Fußballverbot im Landkreis Osterholz

In dieser Form nicht mehr nachvollziehbar

Warum das Fußballverbot im Landkreis Osterholz mehr Fragen aufwirft als klärt - eine kommentierende Analyse von Sportredakteur Tobias Dohr.
28.10.2020, 09:02
Lesedauer: 5 Min
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In dieser Form nicht mehr nachvollziehbar
Von Tobias Dohr
In dieser Form nicht mehr nachvollziehbar

Zurück zum Training mit Abstandsregeln oder gleich der komplette Lockdown? Es wird derzeit kontrovers über die Situation im Amateursport diskutiert.

FOCKE STRANGMANN

Es ist ein absolut lobenswerter und richtiger Ansatz des Landkreises zu differenzieren. Wenn es nachweislich Corona-Infektionen gegeben hat, die in irgendeiner Weise mit dem Fußballsport im Zusammenhang stehen – und genau das hat Landrat Bernd Lütjen ja Ende vergangener Woche deutlich gemacht – dann ist es nur folgerichtig, nicht sofort ein pauschales Verbot für sämtliche Sportarten auszusprechen. Es ist allerdings überaus bedauernswert, dass die Differenzierung der Politik an dieser Stelle bereits endete.

Denn damit wurden nun pauschal alle Fußballer im Landkreis Osterholz gleichermaßen sanktioniert – egal, ob jung oder alt, ob männlich oder weiblich, ob leistungsorientierte Landesliga-Kicker oder der Hobbysportler aus der 2. Kreisklasse. Oder, man sollte es vermutlich sogar so formulieren: Egal, ob gewissenhafter Mitbürger oder Corona-Ignorant.

Es ist mittlerweile wiederholt bewiesen worden, dass die Ansteckungsgefahr auf dem Fußballfeld gen null geht. Das bestätigte erst am vergangenen Wochenende Prof. Dr. Tim Meyer. Der Vorsitzende der Medizinischen Kommission des DFB und der UEFA teilte in einem Interview auf der Website des Deutschen Fußball-Bundes unter anderem Folgendes mit: „Übereinstimmendes Ergebnis war, dass während des Fußballspielens die Dauer der engen Kontakte so kurz ist, dass es eigentlich auf dem Spielfeld kaum zu Infektionen kommen kann. Festzustellen ist in diesem Zusammenhang, dass Fußball entgegen anderslautender Annahmen eben kein Kontaktsport ist, sondern eine Sportart mit geringen Kontakten. Ein zweiter wichtiger Punkt ist, dass Fußball im Freien an der frischen Luft ausgeübt wird. Auch dieser Faktor spricht für ein geringes Infektionsrisiko auf dem Fußballplatz.“

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Angesichts solcher Aussagen müssen sich die Verantwortlichen im Landkreis die Frage gefallen lassen: Warum wird das Fußballspielen pauschal verboten, wenn doch die Gefahren nachweislich in einem anderen Bereich liegen? Es gibt wohl nur wenige, die ernsthaft anzweifeln, dass etwas passieren muss. Aber mit dem Wissen der vergangenen Monate, mit den Fakten der Untersuchungen zur Ansteckungsgefahr, muss die Politik ganz dringend nachbessern und eine differenzierte Verfügung erlassen. Eine, die auch wirklich dort ansetzt, wo die Gefahren sind. Und die sind definitiv außerhalb des Feldes zu finden.

So hart es für den einen oder anderen sein mag: Zuschauer sollten vorerst wieder komplett verboten, die Vereinsheime und sanitären Anlagen gesperrt werden. Teambesprechungen dürfen nur unter Beachtung der Abstandsregeln, oder besser noch, im Vorfeld per Videokonferenz abgehalten werden. Auswärtsfahrten dürfen nicht mit dem Mannschaftsbus erfolgen und wenn ja, dann müssen alle Insassen zwingend einen Mundschutz tragen. All das wäre nicht schön, aber es würde definitiv helfen. Ein pauschales Spiel- und Trainingsverbot für den Fußball bewirkt indes das genaue Gegenteil. Es schürt eher das Misstrauen gegen solche Maßnahmen. Und es hätte durchaus Maßnahmen gegeben, die man vor einem Komplettverbot noch hätte anwenden können.

Undurchsichtige Gemengelage

Zur Erinnerung: In Osterholz hat der Landkreis auf politischer Ebene einen Fußballstopp verhängt. Andere Sportarten sind (noch) erlaubt. Grund war eine Sieben-Tage-Inzidenz von 55,3 am vergangenen Freitag. Im Landkreis Verden wurde der Sportbetrieb trotz eines Wertes von knapp unter 100 zum selben Zeitpunkt auf politischer Ebene nicht angerührt. Das machte dort stattdessen der Kreisfußballverband, der den Spielbetrieb ab Kreisliga abwärts komplett eine Zwangspause verordnete. Der Trainingsbetrieb ist in Verden übrigens trotzdem noch erlaubt. Gleiches gilt für den Bremer Raum, wo der Bremer Verband (nicht die Politik) ebenfalls den Spielbetrieb vorübergehend eingestellt hat. Sowohl Bremen als auch Verden wiesen und weisen deutlich höherer Sieben-Tages-Inzidenzen auf als Osterholz. Dennoch hat der Landkreis Osterholz auch den Trainingsbetrieb eingestellt. Und das, wie gesagt, nur im Fußball.

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Nein, das ist alles nicht mehr nachvollziehbar. Und genau das ist eine unglaubliche Gefahr. Denn die Unterstützung der Menschen für die Corona-Maßnahmen ist von elementarer Bedeutung für deren Gelingen. Bei dem, was derzeit aber geschieht, darf man es niemandem verübeln, wenn es immer öfter Kopfschütteln gibt. Kopfschütteln über Entscheidungen, die isoliert für sich betrachtet vielleicht noch Sinn ergeben mögen. Im Gesamtkontext aber kaum zu greifen sind.

Beispiel gefällig? In der Fußball-Bezirksliga Lüneburg 3 musste der VSK Osterholz-Scharmbeck am vergangenen Sonntag beim SV Vorwärts Hülsen antreten – obwohl der Landkreis Osterholz ja ausdrücklich das Fußballspielen verboten hat. Obwohl der Kreisverband Verden das Fußballspielen ab Kreisliga abwärts komplett eingestellt hat. Obwohl im Kreis Verden die Zahlen deutlich höher waren als in Osterholz. Hätte diese Auswärtsfahrt mit Blick auf die Pandemie-Eindämmung nicht eigentlich im Sinne der Osterholzer Politik zwingend verboten werden müssen?

Und in diesem absoluten Wirrwarr schließt sich nun die Frage an: Wie geht es denn jetzt eigentlich weiter? Denn trainiert werden darf ja im Landkreis Osterholz nicht mehr. In zwei Wochen muss dann aber der FC Hambergen zum Auswärtsspiel beim TSV Fischerhude-Quelkhorn antreten, eine Woche später soll der SV Löhnhorst in Hülsen spielen. Vielleicht muss der SV Komet Pennigbüttel mit Hülsen an diesem Sonntag sogar das Heimrecht tauschen und dann in den Landkreis Verden fahren – freilich ohne jegliches Training. Einige höherklassige Teams sollen sogar schon in anderen Landkreisen oder Bremen trainieren. Was für ein Wahnsinn.

Kein halbwegs vernünftig denkender Mensch zweifelt daran, dass etwas geschehen muss. Und wohl kaum ein Sportler im Landkreis Osterholz – egal ob im Fußball oder in anderen Sportarten – hätte am vergangenen Wochenende mit Blick auf die rasant steigenden Corona-Infektionszahlen etwas gegen eine Allgemeinverfügung gesagt, die sämtlichen Sport verbietet. In der Form, wie es aber jetzt geschehen ist, müssen sich die Verantwortlichen unbequeme Fragen gefallen lassen – und schleunigst nachbessern. Im Sinne der Sportler, die in der überwiegenden Mehrheit die Hygieneregeln einhalten und einfach ihrem Hobby nachgehen wollen.

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Natürlich: Die Gesundheit steht dabei über allem. Und Fußball ist definitiv nicht systemrelevant. Dennoch muss in der jetzigen Phase eben ganz genau unterschieden werden, was geht und was nicht. So wird es in der Wirtschaft und in der Kultur gemacht, so sollte es auch im Sport sein. Und es ist ein fatales Zeichen, gerade mit Blick auf die Hunderten Jugendfußballer, so zu tun, als ob das Training unter freiem Himmel eine große Gefahr darstellt. Das ist es nämlich nicht! Und kein Entscheidungsträger wird ernsthaft vermitteln können, warum Acht- oder Neunjährige sich nicht mehr zum Kicken treffen dürfen.

Fünf Monate ohne Sport?

Man muss sich darüber im Klaren sein: Die Infektionszahlen werden nur aufgrund eines pauschalen Fußballverbots ganz gewiss nicht signifikant nach unten gehen. Da wird auch vermutlich keine Sperrstunde ab 23 Uhr, oder ein Alkoholverbot ab 22 Uhr helfen. Das wird am Ende vermutlich erst ein genereller Lockdown wieder schaffen. Wenn deshalb jetzt nicht differenziert entschieden wird, kommt das einem Fußballverbot bis ins kommende Frühjahr gleich. Und im Gegensatz zum vergangenen März diesmal in einer Jahreszeit, in der es ohnehin naturgemäß schwerer fällt, runter von der Couch zu kommen.

Es ist sicher keine Schwarzmalerei, wenn man sagt: Da werden im kommenden April wohl zahlreiche Sportlerinnen und Sportler nicht mehr den Weg zurück auf die Plätze und in die Hallen finden. Ganz zu schweigen von den frustrierenden Wochen und Monaten in sportlicher Einsamkeit, der erneuten sportlichen Isolation. Die vergangenen Monate haben ganz deutlich gezeigt, wie sehr die allermeisten Sportler bereit sind, sich an die Vorgaben zu halten. Und welche Mühen und Einschränkungen sie bereit sind zu tragen – wenn sie nur ihrem geliebten Hobby nachgehen dürfen. Genau an diesen gewissenhaften Sportlerinnen und Sportlern sollten sich deshalb künftige Entscheidungen ausrichten.

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