Fußball

Der Weg des Aboubakar „Pepe“ Diomande

Es war ein harter wie spannender Weg: Im November 2003 wollte Pepe Diomande nur so schnell wie möglich wieder nach Hause - mittlerweile wird er in seiner ivorischen Familie nur noch „der Deutsche“ gerufen.
14.12.2020, 08:48
Lesedauer: 6 Min
Zur Merkliste
Der Weg des Aboubakar „Pepe“ Diomande
Von Tobias Dohr
Der Weg des Aboubakar „Pepe“ Diomande

Die ersten Jahre: Pepe Diomande im März 2009 (links) im Dress des FC Worpswede, für den er auch in der Saison 2017/2018 noch einmal auflief (rechts ein Bild aus dem März 2018). Besonders für seine Einsatzbereitschaft auf dem Platz wurde der Mann von der Elfenbeinküste sehr geschätzt.

Fr

Landkreis Osterholz. Diese Nacht damals im November 2003 wird Aboubakar Diomande nie vergessen. Seit gerade einmal zwei Monaten lebte Pepe, wie er von allen nur gerufen wird, in Deutschland. In seiner Heimat, der Elfenbeinküste, tobte der Bürgerkrieg. In Diomandes Heimatstadt Bouaké waren seit Monaten die Schulen und Universitäten geschlossen, für den damals 22 Jahre jungen Mann schien der Weg in die Perspektivlosigkeit vorprogrammiert.

Diomandes in Oldenburg lebender Onkel meldete ihn deshalb kurzerhand an der Bremer Universität an. Sportwissenschaften. Es hätte aber wohl jeder Studiengang sein können. Denn viel wichtiger als das Fach war, dass der Neffe raus aus den schwierigen Verhältnissen der Elfenbeinküste kommt. So kam Diomande Ende September in Deutschland an. Die ersten beiden Tage übernachtete er bei seinem Onkel in Oldenburg – doch dann schickte dieser ihn nach Bremen, wo er schließlich in einem Studenten-Wohnheim landete. Kein Wort Deutsch sprechend. Ohne Familie. Und vollkommen auf sich alleine gestellt.

„Die ersten Nächte waren sehr hart“, erinnert sich Pepe Diomande heute. „Ich habe geweint und wollte wieder nach Hause.“ Und das traf in besonderem Maße auf die besagte Nacht im November zu. Diomande hatte sich schnell für einen Deutschkurs angemeldet. Er wollte sich integrieren, schnell die Sprache erlernen. Um diesen Kurs finanzieren zu können, trug er nachts Zeitungen aus – und wurde bei seiner Premiere von einer eiskalten deutschen Novembernacht böse überrascht. Als er nach seiner Schicht nach Hause kam, hielt er die völlig eingefrorenen Hände unter heißes Wasser. Jeder, der das schon einmal getan hat, weiß, was dann passiert.

Lesen Sie auch

„Diese Schmerzen werde ich nie vergessen“, sagt Diomande. Selbst mit 17 Jahren Abstand zu dieser Nacht kann er über die damaligen Erlebnisse nicht lachen. Man könnte sagen: Pepe Diomande hat damals sein ganz persönliches Kältetrauma erlebt – und dieses hält bis heute an. „Gerade neulich haben mich meine Töchter am Sonntag gefragt, ob ich mit Ihnen ein bisschen draußen spiele“, berichtet Diomande. Nach dem Blick auf das Thermometer antwortete er: „Da müsst ihr mit eurer Mama gehen, ich bleibe drin.“

Mit dem deutschen Klima steht Diomande also nach wie vor auf Kriegsfuß. Von so ziemlich allen anderen Dingen kann man das nicht behaupten. Es lief nämlich eine ganze Menge in die richtige Richtung seit jener kalten Novembernacht im Herbst 2003. Diomande trieb sein Studium voran, hat mittlerweile seit sieben Jahren eine feste Arbeitsstelle, ist dreifacher Vater. Und natürlich hat der Fußball in Sachen Integration eine riesige Rolle gespielt. „Der Wechsel in den Landkreis Osterholz war das Beste, was mir damals passieren konnte“, erinnert sich Diomande mit Freude an den Sommer 2007, als es ihn letztlich zum FC Worpswede verschlug.

Bereits kurz nach seiner Ankunft in Deutschland hatte sich Diomande, der in der Elfenbeinküste immerhin in der 2. Liga gespielt hatte, eine Mannschaft gesucht. Über einen Bekannten landete er beim TuS Schwachhausen, wo er eine Saison kickte. Danach zog es ihn zum FC Union 60, immerhin damaliger Bremen-Ligist. Geld, das er bestens hätte gebrauchen können und um das viele seiner Landsleute mit ähnlicher Vita pokerten, forderte er nicht. „Ich fand, dass ich nicht sofort Geld fordern durfte. Niemand kannte mich hier, ich musste mich erst einmal den deutschen Vereinen zeigen und beweisen“, begründet Diomande.

Über seinen Studienkollegen Julian Stroppel kam schließlich der Kontakt zum VSK Osterholz-Scharmbeck zustande. Der Kreisstadtverein schaffte es damals mit Kapitän Stroppel bis in die Viertklassigkeit. Trainer Günter Hermann ließ Diomande drei Wochen mittrainieren und hätte diesem gerne einen Kaderplatz gegeben. „Aber das Management hatte die finanzielle Planung abgeschlossen, und so hätte ich nur komplett ohne finanzielle Entschädigung mitmachen können“, erinnert sich Diomande. Das wiederum wollte Günter Hermann laut Diomande auf keinen Fall und stellte deshalb den Kontakt zum FC Worpswede her, wo Hermanns ehemaliger Co-Trainer Malte Jaskosch sein Team mittlerweile in die Landesliga geführt hatte. Und beim Klub aus dem Künstlerdorf passte es. Und wie.

Fünf Jahre blieb Diomande in Worpswede, wurde schnell Stammspieler und Publikumsliebling. Übrigens kein Einzelfall, wie Malte Jaskosch weiß: „Pepe war eigentlich überall, wo er gespielt hat, auch Zuschauerliebling.“ Auf dem Feld leidenschaftlicher Kämpfer, außerhalb des Platzes höflicher und zurückhaltender, ja, fast schüchterner Zeitgenosse. Das kam an. Als Diomandes langjähriger Trainer beim Bremer Landesligisten SV Grohn anheuerte, verließ er im Sommer 2012 den FC Worpswede. Auch bei den Nordbremern hatte er unter Jaskosch Erfolg und stieg in die Bremen-Liga auf. Doch nach zwei Jahren passte es bei den „Husaren“ nicht mehr und Diomande ging abermals zu einem Klub, den Malte Jaskosch übernommen hatte: zum damaligen Kreisligisten SV Komet Pennigbüttel.

„Nach dem ersten Training in Pennigbüttel habe ich Malte gesagt, dass ich nicht wiederkomme. So ein schwaches Niveau hatte ich von den Jahren zuvor nicht gekannt“, erinnert sich Diomande lachend. Natürlich kam er dann trotzdem wieder. Und der Erfolg gab ihm wieder einmal recht. Diomande, mittlerweile reife 31 Jahre alt, war eine tragende Säule beim Durchmarsch der „Kometen“ von der Kreis- bis in die Landesliga. „Ich bin wirklich froh, dass die Jungs meine Kritik damals nicht persönlich genommen haben, sondern immer bereit waren, an sich zu arbeiten“, sagt Diomande. An sich gearbeitet hat er schließlich auch selbst.

Vor allem in Sachen Disziplin musste der heute 39-Jährige einiges lernen. „Früher war ich schon ziemlich aufbrausend und habe mich leicht provozieren lassen. Gefühlt stand ich in meinen ersten Jahren in Bremen jedes Wochenende kurz vor der Roten Karte.“ Probleme mit rechtsradikalen Äußerungen hatte der gläubige Moslem, der im Trainingslager auch gerne dreimal täglich seinen Gebetsteppich ausrollte, dabei nie. Und wenn, dann erstaunlicherweise nur mit Menschen, die ebenfalls einen Migrationshintergrund hatten. „Besonders im Landkreis Osterholz habe ich viele tolle Menschen kennengelernt“, sendet Diomande eine weitere Liebeserklärung an den Landkreis im allgemeinen und seine vielen Mitspieler im speziellen: „Meine Mitspieler haben mich immer komplett so akzeptiert, wie ich war.“

Lesen Sie auch

Und er weiß auch, wem er zu ganz besonderem Dank verpflichtet ist: Malte Jaskosch war nicht nur sportlich ein großer Mentor für Diomande. Auch in Sachen Führerschein war der Trainer maßgeblich beteiligt, im Jahre 2013 verschaffte Jaskosch seinem Schützling dann sogar eine Arbeitsstelle bei der Firma terminic GmbH, wo Jaskosch als kaufmännischer Leiter arbeitet.

„Natürlich wird Malte für mich immer ein ganz wichtiger Mensch bleiben“, sagt Diomande, der mit seiner Frau und den gemeinsamen beiden Töchtern Jamila (6) und Fatima (4) in Huchting wohnt. Aus einer früheren Beziehung hat Diomande zudem Sohn Malik (12). Seit einigen Jahren ist er außerdem im Besitz der deutschen Staatsbürgerschaft, seinen ivorischen Pass hat er abgegeben. „In meiner Familie werde ich nur noch ‚Der Deutsche‘ gerufen“, verrät Diomande. Erst im Kontakt zu seiner Familie falle ihm manchmal auf, wie deutsch er tatsächlich in einigen Dingen geworden ist. Disziplin, eine gute Organisation, Verlässlichkeit – all das hat Diomande mittlerweile zu schätzen gelernt. All das kommt ihm nicht zuletzt in seiner neuen Funktion als Trainer der zweiten Herren des SV Komet Pennigbüttel zugute. Nur, dass er sein Studium damals abgebrochen hat, ärgerte ihn lange Zeit.

„Ich hatte irgendwann finanzielle Probleme und keine Unterstützung und musste mich dann entscheiden zwischen Geld verdienen, um meiner Familie zu helfen, oder studieren“, erinnert er sich und fügt hinzu: „Die Entscheidung war sehr schwer für mich, und ich habe sie eine Zeit lang bereut, aber mittlerweile sage ich: Das war mein Schicksal, mein Weg. Und ich sehe es positiv.“ Nur die Sache mit der Kälte, der kann er immer noch nichts Positives abgewinnen.

Bleibt nur noch eine Sache zu klären: Woher kommt jetzt eigentlich der Rufname Pepe? „Viele denken, dass das in Worpswede entstanden ist, weil ich damals oft ein Trikot des Portugiesen Pepe anhatte. Und der hat ja ähnlich körperlich gespielt wie ich“, berichtet Diomande. Er selber habe den langjährigen Profi von Real Madrid aber gar nicht gekannt. Nein, den Namen Pepe hatte bereits sein Vater in Kindheitstagen eingeführt. „Aboubakar war ihm eigentlich viel zu lang und umständlich. Jedes Kind mit einem zu langen Namen hat damals einen Spitznamen von ihm bekommen“, sagt Diomande. Bei ihm war es Pepe. Und unter diesem hat er sich seit vielen Jahren als ein wichtiger und anerkannter Teil der hiesigen Fußballszene etabliert.

Lesen Sie auch

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+