Autor Arno Camenisch Das Unterwegssein verändert den Blick

Arno Camenisch liest am Donnerstag, 18. August, in der Buchhandlung Die Schatulle in Osterholz-Scharmbeck aus seinem Buch "Die Welt". Vorab verrät er, warum Reisen für ihn "eine einsame Sache" sein kann.
16.08.2022, 11:00
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Von Michael Schön

Ihre bisherigen Bücher haben sich immer mit ihrer Heimat Graubünden beschäftigt. Mit dem neuen Buch „Die Welt“ lassen Sie Ihre Leser plötzlich raus aus der Enge der Schweizer Berge. Es liegt der Gedanke nahe, dass Sie das Fernweh gepackt hat, als Sie wegen Corona nicht fliegen durften.

Arno Camenisch: Nachdem wir während zwei Jahren eingeschränkt waren, kommt alles wieder in Bewegung, es ist die Zeit des Aufbruchs und fürs Neue, alles fühlt sich anders an, und das erinnert mich an die Zeit, als ich in meinen Zwanzigern war, aus allem ausbrach und über die Kontinente zog. Für viele Leute ist diese Zeit, wenn sie in ihren Zwanzigern sind, eine sehr prägende und lebendige Zeit im Leben. Man hat zwar nicht viel, ist aber hungrig. Im Roman "Die Welt" bespiele ich diese Zeit, und dabei interessiert mich stets der große Bogen, deshalb setze ich meine Erfahrungen in Kontext zu den großen Entwicklungen jener Zeit. Die Nullerjahre, in denen der Roman spielt, waren geprägt von Veränderungen.

Nach Veränderungen strebt auch der Ich-Erzähler, wohl nicht von ungefähr gut halb so alt, wie Sie es jetzt sind. Das Reisen scheint ihm dafür das rechte Mittel. Er nimmt ein Flugzeug, das ihn nach Hongkong bringt. Die Veränderung ist da, aber nach wiederholten Aufbrüchen und Ankünften dämmert dem Globetrotter, dass „Reisen eine einsame Sache ist“.  Warum?

„Die Welt“ ist natürlich ein autobiografischer Roman. Ich war in meinen Zwanzigern fünf Jahre im Ausland, während insgesamt zwei Jahren war ich auf Reisen, zuerst ein ganzes Jahr, dann ein paar Monate und noch einmal einige Monate, bevor ich dann für drei Jahre nach Madrid zog. Und da ich stets allein unterwegs war, gab es in dieser Zeit viele Momente, die einsam waren.

Das Reisen hat Sie nicht davor bewahrt, in eine bürgerliche Existenz hinüberzugleiten. Hat es Ihrem Leben dennoch eine neue Richtung gegeben?  Wären Sie ohne diese Erfahrungen ein anderer Mensch oder wenigstens ein anderer Schriftsteller?

Natürlich wäre ich ein anderer, wenn ich die Zeiten auf Reisen nicht erlebt hätte. Das Unterwegssein verändert den Blick auf die Welt, man sieht das Leben anders – alles ist danach anders. Was mich am meisten interessiert, ist die Frage, was das Reisen mit uns macht. Das „Wo“ ist nicht so entscheidend, es geht vielmehr darum, welche Entwicklung man durch die Reisen macht. Was hat dem Leben einen neuen Dreh gegeben, was waren die Schlüsselmomente? „Die Welt“ ist ein Roman über den Aufbruch in ein neues Leben.

Wie denken Sie heute über das Reisen, das damalige und das heutige? 

John Lennon sagte mal den schönen Satz, „The more I see, the less I know for sure“. Das Reisen hebelt die eigene Weltansicht aus – das ist das Schöne am Reisen. Natürlich, das Reisen in den Nullerjahren war ein anderes, da gab es noch kein Social Media und auch keine Smartphones, es war ein anderer Groove. Wenn man weg war, war man weg. Und das war für mich wichtig, ich wollte Distanz. Der Roman spielt in den Nullerjahren, das ist eine unheimlich spannende Zeit, wir waren auf der Schwelle zum digitalen Zeitalter, und durch den Jahrhundertsommer 2003, der brutal heiß und trocken war, rückte der Klimawandel ins Zentrum. Der Wandel, die Veränderung, das sind Schlüsselthemen in meinen Büchern. Ich setze meine Bücher stets in Kontext zu den Veränderungen der Zeit.

In Tavanasa sind Sie zweisprachig aufgewachsen, Deutsch und Rätoromanisch. Sie haben auch in beiden Sprachen geschrieben. Ihren viel gerühmten Sprachstil verdanken Sie dem melodischen Rätoromanisch?

Ich schreibe nur auf Deutsch, den letzten Text auf Romanisch habe ich vor beinahe zehn Jahren geschrieben. Deutsch ist meine Literatursprache. Und ja, ich bin zweisprachig aufgewachsen, was ein Geschenk ist. Ich liebe beide Sprachen, so wie ich Sprachen überhaupt liebe, ob jetzt Spanisch oder Französisch oder Italienisch oder Englisch. Und wenn ich an eine Sprache denke, höre ich stets eine Melodie.

Ihre Lesungen sind inzwischen Kult. Sie gelten als Spoken-Word-Künstler. Bereitet Ihnen der Auftritt vor einem Publikum ebenso viel Vergnügen wie die meiste einsame Tätigkeit des Schreibens?

Die Bühne ist ein schöner Ort, den ich sehr liebe. Auf der Bühne geht es um Energie und Präsenz, da ist man komplett im Moment, und auf der Bühne geht es immer auch um die Musikalität der Sprache, um Rhythmus und um Hingabe. Auf der Bühne wie beim Schreiben – es geht immer darum, sich komplett reinzugeben. Dann wird es groß!

Das Interview führte Michael Schön.

Zur Person

Arno Camenisch (44)

wurde im Dorf Tavanasa im Kanton Graubünden geboren, studierte Literarisches Schreiben am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel, wo er auch lebt. Sein erster Roman "Sez Ner" erschien 2009 auf Deutsch und Rätoromanisch. Es folgten zwölf weitere Bücher. Mit "Goldene Jahre" stand er auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2020. Für seinen  Roman "Der Schatten über dem Dorf" wurde er 2021 mit dem Berner Literaturpreis ausgezeichnet.  

Zur Sache

Arno Camenisch zu Gast in Osterholz-Scharmbeck

Arno Camenisch ist am Donnerstag, 18. August, ab 20 Uhr in der Buchhandlung Die Schatulle, Bahnhofstraße 98 in Osterholz-Scharmbeck zu Gast, um aus seinem neuen Buch "Die Welt" zu lesen. Er handelt sich um einen autobiografischen Roman, in dem sich der Ich-Erzähler auf Reisen begibt, von der Liebe und der Neugier auf die Welt erzählt. Es ist auch eine Zeitreise. Camenisch bricht in den Nullerjahren, als er in seinen Zwanzigern war, nach Hongkong auf. Damals hielt es ihn nie lang an einem Ort. Er machte den Tag zur Nacht – mit Moby und den Rolling Stones als Soundtrack. Kunstvoll verwebt Arno Camenisch seine Reisen, Lieben und Lebensphasen – und erzählt vom Aufbrechen und Ankommen, von Neuanfängen und Schlussstrichen. Camenisch ist auch als Spoken-Word-Künstler auf den deutschsprachigen Bühnen unterwegs und genießt den Ruf, ein großartiger Performer zu sein. "Seine Lesungen sind Kult", urteilte der Hessische Rundfunk.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+