Fußball-Jugendleiter im Gespräch Wenn Training gleich Betreuungszeit ist ...

Nach dem ausführlichen Gespräch mit dem Osterholzer Kreisjugendobmann Helmut Schneeloch lassen wir nun die Fußball-Jugendleiter zu Wort kommen.
17.04.2020, 11:33
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Wenn Training gleich Betreuungszeit ist ...
Von Tobias Dohr

Landkreis Osterholz. In der vergangenen Woche berichtete die Sportredaktion des OSTERHOLZER KREISBLATT und der WÜMME-ZEITUNG auf einer Sonderseite über die Lage im Osterholzer Jugendfußball. Im Gespräch mit Kreisjugendobmann Helmut Schneeloch wurde vor allem eines deutlich: Der Zulauf in den jüngeren Altersklassen ist nach wie vor vorhanden, dafür ist es ungleich schwerer als früher, die Jugendlichen bis in die A-Jugend zu bringen. Die Zahlen sind landesweit und auch im Landkreis rückläufig. Nach dem ausführlichen Gespräch mit dem Kreisjugendobmann lassen wir nun die Jugendleiter zu Wort kommen.

Simon Küstner (FC Hambergen)

Bei den „Zebras“ gibt es in zwei Jahrgängen eine Jugendspielgemeinschaft, weil es der Verein dort nicht schafft, eigene Teams auf die Beine zu stellen. „Im Jugendfußball wollen sich immer weniger Jugendliche der Struktur des Vereinsports beugen. Die Jugendlichen möchten Sport machen, wenn sie Lust dazu haben, und eben nicht, wenn der Terminplan es sagt“, glaubt Küstner, der gerade in den jüngeren Altersklassen noch nicht die ganz großen Probleme sieht. „Aber wir müssen mehr dafür investieren. Es reicht eben nicht mehr, dass es den Fußballverein im Ort gibt. Man muss sich auch zeigen und offensiver mit seinem Angebot umgehen.“

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Simon Küstner, selbst Leistungsfußballer bei Fußball-Landesligist SV Blau-Weiß Bornreihe, steht Jugendfördervereinen (JFV) durchaus offen gegenüber. Mit einer Einschränkung: „Mit einem Zusammenschluss muss auch immer eine größere Zielsetzung einhergehen.“ Ein Positivbeispiel ist für ihn der JFV Ahlerstedt/Ottendorf/Heeslingen. „Wenn sich aber Vereine komplett zusammenschließen, nur um für den Moment wieder Mannschaften stellen zu können, kann das aus meiner Sicht nicht klappen. Das verschiebt das Problem nur um ein paar Monate, eventuell Jahre.“

Eine Jugendspielgemeinschaft (JSG) macht für Küstner ebenfalls Sinn: „Für einzelne Jahrgänge auf jeden Fall. Aber man sollte sich dabei dann auch die Frage stellen: Warum habe ich in dem einen Jahrgang so wenig Kinder und in dem anderen so viele?“

Oliver Brink-Keese (TV Axstedt)

„Der Erfolgsgedanke ist viel zu hoch“, stellt Axstedts Jugendleiter Oliver Brink-Keese klar. Schon in den jüngeren Jahrgängen gehe es nur noch um das Gewinnen. „Die weniger guten Spieler bekommen weniger Spielzeit und können sich kaum entwickeln. Und wenn der Verein nicht aufpasst, werden genau diese Kinder die Lust am Fußball verlieren.“ Für Brink-Keese gibt es aber noch einen zweiten wesentlichen Punkt, der wiederum auch die stärkeren Spieler direkt betrifft.

Im Zeitalter von Handys und Playstations müsse der Verein attraktiv bleiben. „Nur Fußball reicht nicht mehr aus. Außer du bist erfolgreich! Dann geht es noch“, sagt Brink-Keese. Gemeinsame Aktionen, Ausflüge, Kinoabende seien mittlerweile Pflicht. „Man muss die jungen Kicker auch neben dem Platz begeistern. Wenn du das nicht machst, wird es schwer“, ist sich der TVA-Jugendleiter sicher. Ein drittes entscheidendes Argument für ihn ist die veränderte Struktur in vielen Familien.

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„Für viele Eltern ist es nur wichtig zu wissen, dass die Kinder beschäftigt sind. Das sieht man auch bei den Turnieren im Winter ganz gut. Während bei den jüngeren Jahrgängen noch viele Eltern begeistert vor Ort mitfiebern, sind schon bei der U13 kaum noch Familienangehörige dabei.“ Für Oliver Brink-Keese ist klar, warum Dinge wie Vereinstreue heute kaum noch eine Rolle spielen: „Den Eltern ist es meistens egal, wo die Kinder spielen, das war früher deutlich anders. Aber heute wird Training oft als Betreuungszeit gesehen.“

Der TV Axstedt betreibt schon seit Jahren eine Spielgemeinschaft mit dem TSV Steden/Hellingst. Die direkte Nähe zum FC Hambergen und dem FC Hagen/Uthlede mache dies einfach notwendig. „In den älteren Jahrgängen haben wir kaum Chancen. Aber wenn man das allgemein betrachtet, gibt es ab der U13 kaum noch Vereine, die alleine Mannschaften stellen können“, sagt Brink-Keese. Einem Jugendförderverein steht er im Gegensatz zu notwendigen Spielgemeinschaften dennoch skeptisch gegenüber. „Bei einem JFV ist die Sichtweise doch eher in Richtung maximalen Erfolg gerichtet. Die Spieler werden nach ihrem Talent sortiert, was „über bleibt“, landet wieder in den unteren Mannschaften. Dann kann man auch in seinem Stammverein bleiben. Das macht für mich keinen Sinn.“

Und gerade die kleineren Vereine wie Axstedt seien darauf angewiesen, dass irgendwann auch eigene Jugendspieler im Herrenbereich ankommen. „Davon leben wir“, sagt Brink-Keese und fügt hinzu: „Erfolg ist nicht alles. Natürlich sind Erfolge besser als Niederlagen, aber auch mit Niederlagen muss man umgehen. Und sie können einen auch weiterbringen.“

Ralf Strömer (VSK Osterholz-Scharmb.)

Auch der Klub aus der Kreisstadt, immerhin größter Verein im Landkreis, spürt die rückläufigen Zahlen im Jugendfußball. Waren es vor sechs Jahren noch 21 Jugendteams, die am Spielbetrieb teilnahmen, sind es aktuell „nur“ noch 13 Mannschaften. Ralf Strömer legt allerdings Wert auf die Anmerkung, dass es in den jüngeren Nachwuchsklassen nicht „an Spielern, sondern ausschließlich an Betreuerinnen und Betreuern mangelt“.

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Strömer hat eine nach unten gerichtete Spirale ausgemacht: Zum einen verliere die Ehrenamtstätigkeit immer mehr an Bedeutung, auf der anderen Seite sei es deshalb immer schwieriger, adäquate, verantwortungsbewusste und zuverlässige Trainer und Betreuer zu finden. Beim VSK fehlen demnach aktuell mindestens drei Trainer. Mit der Konsequenz, dass in Einzelfällen ein Jugendtrainer zwei Teams übernimmt. Und dann sei es laut Ralf Strömer nur eine Frage der Zeit, bis ein Team auseinanderbreche. Die Kinder wechseln, doch beim neuen Verein besteht dieselbe Problematik. „Fazit: Das Kind sucht sich eine andere Sportart“, so Strömer.

Beim VSK, der gerade in den älteren Jahrgangsstufen den Leistungsgedanken in den Vordergrund stellen will, merken sie zudem, wie sich hier die Prioritäten immer weiter verschieben. 18-Jährige wechseln frühzeitig in die Herrenteams, dadurch sinkt das Niveau in den Landes- und Bezirksligen der A-Junioren. „Freie Plätze in den Landesligen werden dann mit Bezirksligateams aufgefüllt“, sagt Strömer. „Zudem wird immer öfter im Winter gewechselt, obwohl der Spieler seine Zusage für die gesamte Saison gegeben hat.“ Für Ralf Strömer sind Jugendfördervereine gerade mit Blick auf die Leistungsfähigkeit „sicherlich eine Option“.

Gaby Köster (SV Komet Pennigbüttel)

Beim SV Komet Pennigbüttel läuft derzeit ein ganz besonderes Projekt des Vereins – das durch die Corona-Krise allerdings derzeit auf Eis liegt. Die Jugendabteilung hat zahlreiche interessierte Jugendtrainer zum C-Lizenz-Lehrgang geschickt. „Wenn alles gut läuft, haben wir im Sommer acht qualifizierte Jugendtrainer mit Lizenz“, freut sich Jugendleiterin Gaby Köster. Zusätzlich läuft ein Projekt der Nachwuchstrainer im Bereich der älteren Jugendspieler, die bei erfahrenen (Herren-)Trainern hospitieren.

Bei den „Kometen“ setzen sie auf einen ganzheitlichen Ansatz. Mehrere Trainer sitzen auch im mehrköpfigen Jugendausschuss. Diese Arbeit trägt besonders in den unteren Jahrgangsstufen offenbar erste Früchte. Bei den Bambinis tummeln sich laut Köster 25 bis 30 Kinder. Vier Jahrgänge sind zudem mit zwei Teams gemeldet. „Dafür haben wir aber auch fünf Jahrgänge nicht besetzt“, ergänzt Köster, die aber enorm froh darüber ist, nach vielen Jahren der Abstinenz wieder mal eine Mädchenmannschaft gemeldet zu haben. „Im jüngeren Bereich entwickeln wir uns da im Moment gegen den Trend“, sagt Köster. Deshalb ginge es nun darum, die Platzkapazitäten neu zu planen und vor allem darum, passende Trainer für den fußballbegeisterten Nachwuchs zu finden.

Bei den Lila-Weißen wollen sie auch in Zukunft versuchen, die Mannschaften aus eigener Kraft vollzukriegen. „Wir haben im Moment eine JSG im Bereich der U14 mit dem FC Hambergen. Diese läuft sowohl menschlich als auch sportlich sehr gut. Grundsätzlich sind wir aber bestrebt, eigene Mannschaften zu melden“, sagt Gaby Köster. Aber am Ende sei eine JSG „mit Sicherheit besser, als Spieler an andere Vereine zu verlieren.“

Matthias Bernhardt (TuSG Ritterhude)

Für Ritterhudes Matthias Bernhardt kommt der Fußball in der gesamtgesellschaftlichen Betrachtung noch mit einem blauen Auge davon: „Handball, Turnen sowie Tischtennis haben weitaus größere Probleme. Und Schützenvereine, Skatclubs oder auch Sing- und Tanzgemeinschaften werden wir bald wohl gar nicht mehr kennen.“ Grundsätzlich, so empfindet es Bernhardt, habe die Entwicklung auch viel mit der demografischen Situation zu tun. Aber eben auch mit „dem veränderten Verhalten unserer Kinder.“

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Das wichtigste sei es daher, die Kinder schon in jungen Jahren für den Vereinssport zu begeistern. Bei der TuSG gelingt es seit vielen Jahren, schon die Bambinis, also die Kinder ab vier Jahren, in einer Gruppe zu vereinen. „Hier wird das Fundament gelegt. Und dadurch ist es uns gelungen, Mannschaften bis zur U14 gemeldet zu haben“, sagt Bernhardt. Doch spätestens da wird es schwer. Die Umstellung auf das Großfeld, zudem die nahende Pubertät. „Da verzeichnen alle Vereine die meisten Abgänge“, weiß Bernhardt.

Auch bei der TuSG gibt es eine JSG, nämlich in der U13 mit der SG Platjenwerbe. „Das setzt gemeinsames und vertrauensvolles Handeln der Verantwortlichen im Verein voraus. Dieses ist bei unserer JSG so gegeben, allerdings ist das nicht immer so“, berichtet der TuSG-Jugendleiter. Einem Jugendförderverein steht Bernhardt eher kritisch gegenüber: „Dazu bedarf es an einer großen Dichte von Spielern. In Bereichen von Großstädten kann das funktionieren, aber nicht in unserem Landkreis.“

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