51-Jähriger erhält Geldstrafe Mit beschlagenen Scheiben auf die Gegenfahrbahn

Das Amtsgericht hat einen 51-Jährigen wegen fahrlässiger Körperverletzung zu einer Geldstrafe verurteilt. Er war mit seinem Auto bei schlechter Sicht auf die Gegenfahrbahn geraten. Folge: ein schwerer Unfall.
03.08.2022, 22:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Friedrich-Wilhelm Armbrust

Osterholz-Scharmbeck. An einem regnerischen Tag Ende Mai in der Mittagszeit war ein heute 51-jähriger Stader mit seinem Auto auf der L 149/Feldhorst in Richtung Osterholz-Scharmbeck unterwegs. Er geriet damit auf die Gegenfahrbahn, wodurch es zu einem schweren Verkehrsunfall kam. „Es hatte schon auf der Autobahn geregnet. Auf der Landstraße wurde es mit den Niederschlägen noch schlimmer. Alle Scheiben im Auto waren beschlagen“, berichtete er nun im Prozess vor dem Osterholzer Amtsgericht. Ihm sei es nicht gelungen, die Scheiben freizubekommen.

77.000 Euro Sachschaden

In der Senke zwischen der Überführung über die B 6 und der Stoteler Waldstraße hatte der Angeklagte mit seinem Fahrzeug ein ihm aus der Kreisstadt entgegen kommendes Auto gerammt, das dann wiederum mit einem weiteren Fahrzeug zusammenstieß. Der Sachschaden betrug 77.000 Euro. Alle drei Insassen der beteiligten Autos erlitten wie der Unglücksfahrer selbst Verletzungen:  Stauchungen, Prellungen, Halswirbel-Schleudertrauma und Hämatome, alles aber nicht lebensbedrohlich.

"Kampf mit der Sicht"

Der Unfallverursacher hatte sich wegen Verkehrsgefährdung zu verantworten. „Das tut mir wahnsinnig leid, dass jemand zu Schaden gekommen ist“, sagte der Angeklagte. Im Nachhinein hätte er sich dafür ohrfeigen können. Das Ganze sei ein „Kampf mit der Sicht“ gewesen. „Berg runter, Berg rauf, da hat's dann geknallt.“ Seit dem Tag habe er es vermieden, diese Strecke wieder zu befahren.

„Wir kamen aus Osterholz-Scharmbeck und wollten nach Schwanewede“, sagte als Zeugin eine der Unfallbeteiligten, eine 67-jährige Neuenkirchenerin, aus. Sie hatte das Geschehen mit ihrem Mann als Beifahrer erlebt. „Der kommt direkt auf mich zu. Der ist in meiner Spur. Was mache ich jetzt?“, habe sie noch gerufen. „Und dann hat's geknallt. Wir haben uns gedreht. Dann knallte es noch einmal, und die Airbags gingen auf“, erinnerte sich die Zeugin.

Strafrichterin Johanna Kopischke fragte die Neuenkirchenerin nach der Geschwindigkeit und dem Verkehrsaufkommen. Das Tempo habe um die 70 Stundenkilometer betragen, viel los gewesen sei nicht, lauteten die Antworten. Befragt nach ihren Verletzungen, sagte die 67-Jährige aus, dass ihre Schwellungen, Prellungen und Hämatome im Krankenhaus ambulant behandelt worden seien. Die weitere Behandlung  habe der Hausarzt übernommen. „Nach drei Wochen war alles ausgeheilt, und ich war wieder in meiner Spur.“

Außerdem fragte die Richterin nach der Schadensregulierung. Das sei ein Totalschaden gewesen, so die Zeugin. Die Versicherung habe 38.000 Euro erstattet plus 500 beziehungsweise 250 Euro Schmerzensgeld. „Das ist alles ausgeglichen worden, bestätigte der 73-jährige Ehemann und Beifahrer der Neuenkirchenerin, der ebenfalls als Zeuge geladen war. Darüber hinaus wusste er noch von Details "wie einem davonfliegenden Spiegel".

Eine 31-jährige Buschhauserin, ebenfalls aus Richtung Schwanewede kommend, hatte wie die neben ihr gesessene Freundin den Unfall beobachtet. "Der fährt so komisch", habe sie gedacht, sagte die 31-Jährige als Zeugin aus. Deshalb habe sie Abstand gehalten, „bevor es scheppert“. „Die Sicht war schlecht. Wir waren in der Senke. Da hat's gescheppert.“ Von vorne sei ihnen ein helles Auto entgegengekommen. Beobachtet habe sie auch, dass der unfallverursachende Fahrer nicht vollständig, aber immerhin bis zur Mitte auf die Gegenfahrbahn gekommen sei. Ihr Eindruck sei gewesen, dass der Stader versucht habe, einen vor ihm fahrenden Lastwagen zu überholen.

Schmerzensgeld

Neben der Freundin als Zeugin und einem weiteren Zeugen hörte das Gericht auch den 55-jährigen Fahrer jenes Fahrzeugs an, das ebenfalls beschädigt worden war. Er befand sich auf dem Weg nach Osterholz-Scharmbeck, als die Neuenkirchener mit ihrem Auto in sein Gefährt krachten. Auch hier gab es nach seiner Aussage einen Totalschaden von 30.000 Euro, der erstattet worden ist. Dazu habe es noch ein "kleines Schmerzensgeld" gegeben.

Der Angeklagte habe sich wegen der schlechten Sicht auf der Gegenfahrbahn befunden, so die Auffassung der Staatsanwältin. Zu seinen Gunsten spreche, dass es noch keine Eintragungen im Bundeszentralregister gebe. „Auch hat er Reue gezeigt.“ Aber Menschen seien körperlich verletzt worden. Die Staatsanwältin beantragte eine Geldstrafe von 45 Tagessätzen zu 35 Euro, in Summe 1575 Euro.

Verteidiger Axel Schild machte geltend, dass sich sein Mandant „nicht grob fahrlässig und rücksichtslos“ verhalten habe. „Er ist versehentlich in den Gegenverkehr gekommen.“ Für ihn komme nur eine fahrlässige Körperverletzung in Betracht. Schild beantragte eine Geldstrafe von 25 Tagessätzen zu 30 Euro (insgesamt 750 Euro).

Richterin: Kein Überholmanöver

 Strafrichterin Kopischke verurteilte den Stader wegen fahrlässiger Körperverletzung zu einer Geldstrafe von 40 Tagessätzen zu 30 Euro, 1200 Euro. In ihrer Urteilsbegründung machte sie deutlich, dass sie nicht von einem Überholmanöver ausging, sondern von einem unabsichtlichen Abweichen von der eigenen Fahrbahn. „Sie hätten ranfahren müssen“, hielt ihm die Richterin vor Augen. Er habe aber inkauf genommen, andere Menschen zu verletzen. Wobei er da noch Glück im Unglück gehabt habe.

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