Fußball in Zeiten von Corona

Verein(t) in der Unsicherheit

Normal ist seit dem vergangenen Wochenende nichts mehr. Das Wetter? Unwichtig! Das vorherrschende Thema ist das Corona-Virus und die damit einhergegangen Folgen für den Fußball.
16.03.2020, 21:06
Lesedauer: 6 Min
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Von Tobias Dohr, Thomas Müller und Dennis Schott
Verein(t) in der Unsicherheit

Nichts geht mehr: Der komplette Spielbetrieb im Niedersächsischen Fußball-Verband, und nicht nur dort, ist eingestellt worden.

imago

Landkreis Osterholz. Zu dieser Jahreszeit beschäftigt die hiesigen Fußball-Teams normalerweise nur eines: das Wetter. Es ist der ausschlaggebende Faktor dafür, ob gespielt werden kann oder nicht. Wie gesagt: normalerweise. Normal ist seit dem vergangenen Wochenende jedoch nichts mehr. Das Wetter? Unwichtig! Das vorherrschende Thema ist der Coronavirus und die damit einhergegangen Folgen für den Fußball. Auch für den Amateurfußball. Bis einschließlich 23. März hat der Niedersächsische Fußball-Verband (NFV) den Spielbetrieb komplett eingestellt. Wir fragten bei unseren hiesigen Fußballklubs in der Bezirks- und Landesliga Lüneburg sowie der Oberliga Niedersachsen nach, wie sie mit dieser besonderen Situation umgehen. Ein Stimmungsbild.

FC Hagen/Uthlede

Am Montag der vergangenen Woche war Carsten Werde noch ziemlich entspannt. „Wenn mich da einer nach den Auswirkungen gefragt hätte, hätte ich im Leben nicht so etwas erwartet“, sagt der Trainer von Fußball-Oberligist FC Hagen/Uthlede. Doch nur wenige Tage später stand fest: Der Fußball steht still. Und die Amateurkicker mussten sich plötzlich mit nie da gewesenen Dingen beschäftigen. Das Freitagstraining sagte Carsten Werde nach der am Vormittag erfolgten Generalabsage des niedersächsischen Verbandes umgehend ab. Am heutigen Dienstag würde eigentlich die nächste Teameinheit auf dem Programm stehen. Eigentlich. Denn Werde ist völlig klar: „Es macht keinen Sinn, die Spiele abzusagen und sich dann mit 20 Mann zum Training zu treffen.“ Deshalb trainieren die FC-Kicker bis auf Weiteres individuell. Entsprechende Trainingspläne für Ausdauer- und Krafteinheiten wurden erstellt und verteilt. Und dann? „Es erscheint derzeit sehr unrealistisch, dass die Saison Mitte Mai beendet werden kann“, sagt Werde. Er würde eine Verlängerung der Saison bis in den Juni hinein befürworten. Die andere Option wäre der viel diskutierte Saisonabbruch. „Aber wie das dann gewertet wird? Keine Ahnung“, so Werde.

SV Blau-Weiß Bornreihe

Nachdem sie den Freitagabend-Trainingstermin beim SV Blau-Weiß Bornreihe schon abgesagt hatten, wollen sie beim Fußball-Landesligisten in dieser Woche kurzfristig entscheiden, wie es mit den Übungseinheiten weitergeht. Tendenz: individuelles Einzeltraining. „Unser aller Gesundheit steht an erster Stelle“, betont Bornreihes Spielertrainer Nils Gresens, „da gehen wir kein Risiko ein.“ Jeder Spieler müsse für sich selbst schauen, wie er zum Beispiel durch Laufeinheiten seine Grundfitness erhalte. „Man kann schließlich nicht auf der faulen Haut liegen und dann, wenn es wieder losgeht, gleich von null auf 100 kommen.“ Und wann geht es wieder los nach Gresens’ Meinung? Vorerst hat der NFV ja nur bis 23. März den Spielbetrieb abgesagt. „Wenn es bei zwei ausgefallenen Punktspielen bleibt – die kann man locker unter der Woche nachholen“, sagt Gresens, der zugleich aber auch fragt: „Was, wenn noch vier oder fünf Spieltage ausfallen? Hmh!“ Alles zu annullieren, wäre für Bornreihes Spielercoach eine denkbare Alternative. Sein Favorit indessen: Saison verlängern! „Ich bin sowieso ein Freund davon, in den schönen Sommermonaten zu spielen“, begründet er. Welches Szenario aber sich tatsächlich entwickeln werde, bleibe abzuwarten. Gresens: „Wir haben einen Ausnahmezustand wie noch nie zuvor.“

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FC Hambergen

Was wäre, wenn… – damit will sich Eric Schürhaus gar nicht erst befassen. „Ich blende alle Szenarien aus, ich muss eh akzeptieren, was entschieden wird“, sagt der Hamberger Coach. Er hatte schon am Donnerstagabend aus gut unterrichteten Kreisen gehört, dass eine Pause des Spielbetriebs wahrscheinlich sei. Und so kam es denn auch einen Tag später. Er geht ebenfalls von einer längeren Pause als bis zum 23. März aus. „Es muss länger dauern, damit der Virus flächendeckend ausgemerzt ist“, so der Coach. Dieser Schritt sei einfach notwendig, so sehr es auch schmerzt. „Ich bin ein sehr ehrgeiziger Trainer, aber ich habe auch eine Fürsorgepflicht meinen Spielern gegenüber.“ Trainiert wird deswegen nur individuell. Bei der Frage, wie die Saison zu einem Ende gebracht werden kann, sei „jeder Gedanke erlaubt. Und wenn es über die englischen Wochen geht: Feuer frei.“

TuSG Ritterhude

Bastian Haskamp geht davon aus, dass der Ball noch länger ruhen wird. Am gestrigen Montagabend trafen sich Trainer und Spartenleitung, um Fragen rund um die Coronakrise zu klären. Den Trainingsbetrieb hatte der Verein bereits zuvor eingestellt. „Wenn es zum Wohle aller ist, dann ist das natürlich richtig, so zu handeln“, weiß der TuSG-Coach, der das Training am Donnerstagabend ebenfalls ausfallen ließ. Von einem Abbruch der Saison will er nicht sprechen. Aber er weiß auch, wie schwierig es terminlich werden wird, die Saison zu verlängern. Je länger die Pause, desto wahrscheinlicher der Abbruch. Einfach sei die Situation in keinem Fall. „Die Jungs wollen natürlich spielen. Wir waren ja schon enttäuscht, dass die ersten beiden Spiele ausgefallen sind. Jetzt ist ungewiss, wann wir überhaupt wieder spielen können“, so Haskamp.

SV Komet Pennigbüttel

Das erste komplett freie Sportwochenende liegt hinter Malte Jaskosch. Und dem Trainer von Fußball-Bezirksligist SV Komet Pennigbüttel wurde spätestens am Sonntagmittag klar, wie sehr der Sport den Alltag prägt. Der in Pennigbüttel lebende Coach schnappte sich seinen Hund und ging eine Runde spazieren – und inspizierte dabei gleich mal die beiden Fußballplätze der „Kometen“. „Man hätte auf beiden Plätzen ohnehin nicht spielen können, so aufgeweicht war der Rasen noch.“ Bis zum 19 April hat der Verein sämtliche Aktivitäten ausgesetzt. Was eigentlich passieren sollte, wenn der NFV den Spielbetrieb nach dem anstehenden Wochenende tatsächlich wieder aufnehmen will, weiß auch Jaskosch nicht so genau. „Das spielt derzeit aber auch keine Rolle, es geht jetzt nur um die Gesundheit der Menschen“, sagt Jaskosch, der ohnehin nicht damit rechnet, dass in absehbarer Zeit wieder Fußball in der Bezirksliga gespielt wird. Seine Spieler haben Vorgaben für Individualeinheiten bekommen. „Das lässt sich in der heutigen Zeit mit entsprechenden Trainings-Apps ja zum Glück sehr gut koordinieren und kontrollieren.“ Auf das Fitnessstudio sollen die Spieler vorerst ebenfalls verzichten. „Momentan ist der Fußball absolut nebensächlich“, sagt Jaskosch, der aktuell noch nicht abschätzen kann, wie es weitergehen wird: „Das weiß derzeit noch niemand.“

FC Hansa Schwanewede

Das letzte Mal hat Trainer Andreas Dirks sein Team am Sonntag vor einer Woche gesehen. Da hatte es, im Übrigen als einziges Team an diesem Spieltag, sein Heimspiel gegen den SV Ippensen ausgetragen. Das Dienstagstraining fiel aus, aber nicht wegen der Coronakrise, sondern weil die Plätze geschont werden sollten. Am Donnerstag dann, als die Auswirkungen der Pandemie immer dramatischere Züge angenommen hatten und erste Verbände ihre Konsequenzen gezogen hatten, war auch für Dirks und seinen Trainerkollegen Mike Schnäckel klar, kein Training mehr stattfinden zu lassen. Am Freitag schließlich kam die Generalabsage des NFV. „Da stehe ich voll hinter“, erklärt Andreas Dirks ohne große Umschweife. Diese Krise betreffe alle, außerdem gebe es jetzt Wichtigeres als Fußball. Wie es weitergehen soll, weiß er auch nicht so genau. Selbst wenn nach dem 23. März wieder gespielt werden könne, wovon Andreas Dirks nicht ausgeht, ergibt sich für den FC Hansa das Problem, dass der Landkreis eine Sperre seiner öffentlichen Einrichtungen bis zum 14. April verhängt hat. „Wir trainieren auf dem Schulplatz und haben unsere Kabine in der Schulturnhalle“, gibt der Hansa-Coach zu bedenken. Er vermutet aber, dass die Saison schon jetzt beendet sein könnte, trotz der Frage, wie sie dann zu bewerten sei. Aber selbst wenn für den FC Hansa am Ende der Saison der Abstieg aus der Bezirksliga zu Buche stehen würde (derzeit nimmt das Team den Relegationsplatz ein, Anm. d. Red.), „dann wäre das so, Gesundheit geht vor.“

VSK Osterholz-Scharmbeck

Oliver Schilling hat eine klare Meinung zum Thema Spielbetrieb: „Ich bin mir sehr sicher, dass die aktuelle Saison nicht zu Ende gespielt werden kann“, sagt der Trainer von Fußball-Bezirksligist VSK Osterholz-Scharmbeck. Auch bei den Kreisstädtern wird bis auf Weiteres individuell und nicht mehr als Team trainiert. Nicht mal kleinere Trainingsgruppen sind gestattet. Schilling, der mit dem VSK stark abstiegsgefährdet ist, hat sich über mögliche Zukunftsszenarien noch keine großen Gedanken gemacht. Zu unklar ist die Situation derzeit noch. Doch eines steht für den Coach der Grün-Weißen fest: „Ich möchte wirklich nicht in der Haut der Funktionäre stecken. Egal, wie sie am Ende entscheiden werden, es wird immer irgendwo einen Aufschrei geben.“

SC Borgfeld

Lutz Repschläger meint: „Es wird keine Lösung geben, die für alle gerecht ist. Gerecht ist ein Wettbewerb nur dann, wenn er vernünftig zu Ende gespielt wird.“ Eine Aufstockung der Ligen hält der Borgfelder Coach noch für die sinnvollste Lösung. Dann fühlten sich gerade die Aufsteiger nicht bestraft. Ein solches Gefühl könnte seine Spieler beschleichen, wenn ihr Halbfinale im Lotto-Pokal gegen den FC Oberneuland, das am 28. März ausgetragen werden sollte und bereits abgesagt ist, gar nicht mehr stattfindet. „Egal, wie das Spiel ausgegangen wäre: Es wäre sicher ein Highlight geworden, weil es viele Zuschauer angelockt hätte.“ Er fragt aber auch: „Ist das alles wichtig? Wir leben in einem Land, in dem wir Einschränkungen nicht gewohnt sind. Wir haben ein Dach überm Kopf und etwas zu essen – uns geht es gut. Anderen Ländern geht es deutlich schlechter. Und wir können in so einer Zeit auch mal gut auf Fußball verzichten. Wir verdienen damit kein Geld, es ist unser Hobby. Und umso mehr sollten wir uns freuen, dass wir alle gesund sind. Daran soll sich nichts ändern.“

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