Trainingsalltag in Corona-Zeiten

Zurück auf dem Platz: Wie die Sportler den neuen Alltag empfinden

Der neue Alltag beginnt mit reichlich Desinfektionsmittel und Feuchttüchern. Die Sportredaktion vom OSTERHOLZER KREISBLATT und der WÜMME-ZEITUNG hat verschiedene Mannschaften besucht, die wieder trainieren.
15.05.2020, 09:46
Lesedauer: 5 Min
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Von Dennis Schott und Tobias Dohr
Zurück auf dem Platz: Wie die Sportler den neuen Alltag empfinden

Markierte Bälle, Desinfektionsmittel und persönliche Sammelröhren – so sieht der neue Trainingsalltag beim TC Falkenberg aus.

Dennis Schott

Landkreis Osterholz/Borgfeld. Der neue Sportalltag beginnt mit reichlich Desinfektionsmittel. Bastian Haskamp, Trainer von Fußball-Bezirksligist TuSG Ritterhude, wischt mit diesem einmal großflächig die blaue Balltonne ab, bevor er sie aufschließt. Seine Spieler kommen umgezogen zum Platz am Moormannskamp und müssen erst einmal den Ball, denn sie aus der Tonne holen, mit einem Feuchttuch abwischen. Dasselbe wird dann mit der Luftpumpe gemacht, mit der die Bälle gegebenenfalls aufgepumpt werden müssen.

Keine Frage: Mit dem Trainingsalltag, den ein Fußballer eigentlich gewohnt ist, hat das alles reichlich wenig zu tun. Für Bastian Haskamp beginnt die Arbeit naturgemäß viel früher. „Die Trainingsvorbereitung ist auf jeden Fall aufwendiger, weil die Übungen alle unter ganz neuartigen Gesichtspunkten ausgewählt werden müssen“, sagt er. Jeder Spieler behält seinen eigenen Ball während des Trainings, Kopfballübungen soll jeder nur mit diesem eigenen Spielgerät machen. Die gesetzlich vorgeschriebenen Sicherheitsabstände müssen bei Übungen, aber auch sonst penibel eingehalten werden.

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Am vergangenen Sonntag stand Haskamp zum ersten Mal nach fast zwei Monaten wieder mit seiner Mannschaft auf dem Platz. Ein tolles Gefühl sei das gewesen – und ein komisches ebenfalls. Der TuSG-Coach lässt in zwei Gruppen trainieren. Eine Stunde die eine Gruppe, danach kommt die zweite. Zweimal die Woche will Haskamp künftig trainieren. „Mehr als das macht es überhaupt keinen Sinn, solange wir nicht wissen, ob und wie es mit dem Spielbetrieb weitergeht.“

Etwa 17 Kilometer entfernt bereiten sich die Tennisspieler des TC Falkenberg auf ihr erstes Training nach der coronabedingten Pause vor. Es ist ziemlich kalt an diesem frühen Mittwochabend, das bekommt die 1. Herren-Mannschaft sofort zu spüren. Die zwei Sitzbänke vor den Ascheplätzen müssen ersatzweise als Kabine herhalten. Kurz darauf trifft Spieler und Sportwart Lennart Riemann ein. Er schiebt einen Einkaufswagen mit jeder Menge Bälle vor sich her. Das an sich ist nichts Ungewöhnliches, Tennisspieler, besonders Trainer, bedienen sich gerne an diesem Fundus, damit sie die Bälle nach einigen Schlägen nicht so schnell wieder einsammeln müssen. Aber in diesem Einkaufswagen ist in diesen Tagen mehr drin als sonst.

Jeder Spieler bekommt eine desinfizierte „Sammelröhre“ für die Bälle, die nur er benutzen darf. Die Bälle sind zudem markiert, damit eine Verwechslungsgefahr ausgeschlossen ist. Darüberhinaus steht eine Flasche Desinfektionsmittel bereit, damit sich die Spieler nach dem Training ihre Hände reinigen können. Wenn das Schleppnetz zum Abziehen der Plätze benutzt werden muss, sind die Spieler dazu angehalten, Handschuhe zu tragen „oder zumindest ein Handtuch zu benutzen, damit kein direkter Körperkontakt entsteht“, erklärt Lennart Riemann und fügt hinzu, dass aufgrund der Abstandsregelung Spiele im Doppel derzeit nicht stattfinden können.

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Im Großen und Ganzen sei es „wenig problematisch“, das vom Niederächsischen Tennis-Verband empfohlene Hygienekonzept in die Tat umzusetzen, sagt der Sportwart des TC Falkenberg. Lennart Riemann wundert sich nur über die uneinheitliche Umsetzung. In Bremen etwa durften die Tennisspieler eine Woche früher in den Trainingsbetrieb einsteigen. „In Borgfeld war Tennisspielen erlaubt, fünf Kilometer weiter in Lilienthal aber nicht“, sagt er. Andere Rückschlagsportarten wie Badminton, die in der Halle ausgetragen werden, dürfen noch nicht wieder loslegen. Dabei seien die Abstands- und Hygienevorschriften auch hier durchaus gut umzusetzen, findet er.

Lennart Riemann ist auch gespannt, wie eine Rückführung in den Punktspielbetrieb gewährleistet werden soll. „Der Verband möchte den Spielbetrieb durchführen, aber er weiß selbst noch nicht, unter welchen Bedingungen das gehen kann“, sagt Riemann. Eigentlich hätte die Sommersaison schon vor zwei Wochen beginnen sollen, als neuer Termin ist der 14. Juni avisiert worden. Auf der Vollversammlung am 26. Mai soll darüber entschieden werden, ob sich dies in die Tat umsetzen lässt. Der Bayrische Tennis-Verband habe sich bereits entschieden, die Saison ohne Doppel fortzuführen und eine Wertung ohne Auf- und Absteiger vorzunehmen, erzählt Riemann derweil. Ob dem niedersächsischen Verband eine ähnliche Lösung vorschwebt? Abwarten!

Alle auf Abstand: Die Fußballer der TuSG Ritterhude hatten am Dienstagabend das erste gemeinsame Training nach fast zwei Monaten.

Alle auf Abstand: Die Fußballer der TuSG Ritterhude hatten am Dienstagabend das erste gemeinsame Training nach fast zwei Monaten.

Foto: Dohr

Spannend bleibt die Situation allemal. Denn der TC Falkenberg müsste wie jeder andere Tennis-Verein auch zu Auswärtsspielen reisen. Für gewöhnlich bilden die Falkenberger hierfür eine Fahrgemeinschaft. Das wäre aufgrund der Kontaktbeschränkungen aber gar nicht realisierbar. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir einzeln nach Hameln fahren“, meint Riemann. Und dennoch: „Wichtig ist erst mal, dass es jetzt wieder langsam losgeht, man rauskommt und die Jungs wiedersieht. Das letzte Mal haben wir uns Anfang März gesehen.“

Genau diesen Punkt hebt auch Lutz Repschläger, der Fußball-Trainer des Bremen-Ligisten SC Borgfeld hervor. Er bat seine Mannschaft am vergangenen Dienstag wieder das erste Mal zum Training. „Es ist erst mal klasse, dass wir wieder zusammen sein dürfen. Wir wollen diese Gemeinschaft ja auch leben“, sagt er. Repschläger verhehlt nicht, dass ein Training unter den aktuellen Vorkehrungen nicht mit einem normalen Training zu vergleichen ist. „Die Intensität fehlt komplett“, sagt er.

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Auf Zweikämpfe, einem wesentlichen Merkmal des Fußballs, müssen die Borgfelder verzichten. Sein Hauptaugenmerk liegt nun eher darin, Bewegung und Spaß zu vermitteln, „die Jungs mal wieder gegen den Ball treten zu lassen, das hat doch jeder vermisst.“ Natürlich geht das nicht ohne Einhaltung der Hygienevorschriften. Der Verein hat hierzu klare Anweisungen vorgegeben. So dürfen unter anderem pro Platzhälfte nicht mehr als zwölf Spieler trainieren. Lutz Repschläger hat sein Team daher in zwei Zwölfergruppen eingeteilt, untergliedert in drei Vierergruppen.

Beim ersten Wiedersehen stellte sich dies dann so dar, dass eine Vierergruppe laufen ging und die anderen beiden Gruppen gegeneinander Vier-gegen-vier auf insgesamt vier Tore spielten. Jeder Spieler durfte sich dabei nur in seinem eigens abgesteckten Feld bewegen – und deckte so mehr oder weniger nur den Raum ab, damit die gegnerischen Spieler die hinter ihm befindlichen Tore nicht treffen konnten. Nach und nach wechselten sich die Gruppen ab, die eine ging laufen, die anderen traten gegeneinander an. Nach einer Stunde verließ die erste Zwölfergruppe den Platz und wurde von der zweiten abgelöst. „Ich habe mir bewusst Übungen ausgesucht, damit wir auch einen gewissen Wettkampfcharakter haben“, erklärt der Borgfelder Coach. „Den Fußball macht es ja auch aus, wenn man Tore schießen kann“, findet Repschläger. Und die Spieler seien trotz aller Einschränkungen froh, dass sie wieder ihrer Leidenschaft nachgehen können und nehmen die Auflagen im wahrsten Sinne sportlich. „Es gab keinen einzigen, der gemeckert oder gesagt hat: Das ist doch blöd.“

Zurück bei der TuSG Ritterhude wischt Torwarttrainer Lars Oberdiek gerade noch einmal seinen Ball gründlich mit Feuchttüchern ab. Der glühende Werder-Anhänger hat gemerkt, wie sehr er in den vergangenen Wochen den Bezug zum Bundesliga-Fußball verloren hat – und wie viel wichtiger der Amateursport doch ist. „Ich kann das alles nicht mehr ernst nehmen, und ehrlich gesagt ist mir das mittlerweile fast egal, was da in der Bundesliga passiert.“ Anders sieht es bei den Maßnahmen im neuen Trainingsalltag aus. „Auch wenn es manchmal fast etwas übertrieben wirkt, es ist sicherlich richtig, sich in dieser Phase genauso zu verhalten.“ Doch über allem schwebt ein Gefühl, dass wie Oberdiek sicher auch alle anderen Amateursportler verbindet: „Ich will einfach mein altes Leben zurück haben.“

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