gefühl, dass man dahin zurück will, was man gemacht hat. Ich habe auch Kontakt zu Schiedsrichterkollegen in der 3. Liga. Die dürfen ja ran, und da schaut man schon ein bisschen neidisch rüber. Zurück auf den Platz wäre schon schön.

Während der Corona-Pandemie stand der Fußball oft im Fokus. Nicht nur im Profibereich, wo wegbrechende Sponsorengelder und Zuschauereinnahmen bedrohliche Folgen haben, sondern auch an der Basis. Dort empfindet man die fehlende Bewegung gerade für Kinder für unzumutbar. In der öffentlichen Diskussion haben sich viele zu Wort gemeldet: Trainer, Spieler, Funktionäre. Von den Schiedsrichtern war jedoch kaum etwas zu hören. Spiegelt das ihren Stellenwert wider?

Grundsätzlich heißt es ja, dass es gut ist, wenn der Schiedsrichter gar nicht präsent ist, weil er das Spiel dann unter Kontrolle hat. Schiedsrichter sind ja mehr oder weniger Dienstleister für den Fußball. Ich würde es gar nicht so sehr auf den Stellenwert Schiedsrichterei schieben wollen. Da herrscht auch ein bisschen Selbstverständnis. Dass ein Schiedsrichter zur Verfügung steht, wird einfach erwartet. Aber ich würde das nicht als minderes Ansehen bewerten.

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Mit Blick auf das Profigeschäft ist der Schiedsrichter doch in einer komfortablen Situation. In Zeiten, in denen einfache Angestellte eines Vereins um ihre Stelle bangen müssen, weil das Geld nicht mehr so üppig fließt, haben es die Schiedsrichter doch gut, oder? Sie partizipieren am Geschäft Profifußball, kassieren zwar durch den DFB eine Grundsicherung, sind durch ihren festen Beruf aber unabhängig.

Die Unabhängigkeit ist auch unabdingbar. So lange der Schiedsrichter nicht die Beträge eines Profifußballers bekommt, braucht er dieses zweite Standbein. Das ist aber unabhängig von Corona wichtig. Es kann immer etwas passieren, das die Schiedsrichterlaufbahn beendet, etwa eine Verletzung. Und man kann es auch nur eine bestimmte Zeit lang machen. Da ist der Beruf natürlich wichtig, auch wenn die Profischiedsrichterei mehr Zeit in Anspruch nimmt als der Beruf. Das ist harte Arbeit, ehe man in der Bundesliga pfeift. Es ist sicher ein Geschenk, so etwas zu erreichen, aber es steckt halt ganz viel Fleiß dahinter.

Sie leiten Spiele bis zur Herren-Oberliga Niedersachsen und sind Assistent in der Regionalliga Nord. Wie stark war bei Ihnen der Traum von der Bundesliga ausgeprägt?

Ich bin ein ehrgeiziger Typ, und natürlich habe ich auch davon mal geträumt. Aber ich freue mich auch darüber, was ich bisher erreicht habe. In der Oberliga der Herren oder in den B- und A-Junioren-Bundesligen zu pfeifen, schafft auch nicht jeder.

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Sie sind Ihr halbes Leben lang Schiedsrichter. Konnten Sie im Laufe dieser Zeit einen Wandel feststellen? Oder wird immer noch gegen den Schiedsrichter gepöbelt?

Was die Anschuldigungen betrifft, hat sich gar nichts geändert, und ich denke, der Schiedsrichter wird immer der Buhmann bleiben. Man lernt mit der Zeit, damit umzugehen, und da muss man durch, wenn man Schiedsrichter werden will. Ich finde aber, das Anforderungsprofil ist anders als früher. Das Spiel ist schneller geworden, da sind im Training mehr Athletik und Dynamik gefragt. Früher wurden Leistungstests mit Dauerläufen abgenommen, heute sind es Intervallläufe mit Sprints im Wechsel mit Ausdauereinheiten.

Was ist noch anders als früher?

Der öffentliche Druck, die Medien, die auf einen einwirken. Das geht runter bis zur Kreisliga. In den sozialen Medien kann man angeschrieben und beleidigt werden, wenn derjenige mit einer Entscheidung nicht einverstanden ist. Andererseits bietet das Internet die Möglichkeit, seine Leistung zu reflektieren. Viele Vereinen nehmen die Spiele inzwischen auf.

Aber wie gehen Sie mit Beleidigungen um?

Man muss differenzieren. Es gibt den rauen Ton auf dem Platz, dem man auch aufnehmen kann, wenn sich ein Spieler entsprechend verhält. Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es auch wieder hinaus. Es kann aber auch sachlich ablaufen. Man muss auch ein Gespür entwickeln, mit welchem Spieler man wie umgeht. Und dann gibt es natürlich die Beleidigungen von außen, die man besonders als Linienrichter mitbekommt. Ich muss aber sagen, dass ich mit schlimmen Beleidigungen noch nicht viel zu tun hatte.

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Es gibt eine Dokumentation über den Bundesliga-Schiedsrichter Deniz Aytekin, der eben diese direkte und laute Ansprache benutzt. Ist das der neue Ton?

Für denjenigen, der gerade sein zweites Spiel leitet, ist das eher nicht zu empfehlen, weil man es ihm nicht abnimmt. Man muss sich ein gewisses Standing auch erst erarbeiten, und dann kann man auch anders mit den Leuten umgehen. Ich finde es wichtig, dass der Schiedsrichter nicht nur Regelhüter ist, sondern dass er Moderator und Kommunikator auf dem Platz ist.

War es eine bewusste Entscheidung, als Sie mit 14 Jahren als Schiedsrichter angefangen haben?

Mir war nicht bewusst, wo der Weg hinführen würde. Das war schon eher eine spontane Sache. Der Verein ist auf mich zugekommen und hat mich gefragt. Ich habe den Vorteil gesehen, dass ich mein Taschengeld etwas aufbessern konnte und dem Sport etwas näher bin. Mir hat das Spaß gemacht, ich stand weiterhin auf dem Fußballplatz und wurde dafür bezahlt. Damit war ich auch eine Zeit lang zufrieden. Dass man die ganze Sache etwas ernsthafter und höherklassig verfolgt hat, kam erst später.

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Apropos höherklassig: Sie pfeifen bis zur fünfthöchsten Liga. Hand aufs Herz: Hätten Sie es als Spieler überhaupt so weit geschafft?

Nein.

Dann sind die Aufstiegschancen als Schiedsrichter umso größer. Doch warum mangelt es dann so sehr am Nachwuchs?

Das ist die Kardinalfrage, auch in den Schiedsrichterausschüssen. Es ist ja schon schwierig, die 14-Jährigen zum Schiedsrichterschein zu bewegen. Und wenn man welche gefunden hat und die ersten Einsätze stehen bevor, dann erkennen sie, was es genau heißt, ein Spiel zu leiten. Außerdem müssen sie verlässliche Zusagen machen und absehen können, dass man am Samstag in vier Wochen weiß: Ich kann ein Spiel leiten oder die Oma hat Geburtstag. Das ist für viele herausfordernd. Bei den 18-Jährigen steht Beruf und Ausbildung im Vordergrund. Ich weiß auch nicht, wie es bei mir gelaufen wäre, wenn ich die Unterstützung vom Verein nicht gehabt hätte.

Sie haben den Wandel beschrieben. Ein Aspekt dabei ist der technische Fortschritt. Wie hat sich das Schiedsrichtern diesbezüglich bereits geändert, wie wird es sich noch ändern?

Es wird sich noch weiterentwickeln. Es hat angefangen mit den Funkfahnen, man konnte untereinander kommunizieren, ohne dass es andere mitbekommen haben. Das ist in der Kreisliga inzwischen fast gang und gäbe. Der nächste Schritt ist das Headset, das im Profibereich auch schon etabliert ist, das wird auch allmählich in die Amateurligen transportiert und eröffnet viel mehr Möglichkeiten. Das wird auch immer mehr werden, weil die Technik bezahlbarer wird. Und auch in puncto Video wird sich etwas tun. Zwar erst auf längere Sicht, aber es ist ja jetzt schon so, dass Spiele aufgezeichnet oder gestreamt werden.

Bei den Profis ist der Videobeweis umstritten. Ist er in Ihren Augen eine gute Sache?

Grundsätzlich ja. Der Grundgedanke macht es fairer. Die Umsetzung ist für den einen oder anderen Fan nicht ganz verständlich. Wenn ich mir ein Spiel auf der Couch anschaue, erwische ich mich auch selbst dabei, dass mir das mit der Entscheidung zu lange dauert.

Aber suggeriert man mit der technischen Unterstützung nicht eine Perfektion, die der Schiedsrichter gar nicht einhalten kann? Es gibt kaum mehr einen Graubereich, bei dem man sagt: Dieses Foul kann der Schiedsrichter geben, er kann es aber auch nicht geben. Lastet man dem Unparteiischen nicht eine unheimlich große Bürde auf und macht ihn automatisch zum Buhmann?

Ich will gar nicht mit der Handspielregelung anfangen, denn das ist das beste Beispiel dafür. Es gibt viele Dinge, die einfach im Graubereich liegen und dort auch bleiben werden. Der Mensch strebt dazu, alles nach einem Muster zu machen, um es kognitiv leichter zu machen. Das funktioniert aber nicht. Man kann sich an die hundertprozentige Richtigkeit herantasten, wofür der Videobeweis auch gut ist. Aber man wird nie die 100 Prozent erreichen.

Wieso wird das nicht in die Medien transportiert?

Gerade in den Graubereichen weichen die Meinungen ja voneinander ab. Je nachdem auf welcher Seite man steht, sagt der eine „Handspiel“ und der andere „kein Handspiel“. Dazwischen steht der Schiedsrichter und muss entscheiden. Es muss eine Entscheidung getroffen werden, und die ist in heiklen Fällen natürlich umstritten. Das Wichtigste ist, dass man nach einer Linie handelt, um es nachvollziehbarer zu machen. Aber wir sind alle nur Menschen.

Was meinen Sie, inwieweit die Technik noch weiter Einzug hält? Oder überspitzt gefragt: Wird der Schiedsrichter irgendwann überflüssig?

Nein, die Antwort liegt auch in der vorherigen Frage. Weil es einfach auch einen Graubereich gibt, den ein Computer nicht beurteilen kann, sondern nur der Mensch. Egal, welcher technische Fortschritt kommt.

Das Gespräch führte Dennis Schott.

Info

Zur Person

Patrik Feyer (27)

hat seinen Schiedsrichterschein mit 14 Jahren gemacht und ist momentan der am höchsten pfeifende Schiedsrichter des Fußballkreises Osterholz. Feyer leitet aktuell Spiele in der Oberliga Niedersachsen und ist in der Regionalliga als Assistent aktiv. Der gebürtige Berliner kam im Alter von drei Jahren mit seinen Eltern nach Bremen und zog sechs Jahre später nach Schwanewede. Dort spielte er beim FC Hansa ab der C-Jugend selbst Fußball bis hoch zu der 2. Herren. Nach einem Kreuzbandriss konzentrierte sich Patrik Feyer auf das Schiedsrichtern. Bis vor Kurzem leitete er auch Spiele in der B- und A-Junioren-Bundesliga. Der 27-Jährige arbeitet im Vertriebsinnendienst und absolviert parallel dazu ein Studium der Wirtschaftspsychologie.

Info

Zur Sache

75.000 Schiedsrichter

Laut dem Deutschen Fußball-Bund (DFB) finden in Deutschland jährlich 1,6 Millionen Fussballspiele statt, das sind 4400 Begegnungen pro Tag. Rund 75.000 Schiedsrichter sind regelmäßig im Einsatz. Das reicht nicht aus, um in jeder Liga einen Schiedsrichtereinsatz zu gewährleisten, zumal die Zahl der Schiedsrichteranwärter rückläufig ist. Dabei sind die Vereine angehalten, für Nachwuchs zu sorgen. Je nach Anzahl ihrer Mannschaften müssen sie eine Mindestanzahl an Schiedsrichtern stellen. Sind es zu wenige, werden Strafgelder fällig. Als Schiedsrichter wird anerkannt, wer eine bestimmte Zahl an Spielen pro Saison leitet und weitere Anforderungen erfüllt wie Leistungstests und Pflichtschulungen.

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