„Schott the Dohr“

„Dinkci für Juve!“

Die Sportredaktion schließt den Juni ab. In unserer etwas anderen Monats-Rückschau diskutieren wir dabei auch über die Dinge, für die im redaktionellen Alltag oftmals kein Platz in der Zeitung ist.
28.06.2020, 12:44
Lesedauer: 6 Min
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Von Dennis Schott und Tobias Dohr
„Dinkci für Juve!“

Bleibt er oder geht er? Der Ex-Borgfelder Eren Dinkci, derzeit bei Werders U19 aktiv, soll von Juventus Turin umworben sein.

nordphoto / Ewert

Tobi, es geschehen noch Zeichen und Wunder! Wir haben in diesem Monat tatsächlich Berichte über sportliche Wettbewerbe im Blatt gehabt. Tennis sei Dank!

So richtig mit echten Spielern auf einem realen Platz mit richtiger Zählweise. Spiel, Satz und Sieg. Voll verrückt. Kurios war aber auch die Zuschauerkulisse beim ersten Verbandsliga-Spiel der Lilienthaler Tennis-Herren. Rate mal, wie viele Zuschauer da waren, Dennis?

Du wirst es mir bestimmt verraten...

Ausnahmsweise. Es war ein Zuschauer (in Zahlen: 1) vor Ort. Und das war immerhin Verbandsliga-Tennis. Ich glaube, das zeigt eindrucksvoll, wie „anders“ der Sport in diesen Zeiten noch ist. Und das wird uns bestimmt noch längere Zeit begleiten.

Man muss halt das Beste aus der Situation machen. Und es ist doch toll mitanzusehen, wie unsere Tennis-Vereine diese Situation annehmen. Das hat doch gerade der TC Falkenberg eindrucksvoll bewiesen. Da haben sich die Herren, unser neues Aushängeschild, weil keine andere Herren-Mannschaft so hoch spielt, voll reingehängt. Und das, obwohl es im Prinzip um nichts geht. Es gibt ja weder Auf- noch Absteiger in diesem Sommer. Und trotzdem haben sie sich eine über sechseinhalbstündige Schlacht mit dem SV Nordenham geliefert. Allein das Einzel von Patrick Velewald hat dreieinhalb Stunden gedauert. Der war so fertig, dass er nicht einmal mehr zum Doppel antreten konnte. Wahrer Sportsgeist ist das!

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Wow, Herr Schott entpuppt sich als großer Tennis-Fan. Ich fordere Dich heraus zu einem redaktionsinternen Duell. Ach so, ich nehme seit letzter Woche Trainerstunden, aber das nur so am Rande. Übrigens, Du Tennis-Fan, fandest Du nicht auch Novak Djokovic so toll? Der hat es ja wohl eindeutig übertrieben mit dem Sportsgeist...

Nee ist klar, Herr Dohr. Sind wir schon so früh unseres Gesprächs auf dieser Ebene angekommen. Können Sie gerne haben! Denkst Du wirklich, ich würde die Herausforderungen scheuen? Mitnichten! Die paar Trainerstunden machen Dich nicht wirklich zum Favoriten. Ist zwar schon einige Jahre her, dass ich das letzte Mal einen Schläger in der Hand hatte. Und Trainerstunden habe ich nie gehabt. Aber für Dich wird es reichen. Versprochen! Zur Not hole ich mir noch den Feinschliff beim TC Falkenberg. Und zum Djoker: Der ist halt nicht nur auf dem Court ein Tier, sondern auch bei den Players-Parties. Aber ich gebe Dir zähneknirschend recht: Das war alles andere als schlau von ihm. Und nicht nur von ihm, sondern auch von Alexander Zverev und anderen. Nur haben die sich nicht mit Corona infiziert. Aber damit haben Djoker und Co. ihrem Sport einen Bärendienst erwiesen. Fehlte eigentlich nur noch, dass sie ein Facebook-Livevideo streamen... Aber davon sind wir ja in unserem geliebten Lokalsport weit entfernt. Da wissen sich die Spieler zu benehmen.

Apropos Spieler aus dem Lokalsport, was sagst Du denn eigentlich zu Eren Dinkci? Den muss man in unserem Verbreitungsgebiet ja nicht groß vorstellen. Hat für den SC Borgfeld gespielt, spielt jetzt bei der U19 von Werder – und wird nun offenbar sogar von Juventus Turin umworben. Da sind wir uns wohl ausnahmsweise mal einig, dass wir beide von ganzem Herzen hoffen, das Eren bei den Grün-Weißen bleibt, oder?

Herr Dohr, was soll ich bloß mit Ihnen machen? Ich glaube, wir verlassen dieses Mal eine gewisse Ebene einfach nicht. Du willst mit mir sachlich über Werder sprechen? Die Hoffnung habe ich nach unseren diversen Kohfeldt-Debatten aufgegeben. Ich rede mir ja schon seit einem Jahr den Mund fusselig. Ohne Erfolg. Bei Dir ist einfach zu viel Lokalkolorit im Spiel.

Das klingt ja fast wie ein Vorwurf...

Auf gar keinen Fall. Und ja, ich gebe Dir ja auch recht. Es wäre dem SV Werder wirklich zu wünschen. Aber wenn da wirklich etwas dran sein sollte, dass Eren im Visier der „Alten Dame“ aus Turin ist, dann glaubst Du doch nicht ernsthaft, dass er zu halten ist. Geschweige denn von Werder gehalten werden will. Dafür ist die (Geld-)Not in diesen Tagen einfach zu groß. Deswegen sage ich: Dinkci für Juve! Und abgesehen davon: Wenn es mit Werder so weitergeht und das Interesse wirklich vorhanden sein sollte, glaube ich nicht, dass er bleiben will. Da müsste die Liebe zum Verein schon mindestens so groß sein wie bei Ihnen, Herr Dohr.

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Ach, Herr Schott, wir sollten wirklich über etwas anderes reden. Vielleicht über die Spargelernte. Oder Schönwetterwolken. Oder Grillkohle. Jedes Thema wird für mehr Konsens sorgen als eine Diskussion mit Ihnen über den SV Werder. Also, Themenwechsel. Was erwartest Du eigentlich vom heutigen außerordentlichen Verbandstag des Niedersächsischen Fußballverbands? Wird es da noch eine Überraschung geben?

Nein, da wird der Abbruch der Saison ohne Absteiger, dafür mit Aufsteiger beschlossen werden. Hintergrund dieser Entscheidung ist ja, dass sich keine Mannschaft, die zu der Zeit des Lockdowns auf einem Abstiegsplatz stand, aufgrund dieser misslichen Lage bestraft fühlen soll. Daraus ergibt sich aber, dass die einzelnen Ligen aufgestockt werden müssten, und dies führt zu einem organisatorischen Problem, weil viel mehr Spiele als sonst ausgetragen werden müssten. Wir hatten die Mammutsaison in der Bezirksliga mit 40 Pflichtspielen ja schon thematisiert. Trotzdem ist es meiner Meinung nach die richtige Entscheidung. Aber ich frage mich ja, ob auch besprochen wird, wann es mit dem Spielbetrieb wieder losgehen könnte. Der Bremer Fußball-Verband hat sich damit ja schon beschäftigt und mehrere Szenarien ins Spiel gebracht. Was hältst Du denn davon?

Ich bin da wie viele andere Menschen auch extrem zwiegespalten. Ich habe immer noch ein extrem mulmiges Gefühl, wenn ich in die USA oder nach Brasilien schaue. Auf der anderen Seite sehe ich, wie die Kinder langsam die Lust am Training verlieren. Egal wie einfallsreich man das Training gestaltet, ein Neunjähriger will kicken. Auf zwei Tore, mit zwei Mannschaften, und vor allem: gegeneinander. Und nicht immer wieder Lattenschießen und Passübungen machen. Jetzt ist acht Wochen Sommerpause. Wenn danach immer noch kein „richtiges“ Spielen erlaubt ist, wird es richtig finster. Dann werden wir definitiv viele Spieler verlieren. Kinder wie Erwachsene.

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Die USA und Brasilien sind weit weg, solche Vorfälle wie in Gütersloh machen mir mehr Sorgen. So etwas macht jegliche Rückkehr zur Normalität zunichte, und davon wäre auch der Lokalsport in NRW betroffen. Aber ich werte es mal als gutes Zeichen, dass sich mit einer Wiedereinführung in den Spielbetrieb zumindest im Bremer Verband wieder konkreter auseinandergesetzt wird. Und eines dieser Szenarien umfasst ja auch eine sehr späte Rückkehr in den Spielbetrieb, nämlich erst weit im neuen Jahr. Ich weiß, diese Vorstellung treibt viele vermutlich in den Wahnsinn, wenn sie so lange nicht richtig kicken könnten. Aber was willste machen?

Wie gesagt: Extrem zwiegespalten. Das einzige, was ich mit voller Überzeugung sagen kann: Corona nervt.

Da bin ich doch schon wieder komplett Deiner Meinung!

Langsam wird es unheimlich. Aber sag mal, Dennis, wollen oder müssen wir eigentlich noch mal über unsere satirische Abhandlung des letzten Spieltags reden?

Muss man nicht, aber kann man durchaus. Die Reaktionen waren ja ziemlich breitgefächert. Von „sensationell“ und „mal was ganz anderes“ über „naja“ bis hin zu „was soll das?“. Unser Ansinnen war es ja einfach nur, unseren Lesern mal ein etwas anderes Lesestück anzubieten. Und natürlich muss man das alles nicht lustig finden.

Wie haben wir noch während des Volontariats gelernt? Satire oder Glossen sind mit Abstand das schwierigste Genre in der Zeitung...

... absolut. Aber irgendwie ist es doch verrückt, dass (mal wieder) ein bestimmter Verein über etwas offensichtlich nicht ganz ernst Gemeintes nicht so lachen konnte, wie viele andere.

Und das, obwohl er bei der ganz absichtlich und klar kommunizierten übertriebenen Beschreibung doch letztlich komplett abgefeiert wurde.

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Andere wiederum, zum Beispiel Trainer, denen wir ungefragt zugespitzte Zitate in den Mund gelegt haben, fanden es total klasse. Man kann es halt nicht jedem recht machen, ist einfach so.

Damit müssen wir leben, und das können wir auch. Aber ich finde, solche Texte haben durchaus ihre Berechtigung. Und von Abwechslung lebt ja auch unser Sportteil. Deshalb werden wir auch weiterhin immer mal wieder einen Schuss Ironie und einen Spritzer Satire in unsere Texte einfließen lassen.

Herr Dohr, und schon wieder bin ich Ihrer Meinung. In diesem Sinne: Schönes Wochenende.

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Zur Person

Die Sportredaktion

schließt den Juni ab. In unserer etwas anderen Monats-Rückschau lassen wir die vergangenen Wochen Revue passieren und diskutieren dabei auch über die Dinge, für die im redaktionellen Alltag oftmals kein Platz in der Zeitung ist. Nicht immer einer Meinung, aber meinungsstark. Nicht immer bierernst, aber mit voller Überzeugung für den hiesigen Amateursport. „Schott the Dohr“ – die Redakteure Tobias Dohr (oben) und Dennis Schott schließen die Tür.

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Zur Sache

NFV beschließt Abbruch

Der Norddeutsche Fußball-Verband hat auf einer virtuellen Versammlung am Donnerstagabend auch formell den Abbruch der aktuellen Saison beschlossen. Einstimmig wurde dem Antrag des Präsidiums auf Abbruch in allen Ligen und Wettbewerben unter Berücksichtigung der Quotientenregel ohne Absteiger entsprochen. Inhalt des Antrages war ebenso, Mannschaften, die in der höchsten Landesverbandsspielklasse zum Zeitpunkt des Lockdowns auf einem Aufstiegsplatz standen, aufsteigen zu lassen. Die Regionalligen Nord werden somit in der nächsten Spielzeit aufgestockt, die Sollstärke in den einzelnen Staffeln soll aber spätestens zur Saison 2022/2023 wieder erreicht werden. So werden zum Beispiel in der Regonalliga Nord der Herren erstmals 22 Teams an den Start gehen. An diesem Sonnabend hält der Niedersächsische Verband seinen außerordentlichen Verbandstag ab. Hier wird dieselbe Entscheidung erwartet.

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