Ein Jahr Corona im Landkreis Osterholz Viel Lärm um wenig – bis jetzt

Die Sportredaktion hat sich bei den Vereinen im Landkreis umgehört und ein sehr differenziertes Bild dabei bekommen. Tenor: Existenzbedrohend ist die Pandemie keinesfalls. Bis jetzt zumindest noch nicht.
15.03.2021, 09:32
Lesedauer: 7 Min
Zur Merkliste
Viel Lärm um wenig – bis jetzt
Von Dennis Schott

Es sind Schlagzeilen wie diese, die Angst machen: „Sportvereine fürchten um ihre Existenz“. Oder: „Sportvereine kämpfen ums Überleben“. So war es vielfach zu lesen, zu hören und zu sehen gewesen – vor allem in den überregionalen Medien und sehr zur für Verwunderung von Dieter Lange. Er ist Vorsitzender des TSV Dannenberg und hinterfragt eine solche Berichterstattung. „Ich weiß nicht, woher diese überregionale Rede vom Sterben der Sportvereine kommt, ich halte sie auch für falsch und gefährlich“, sagt Lange und begründet: „Wenn man den Menschen oft genug ein mögliches Problem vorbetet, dann kann es natürlich dazu führen, dass sie irgendwann ein Problem empfinden, was sie ohne diese permanente Berieselung gar nicht hätten.“ Das von den Medien skizzierte Bild träfe auf den TSV Dannenberg jedenfalls nicht zu, sagt Dieter Lange.

Er ist damit nicht allein. Denn so herausfordernd die vergangenen zwölf Monate, als die Sportwelt am 13. März 2020 aufgrund des Corona-Virus zum Erliegen kam, auch waren, so haben die Vereine des Landkreises Osterholz die Pandemie bislang eigentlich ganz gut überstanden. Das ist das Ergebnis einer Umfrage der Sportredaktion des Osterholzer Kreisblatt/Wümme-Zeitung.

Sorge um das Ehrenamt

„Gegenwärtig ist unser Verein nicht in seiner Existenz bedroht. Eine existenzielle Bedrohung ist auch nicht abzusehen“, erklärt Matrin Wagener, Vorsitzender des SV Komet Pennigbüttel, auf Nachfrage. Im vergangenen Jahr hätte der Verein knapp vier Prozent seiner Mitglieder verloren, erzählt er. Das sei aber eine „normale“ Größenordnung, weil sie sich im Vergleich zu den Vorjahren nicht unterscheide. „Allerdings wurden die Austritte in aller Regel durch Neuzugänge in ähnlicher Größenordnung kompensiert“, gibt er zu bedenken. Das war im Jahr 2020 nicht der Fall. Es sind auch, aber weniger die fehlenden Mitglieder, die Martin Wagener für die Zukunft etwas Sorge bereiten als vielmehr die Frage, ob der Verein das sportliche Angebot in gewohnter Weise wieder „hochfahren“ kann, wie er es nennt. In erster Linie liegt die Sorge bei den Ehrenamtlichen.

Lesen Sie auch

„Während die einen es kaum erwarten können, sich endlich wieder mit dem Team auf dem Rasen oder in der Halle austoben zu können, ist von den anderen nicht selten zu hören, dass ein Leben ohne oder zumindest mit weniger Ehrenamt auch seine angenehmen Seiten hat“, erklärt Pennigbüttels Vorsitzender. Ohne die Rückkehr all der Ehrenamtlichen wäre zwar nicht gleich der ganze Verein, wohl aber seine Bedeutung für die annähernd 1.000 Mitglieder bedroht, fügt er an und lässt nicht unerwähnt, dass das eigene Vereinsheim in besonderem Maße vom Lockdown betroffen war. „Wie jeder andere gastronomische Bereich“, so Wagner. Ein Zuschussbetrieb sei das Vereinsheim (Wagner: „Die letzte Gaststätte in Pennigbüttel“) schon viele Jahre, „immer getragen aus gelebter Verantwortung der Kometen für die Menschen in Pennigbüttel und Umgebung“, sagt der Vorsitzende. Die Auswirkungen der monatelangen Schließung, des Ausfalls von Erntefest, Weihnachtsmarkt- und Familienfeiern sowie der Kohltouren im gesamten Winter, seien für die Pächterin und den Verein aber katastrophal gewesen.

Das Ehrenamt spielt auch beim TSV Dannenberg eine große Rolle. Nicht zuletzt deshalb wurde der „Tag der Ehrenamtlichen“ eingeführt, das jährliche Dankeschön des Vereins an seine rund 100 Helfer. Der musste im im vergangenen Jahr ausfallen – wie andere Veranstaltungen auch. „Und natürlich hatten wir im letzten Sommer, nachdem wir unter Coronabedingungen wieder Sport treiben konnten, mehr Aufwand für die Einhaltung der Regelungen“, sagt der Vorsitzende Dieter Lange. „Das war aber alles leistbar und wurde von den Mitgliedern und Übungsleitern ohne großes Lamentieren umgesetzt.“ Anzeichen, dass es anders kommen könnte, sind das nicht. Ohnehin konnte die Corona-Pandemie den Grün-Weißen kaum etwas anhaben. „Der TSV Dannenberg hatte bisher keine Austritte aufgrund der Pandemie und ehrlich gesagt erwarten wie sie auch nicht“, bekräftigt Dieter Lange. Die Mitgliederzahlen seien im vergangenen Jahr auf über 800 gestiegen, eine positive Entwicklung, die auch in Zukunft durch die neu gegründete Dartssparte getragen werden soll.

Digitalisierung als Chance

Hans-Hermann Magerkurth von der TuSG Ritterhude muss derweil m

Lesen Sie auch

ehr Vereinsaustritte verkraften, als ihm lieb ist. „Es war doch eine Menge“, spricht der Vorsitzende von insgesamt 300 Abmeldungen. Nicht allein wegen Corona, sondern auch durch Verstorbene oder Vereinswechsel in den Ballsparten. Seit Januar hat der Verein 20 Austritte zu verzeichnen, überwiegend aufgrund Corona. „Existenzängste haben wir aber noch nicht“, sagt der TuSG-Vorsitzender und hebt die Treue der meisten Mitglieder hervor. Die hätten sich zudem sehr kreativ gezeigt und dem Verein ein großes Online-Angebot im Bereich Pilates, Zumba, Tabata, Yoga, Kindertanzen und -yoga ermöglicht. „Selbst unsere ältesten Mitglieder haben online ihren Spaß, was wir ohne Corona nie erfahren hätten“, erzählt Magerkurth.

Digitalisierung als Chance? So sehen es auch Birgit Heins vom TSV Worpswede und Sandra Traub vom TV Lilienthal. „Trotz der enormen Herausforderungen haben wir in der Pandemie versucht, unseren Verein weiterzuentwickeln und weiterhin proaktiv für unsere Sporttreibenden da zu sein. In den Bereichen Digitalisierung und Rehabilitationssport haben wir uns weiter verstärkt“, erklärt Lilienthals Geschäftsführerin Traub. In dieselbe Kerbe schlägt Birgit Heins: „Während des letzten Jahres haben sich neue kreative Möglichkeiten der Angebote ergeben. Online-Challenges und Motivationsvideos sowie die Sportbilder, das Waldspiel und die Bewegungslandschaften des Familiensports. Diese Angebote sind ein toller Erfolg und werden gut angenommen“, sagt sie. Zwar habe der TSV Worpswede rund zehn Prozent seiner Mitglieder verloren, bedrohlich sei das aber nicht. Im Gegenteil. „Es besteht große Hoffnung, durch die Neubaugebiete in Worpswede sowie die Freude auf baldige sportliche Betätigung viele Neuanmeldungen zu erhalten“, so Heins.

Vereinseintritt bleibt aus

Sandra Traub vom TV Lilienthal misst dem digitalen Angebot auch unter sozialen Gesichtspunkten viel Bedeutung bei. „Damit konnten auch die persönlichen Kontakte aufrecht gehalten werden“, erzählt Traub. Das Online-Angebot ist inzwischen so weit fortgeschritten, dass der Verein Ende Februar seine erste virtuelle Fitnessnacht veranstaltete, womit es gelungen sei, „viele junge Menschen zu erreichen, sie wieder aktiver zu bekommen und in Bewegung zu bringen“, so Traub. Besonders die zahlreichen Kinder- und Jugendgruppen hätten sehr unter dem Sportverbot gelitten, sagt sie. Der Verein aber habe die Pandemie ganz gut überstanden. Nachdem der TV Lilienthal in den vergangenen Jahren einen stetigen Mitgliederzuwachs verzeichnen konnte, gibt es für 2020 einen leichten Rückgang zu konstatieren. Sie hält es da wie Pennigbüttels Vorsitzender Martin Wagener: Es sind nicht mehr Vereinsaustritte als sonst auch, nur gab es im Vergleich zu vorher weniger Vereinseintritte.

Der ATSV Scharmbeckstotel hat sein Online-Angebot in einigen Bereichen ebenfalls ausgeweitet. Regelmäßig werden die Fußball-Juniorinnen online mit Trainingseinheiten versorgt. Außerdem machen die Trainer im Frauen- und Mädchenfußball seit Wochen auf dem Fußballplatz Einzeltraining. „Heißt: ein Trainer und eine Spielerin sind auf dem Platz. Wenn mehrere Einheiten hintereinandergelegt sind, wissen die Trainer was sie geleistet haben“, verdeutlicht Vorstandsmitglied Oliver Reiß den Mehraufwand. Schon während des ersten Lockdowns waren die Trainer kreativ und lotsten die Mitglieder, die auf Sporthallen angewiesen waren, kurzerhand auf den Sportplatz. Feste Zeiten unter den Sparten machten so eine regelmäßige Nutzung des Platzes möglich. Auch das konnte einen Mitgliederschwund nicht auffangen. Rund 50 weniger sind es. Existenzbedrohlich sei das nicht, „aber die Eintritte fehlen uns“, meint Oliver Reiß und erzählt, dass es dem Verein gelungen sei, in 2020 mehrere finanzielle Förderungen zu bekommen, die vor allem für den Sportplatz und die Turner investiert wurden. „Für 2021 sind wir guten Mutes. Es stehen wieder größere Investitionen an, die wir über verschiedene Förderungen ermöglichen werden“, so Reiß.

Der SV Aschwarden musste ebenfalls kreativ werden, um seinen Mitgliedern ein sportliches Angebot unterbreiten zu können. „Den normalen Sportbetrieb kann so was aber natürlich nicht ansatzweise ersetzen“, sagt Vorsitzender Uwe Hotes, in dessen Verein fast ausschließlich Mannschaftssportarten angeboten werden. Einem kleinen Verein wie den SV Aschwarden täte jeder Austritt weh, bekräftigt Hotes. Der überwiegende Teil der Mitglieder halte dem Verein zwar nach wie vor die Treue, „und deswegen können wir uns noch stabil halten. Damit dies so bleibt, sollte es aber möglichst zeitnah weitergehen“, sagt der Aschwardener. Und er befürchtete: „Alle Sportler wieder zurückzuholen und möglichst neue Mitglieder zu gewinnen, wird eine sehr große Herausforderung werden.“

Lesen Sie auch

„Es fehlte einfach der Kontakt unter den Mitgliedern“, sagt Manuela Prütz, Vorsitzende des TSV Meyenburg, mit Blick auf das zurückliegende Jahr. Durch Videotraining hätte man noch einige erreichen können und durch Bezuschussung des Landessportbunds den Mehraufwand für Trainer und Betreuer gelöst, außerdem führte der Vereine eine sogenannte „Bewegungschallenge“ durch. „Wenn wir jetzt aber nicht bald wieder mit dem Training beginnen können, dann denke ich, werden wir einige Mitglieder verlieren“, befürchtet Manuela Prütz.

Verein vs. Fitnessstudio

Eines scheint sicher: Dass die Folgen der Pandemie in Gänze noch nicht absehbar sind. Diese Umfrage soll auch keinen vollumfänglichen Anspruch auf Richtigkeit hegen, zumal nur eine Auswahl von Osterholzer Vereinen gefragt wurde, von der etwas über die Hälfte teilgenommen hat. Die Stichprobe hat aber ein differenziertes Bild vom angeblichen Vereinssterben ergeben. Auch deshalb, weil die Datenerhebung unterschiedlich ausgelegt wurde. „Es ist zu erwarten, dass die Vereine im Bereich der dienstleistenden Angebote im Fitness- und Gesundheitssport Mitglieder verlieren werden, weil dort die Bindung nicht so stark ist wie im Bereich des Wettkampfsports“, sagte etwa Christoph Breuer von der Sporthochschule Köln in einem ARD-Bericht. Während dort von Sportvereinen allgemein gesprochen wird, ist also sehr wohl zu unterscheiden zwischen Sportvereinen auf der einen und Fitnessstudios oder anderen monothematischen Einrichtungen auf der anderen Seite. Oder wie es Martin Wagener vom SV Komet Pennigbüttel formuliert: „Unsere Mitglieder schätzen und suchen ebenso die Gemeinschaft und das Miteinander. Das ist gut so, denn das ist es, was unsere Vereine ausmacht. Ohne dieses soziale Miteinander kann ich mich ja gleich in einem Fitnessstudio anmelden oder auf einem sündhaft teuren Trimm-Dich-Rad von einer dafür fürstlich entlohnten ‚Personal-Trainerin‘ online erniedrigen lassen.“

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+