„Schott the Dohr“

Waschen, legen, warten

Die Sportredaktion schließt den April ab. In unserer etwas anderen Monats-Rückschau diskutieren wir dabei auch über die Dinge, für die im redaktionellen Alltag oftmals kein Platz in der Zeitung ist.
06.05.2020, 08:50
Lesedauer: 6 Min
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Von Tobias Dohr und Dennis Schott
Waschen, legen, warten

Das Warten auf den ersten Friseurbesuch hat ein Ende. Die Sportlerinnen und Sportler hängen dagegen weiter in der Luft. Für sie ist längst nicht geklärt, wie es in Zukunft weitergeht.

imago
Sag mal, Tobi: Wie lange haben wir uns jetzt schon eigentlich nicht mehr gesehen?

Wer sind Sie und warum sagen Sie Tobi zu mir?

Haha, sehr gut! Tatsächlich erkenne ich mich selbst kaum wieder nach mindestens 13-wöchiger Friseurabstinenz. Wenn ich meine Haare ins Gesicht ziehe, dann reichen sie schon bis zur Nasenspitze. Und meine Nase ist nicht gerade klein (lacht). Übrigens: Die Friseurin meines Vertrauens arbeitet zwar im Bremer Viertel, wohnt aber in Osterholz-Scharmbeck. Also Barbara, falls du das hier lesen solltest: Es ist wirklich schlimm um mich bestellt. Brauche unbedingt einen Termin bei dir!

Man man man, Ihre Sorgen hätte ich gerne, Herr Kollege. Aber Spaß beiseite. Tatsächlich ist das extrem merkwürdig. Ich habe aufgehört zu zählen, die wievielte Woche „Home-Office“ das ist. Stattdessen zähle ich eher mit, wie viele Wochen wir halbwegs unfallfrei im „Home-Schooling“ geschafft haben… Puuh…

Ich denke, wir werden wie jeder andere auch unsere zarten Pobäckchen noch eine Weile zusammenkneifen und durch diese Zeit gehen müssen, weil da sicherlich noch mehrere Ausfallwochen hinzukommen werden als bisher waren. Aber ein bisschen Sport, so ein kleines bisschen, wäre ja schon ein Anfang. Der einzige sportliche Wettkampf in dieser Zeit hat ja tatsächlich nur an der Konsole stattgefunden, und zwar in der eFootball-Oberliga. Und wir haben auch noch drüber berichtet… (lacht)

Naja, man muss als Tageszeitung ja möglichst jede Zielgruppe ansprechen. Und ohne Frage ist das ein großes Thema bei den Jüngeren. Auch wenn es für viele völlig verrückt klingt, wenn 100 Zuschauer bei einem eFootball-Spiel zuschauen. Aber diese 100 Menschen würden sonst vielleicht RTL2 oder so Sachen wie „Promis unter Palmen“ angucken. Und wie Du richtig gesagt hast: 100 Zuschauer auf einem Fußballplatz wird es noch sehr viele Monate nicht geben.

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Herr Dohr, nichts gegen „Promis unter Palmen“, das Thema hatten wir doch schon letztes Mal. Aber diese 100 Zuschauer lagen ja weniger am e-Football selbst, sondern daran, dass der FC Hagen/Uthlede, oder genauer: Fabio Hausmann und Erik Köhler, gegen den SV Atlas Delmenhorst gespielt hat. Die Atlas-Anhänger scheinen ihrer Mannschaft ja überall hin zu folgen, nicht nur ins Stadion. Aber die übrigen Partien wurden von nicht mehr als durchschnittlich 20 Zuschauern verfolgt, also einem sehr überschaubaren Publikum. So wie bei jedem Kreisligaspiel. Geisterspiele müssen wir zumindest auf Kreisebene schon mal nicht fürchten, falls die Lockerungen im Amateurfußball kommen sollten (lacht). Was hältst Du eigentlich vom DFL-Vorstoß?

Über den Profifußball möchte ich an dieser Stelle eigentlich gar nicht mehr großartig reden. Ich finde es beinahe schon ekelhaft, welches Bild da abgegeben wird. Aber jeder soll und muss das selbst für sich entscheiden. Geisterspiele in der Bezirksliga oder Landesliga? Naja, die Zuschauer könnten sicher den notwendigen Sicherheitsabstand bei den allermeisten Spielen problemlos einhalten. Aber ich denke, die Basis wird da noch sehr lange warten müssen. Was ganz besonders tragisch sein wird für die Nachwuchsfußballer. Denn wenn jetzt tatsächlich andere Sportarten wie Tennis wieder loslegen dürfen, befürchte ich eine große Abwanderungswelle vom Fußball. Viele Eltern (und Kinder) werden das nicht mitmachen, sechs Monate oder länger keinen Sport zu machen. Deshalb muss sich die Politik da dringend was einfallen lassen.

Die Politik lässt sich ja was einfallen, allerdings in 16 unterschiedlichen Versionen. Und ob es selbst in den Bundesligen weitergehen soll, darüber herrscht ja ziemlich viel Uneinigkeit. Es wird Dich überraschen, da ich dem Profi-Fußball, der sich auf so vielen Ebenen immer mehr von der Basis entfernt hat, ja sehr skeptisch gegenüber stehe. Aber in der Tendenz bin ich tatsächlich für eine Lockerung in den Bundesligen. Warum den Wirtschaftszweig Fußball weiter geschlossen halten, wenn andere Wirtschaftszweige gelockert werden? Moralisch ist das natürlich schwer zu erklären. Überhaupt sollte die Bundesliga, wo so viel Geld im Umlauf ist, einen Fond zur Verfügung stellen, dass ab der Regionalliga, in der die Vereine dringend auf Zuschauereinnahmen angewiesen sind, keiner Bankrott gehen muss. Ich glaube, dass bis zur Oberliga jeder Amateurverein damit leben könnte, wenn die Saison abgebrochen wird. Die Mehrheit der niedersächsischen Vereine hat sich ja dafür ausgesprochen. Fußball ist dort eine mehr oder weniger ambitioniertes Hobby, da hängen keine Existenzen dran. Zum Glück. Na, Herr Dohr, was meinen Sie dazu? Übrigens: Das mit der Abwanderungswelle ist eine gewagte These…

Ich finde, wenn die Lockerungen für die Fußball-Bundesliga gelten, müssen sie zwangsläufig auch für die Handball- und Volleyball-Bundesliga gelten. Tun sie aber nicht. Und das ist für mein Gerechtigkeitsempfinden nicht haltbar. Auch ein Volleyball-Bundesligist beschäftigt festangestellte Mitarbeiter, die jetzt vor dem Ruin stehen. Wieso dürfen die nicht weiterspielen, der Fußball aber schon? Wieso bekommt der Fußball immer eine Extrawurst, wenn es um solche Dinge geht? Nenn mich linker Sozi, aber eine solche Ungleichbehandlung ist für mich Kapitalismus in Reinkultur. Es wird nicht im Sinne des Sports entschieden, sondern im Sinne des Geldes. Und was ich mich in diesem Zusammenhang auch frage: Wie sollen das Millionen von Vätern ihren Kindern erklären? „Ja, Junge, ich weiß, Du darfst noch sechs Monate keine Punktspiele mit Deiner Mannschaft spielen. Aber die in der Bundesliga sind nun mal mehr wert als ihr. Das ist wichtig für das Land. Das ist wichtiger als wir alle…“ Was für eine Farce…

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Du hast bestimmt nicht unrecht. Aber hat das nicht jeder mehr oder weniger? Der Handball- und Volleyballverband haben sich, sicher mehr aus einem Verantwortungsbewusstsein und weniger aus finanziellen Nöten heraus, für einen Saisonabbruch entschieden. Ich habe gehört, dass am Geschäft Profifußball direkt und indirekt vier Millionen Arbeitsplätze hängen. Vier Millionen! Das ist eine Größenordnung, bei der alle anderen Sportarten zusammen nicht mithalten können. Mir erschließt es sich aber nicht, dass das Produkt Bundesliga mit seinen Milliardenumsätzen derart unseriös wirtschaftet. Natürlich war solch eine Krise nicht vorherzusehen. Aber die meisten mittelständischen Unternehmen schaffen etwas zur Seite für schlechte Zeiten und halten sich so zumindest ein paar Monate über Wasser. In der Bundesliga fließen die Gelder nun nicht mehr in vollem Umfang, und prompt stehen Vereine kurz vor dem Bankrott. Seriös geht anders. So schwer es vielen fallen wird, aber letzten Endes muss jede Entscheidung akzeptiert werden. Diese Akzeptanz ist einfach notwendig, weil es in dieser Krise keine für alle annehmbare Lösung geben wird. Mein persönlicher Trost ist ja, dass im Amateurbereich das Geld nicht das entscheidende Kriterium ist. Aber fest steht ja auch, dass es auch dort irgendwie weitergehen muss.

Was denkst Du denn, wann es soweit sein wird, Dennis? Starten wir im Sommer einfach ganz normal die neue Saison?

Das ist eine ziemlich theoretische Frage. Einfach ganz normal schon mal gar nicht. Es wird auch davon abhängen, inwiefern sich Lockerungen auf anderen Gebieten als praktikabel erweisen. Steigen die Infektionszahlen wieder an, werden die Lockerungen schnell wieder abgeschafft. Ein Punktspielbetrieb wird so nicht möglich sein. Aber ein erster Schritt wäre doch, damit die Sportler zumindest wieder ein bisschen ihrer Leidenschaft nachgehen können, wieder gemeinsam trainieren zu dürfen. Mit entsprechenden Vorkehrungen, versteht sich. Aber auch das geht nur mit einem totalen Verantwortungsbewusstsein einher. Können unsere Amateurvereine das überhaupt gewährleisten?

Es bleibt dabei: Wir werden weiter warten müssen. Und bis wir wieder über „normalen“ Spielbetrieb schreiben können, werden wir weiterhin alles geben, um unseren Leserinnen und Lesern auch in den kommenden Wochen einen interessanten Sportteil zu bieten. Apropos: Was ich mich die ganze Zeit schon gefragt habe: Hast Du eigentlich auch ein „Spiel des Lebens“?

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Natürlich, wer hat das nicht? Das war in der F-Jugend des glorreichen SV Werder, eigentlich hätte ich meine „Karriere“ danach schon wieder beenden sollen, auch wenn ich mit der E-Jugend noch einmal Meister der Stadtleistungsklasse geworden bin (lacht). Aber mit der F-Jugend haben wir mal ein Vorspiel im Weserstadion zum Bundesliga-Gipfel Werder gegen Bayern ausgetragen. Wir sind damals gegen den TSV Leeste (heute SC Weyhe) angetreten, mussten aber auf unser rot-weißes Speckflaggen-Trikot ausweichen, weil Leeste in grün-weiß gespielt hat. Das Stadion war zu dieser Zeit schon zu einem Drittel gefüllt und wir wurden ordentlich von den Bayern-Fans unterstützt, weil die dachten, dass da unten auf dem Feld der Werder-Nachwuchs gegen den Bayern-Nachwuchs spielt. Was soll ich sagen? Wir haben klar mit 10:0 gewonnen, jeder Treffer wurde ordentlich bejubelt, bis der Stadionsprecher die Bayern-Fans aufklärte. Was folgte, war ein gellendes Pfeifkonzert (lacht). Kannst Du das toppen?

(lacht) Absolut unmöglich. Und einen besseren Abschluss für dieses „Schott the Dohr“ hätte ich mir zudem kaum vorstellen können…

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Zur Person

Die Sportredaktion

schließt den April ab. In unserer etwas anderen Monats-Rückschau lassen wir die vergangenen Wochen Revue passieren und diskutieren dabei auch über die Dinge, für die im redaktionellen Alltag oftmals kein Platz in der Zeitung ist. Nicht immer einer Meinung, aber meinungsstark. Nicht immer bierernst, aber mit voller Überzeugung für den hiesigen Amateursport. „Schott the Dohr“ – die Redakteure Tobias Dohr (oben) und Dennis Schott schließen die Tür.

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