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Die besondere Beziehung zwischen Stefanie Jenß und Quickstead

Stefanie Jenß' Erfolg ist untrennbar mit ihrem Hannoveraner Quickstead verbunden. Ihr ist sogar schon Geld geboten worden. „Aber so einen gibt es vielleicht nie wieder“, sagt die Reiterin des RV St. Jürgen.
28.07.2020, 10:09
Lesedauer: 4 Min
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Von Timo Flathmann
Die besondere Beziehung zwischen Stefanie Jenß und Quickstead

Stefanie Jenß geht auf Quickstead für den RV St. Jürgen an den Start und ist inzwischen auch in S-Springen erfolgreich.

Peter Dethlefsen

St. Jürgen. Wenn Reiterin Stefanie Jenß (38) über ihre bisherige Laufbahn spricht, weiß sie ganz genau, wo die großen Wendepunkte liegen. Da gab es Startschwierigkeiten und einen schweren Unfall, aber auch die größer werdenden Ambitionen und die eine Begegnung, bei der es sofort gepasst hat.

Stefanie Jenß' Erfolg ist untrennbar mit ihrem Hannoveraner Quickstead (Quicksilber x Escudo I) verbunden. „Zwischen Quickstead und mir ist es diese ganz besondere Beziehung. Mir ist sogar schon Geld für ihn geboten worden, aber das ist mein Hobby, ich verdiene damit kein Geld, sondern möchte Freude daran haben. Wenn man den verkauft, gibt es vielleicht nie wieder so einen“, so Jenß, die bei ihrem 12-jährigen Wallach sowohl „Genie“ als auch „Wahnsinn“ ausmacht.

„Er ist nicht immer leicht händelbar und mit seinen 184 Zentimetern Höhe schon eine Erscheinung, der kann einem schon mal den Strick aus der Hand reißen“, so Jenß, „doch wenn wir zum Turnier fahren, ist er direkt da, dann ist er ehrgeizig“. Der Wahnsinn kommt dann jedoch wieder bei der Siegerehrung zum Vorschein, wenn er die Musik hört und am liebsten direkt wieder „losdonnern“ (Jenß) möchte.

Die Reiterin vom RV St. Jürgen fing mit sechs Jahren in ihrer Heimat Gronau (Nordrhein-Westfalen) an zu reiten – auf einem Pony. Damals besaß ihr Großcousin ein paar Pferde. Doch Jenß' Eltern hatten nicht die Zeit und Lust für den Turniersport. Mit 16 Jahren begann Jenß eine Ausbildung zur Friseurin, sodass es ihr zeitlich nicht möglich war, aktiv an Turnieren teilzunehmen. Und als sie dann noch ein Studium in Hamburg begann, war es ihr schlichtweg finanziell nicht möglich, zu reiten. So hat die Laufbahn der Stefanie Jenß einige Jahre Anlauf gebraucht, um Fahrt aufzunehmen. Im Rahmen eines Referendariats in Bremen zog die heutige Lehrerin nach Osterholz-Scharmbeck und lernte Stefan Ahlers kennen. Sie begleitete ihn zu Turnieren, half auf dem Hof, und ritt junge Pferde ein. Und schon bald erwarb sie von Ahlers ein eigenes Pferd.

Beim Hamberger Reitturnier im Jahr 2011 gab es dann jedoch unfreiwillig einen dieser Wendepunkte. Jenß stürzte schwer, musste ins Krankenhaus eingeliefert werden und dort sogar ein paar Tage verbringen. „Durch den Unfall habe ich gemerkt, dass man sein Leben genießen sollte. Wenn man einen Unfall hat und erst im Krankenhaus wach wird, hinterfragt man schon so einiges. Man fragt sich in dem Moment, ob man jemals wieder aufsteigt“, so Jenß. Ihr damaliges Pferd hat sie danach zwar noch bei Turnieren geritten, später jedoch verkauft. Und schon bald trat Quickstead in ihr Leben.

Quickstead war noch gar nicht lange bei Ahlers im Stall, da kam er zu Jenß, und sie machte direkt deutlich: „Den will ich haben!“. Zum Züchter Jürgen Geffken, der die Mutterstute von Quickstead immer noch besitzt, hat sie auch heute noch Kontakt und schaut regelmäßig vorbei. „Ich gucke dann auch immer, ob da noch ein Pferd von der Stute ist, was mir gefällt“, berichtet Jenß lachend. Seit 2012 sind Quickstead und Jenß vereint, und nach einer ersten Babypause im Jahr 2013 stellte sich langsam aber sicher der Erfolg ein.

„2016 bin ich Kreismeisterin geworden und habe auch mit meinem Trainer Ernst-August Scharffetter angefangen zu arbeiten. Ab da ging es so richtig los mit den Erfolgen“, so Jenß. Bei Scharffetter schätze sie vor allem die Flexibilität, ihn jederzeit ansprechen zu können, um zu trainieren. „Wir haben gemeinsam im L-Bereich angefangen, sind jetzt im M-Springen etabliert und wollen das auch noch im S-Springen schaffen“, so Jenß über ihre Ambitionen. Dass diese Ambitionen keineswegs zu hoch gegriffen sind, zeigten Quickstead und Jenß 2017 in Pennigbüttel. In ihrem ersten S-Springen holte das Paar den fünften Platz, doch beinahe wäre es sogar der zweite geworden: „Nach dem vorletzten Sprung dachte ich, wir sind durch, da habe ich schon die Zügel fallen gelassen und mich gefreut. Doch dann riefen die Zuschauer, und ich habe in letzter Sekunde alles wieder aufgenommen“, erinnert sich Jenß. 2018 und 2019 ließ Jenß jedoch aufgrund der Schwangerschaft mit ihrem zweiten Sohn die Klasse S erst mal einmal ruhen.

Bei allem, was Jenß sportlich so umtreibt, hat sie auch immer ihre Familie im Hinterkopf. Sie ist dankbar für die Unterstützung, die ihr Mann Oliver ihr entgegenbringt. Und sie hat auch immer im Blick, dass ihre beiden kleinen Söhne nicht zu kurz kommen. „Das muss ja auch zu Hause alles passen, denn ich mache das ja nicht beruflich, sondern als Hobby, aus Freude“, so Jenß.

In diesem Jahr hat das Duo Quickstead/Jenß – Corona zum Trotz – wieder auf sich aufmerksam gemacht. Anfang Juli gewannen sie das M-Springen des RC General Rosenberg. „Wenn man dort gegen 45 andere Paare antritt, dann gegen 15 andere ins Stechen darf und das Ganze dann gewinnt, ist das schon ein tolles Gefühl“, so Jenß, auch wenn die obligatorische Siegerehrung gefehlt habe. Bekanntlich ist diese Saison ohnehin eine andere: „Die Turniere sind ja quasi alle Late-Entry-Veranstaltungen. Außerdem ist immer die Teilnehmerzahl begrenzt. Wenn eine Anmeldung um 18 Uhr online geht, sind fünf Minuten später alle Plätze weg“, berichtet Jenß, „und wenn dann das Internet gerade nicht funktioniert, dann ist das schon Stress“. Das Paar hat in diesem Jahr schon für Springen in Luhmühlen und Hüttenbusch – auch in Wettbewerben der Klasse S – gemeldet, allerdings ist in diesem Jahr aufgrund der Pandemie die Planung recht „spontan“. Definitiv möchte Jenß in diesem Jahr aber „die Fühler noch mal nach oben ausstrecken“.

Ein Highlight ist der Corona-Situation jedoch zum Opfer gefallen: „Eigentlich sollten wir in diesem Jahr beim 100. Geburtstag des Spring- und Dressur-Derbys in Hamburg dabei sein“, so Jenß, die bereits Derby-Erfahrung hat, denn 2018 war das Paar in Klein-Flottbek bei einem Amateurturnier an den Start gegangen. „Damals hat Quickstead im Zelt übernachtet und wir im Wohnwagen. Das war insgesamt ein tolles Erlebnis“, so Jenß. Nun wird der 100. Geburtstag jedoch vom 12. bis 16. Mai 2021 nachgeholt, und voraussichtlich auch mit der Reiterin vom RV St. Jürgen.

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