Heinrich Grün Zahlen im Kopf, Musik im Herzen

Heinrich Grün ist seit vier Jahren Vorsitzender des Freundeskreis Scharmbecker Kirchenmusik und engagiert sich auch in der Vortragsreihe Loccumer Kreis.
19.05.2022, 23:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Michael Schön

Osterholz-Scharmbeck. Als diplomierter Mathematiker weiß Heinrich Grün um die Bedeutung, die "harmonische" Zahlenverhältnisse in der Musik haben. Aber für den 72-Jährigen verbirgt sich hinter den Formeln und physikalischen Gesetzen eine emotionale Kraft, die sich der Berechenbarkeit entzieht. Kürzlich hat er in Bremen eine Aufführung des Deutschen Requiems von Johannes Brahms erleben dürfen. "Das geht wirklich zu Herzen." Grün erwähnt in diesem Zusammenhang wohl nicht ganz zufällig, dass ihm sein Lehrer für Deutsch und Musik bei der Aufnahmeprüfung fürs Gymnasium ins Stammbuch schrieb, dass "Musik Gottes Stimme ist". 

Die Liebe zur Musik hat ihn dazu gebracht, sich der Scharmbecker Kantorei anzuschließen, einem aus etwa 70 Sängerinnen und Sängern bestehenden Chor, der Gottesdienste begleitet, aber auch bei Aufführungen großer Werke musiziert, von Haydns Schöpfung über den Elias von Felix Mendelssohn Bartholdy bis hin zum  Weihnachtsoratorium von Camille Saint-Saens. Der Chor singt ehrenamtlich, aber das für Messen und andere umfangreiche Werke der geistlichen Literatur benötigte Orchester sowie die Solisten treten gegen Gage oder Aufwandsentschädigung auf. Auch hier hat die Musik also wieder mit Zahlen zu tun. "Bei zehn Musikern und vier Sängern sind da schnell einige Tausend Euro weg." Um diese Kosten zu decken, braucht es einen Freundeskreis, der sich ums Sponsoring kümmert. "Die öffentlichen Gelder sprudeln ja nicht mehr wie vor 30 Jahren noch. Geld drucken dürfen wir nicht, und Fundraising ist ja auch nicht jedermanns Sache."

Er nimmt wieder Klavierunterricht

Seit gut vier Jahren führt er den Verein Freundeskreis Scharmbecker Kirchenmusik. Mit ins Vorstandsamt eingebracht hat er die berufliche Erfahrung im Umgang mit Führungspersonal von Unternehmen, die er in Sachen betriebliche Altersvorsorge beraten hat. "Lerne klagen, ohne zu leiden", war eine in diesen gesellschaftlichen Sphären oft zitierte "Arbeitsanweisung". Grün leidet nicht, kann und will aber auch nicht klagen. 1980 hat er sich ein Haus in einer "Höhenlage" Scharmbeckstotels gekauft. Mit seiner Frau Jutta, die Gymnasiallehrerin war, hat er zwei in Köln lebende Söhne, und das berufliche Fortkommen erlaubte es ihm, bereits vor zehn Jahren in Pension zu gehen. Er nimmt jetzt wieder Klavierunterricht. "Ich bin wohl der älteste Schüler in der Kreismusikschule."

Mit dem Klavier hat er sich früher noch viel intensiver beschäftigt. Sonaten von Brahms und Schubert, sogar an Werken zu vier Händen hat er sich versucht. Auch hat er schon als Kind sehr gerne gesungen, wenn auch nicht im Chor. Man habe ihm bescheinigt, dass er ein sehr lautes Organ habe, berichtet Grün mit der bei ihm gut ausgeprägten Begabung zur Selbstironie. 

Von Bach inspiriert

Und doch war es so eine Art Erweckungserlebnis, als er während einer Dienstreise nach Berlin Anfang der 1980er-Jahre Bachs Weihnachtsoratorium hörte, mit den Sängern des Thomanerchors und den Instrumentalisten des Gewandhausorchesters. Da stand sein Entschluss fest: "Ich will so etwas ebenfalls probieren, in der Kantorei."

Wie die meisten Chöre ihrer Art haben auch die Scharmbecker Sängerinnen und Sänger Nachwuchsprobleme. Grün lässt daher keine Gelegenheit aus, Mitglieder zu werben. "Das Singen tut dem Körper gut und auch der Seele. Im Chor zu singen ist ein Hochgenuss", versichert er. Und betont, dass man keineswegs das richtige "Gebetbuch" mitbringen muss, um aufgenommen zu werden. 

Grüns besondere Affinität zur geistlichen Musik rührt offenbar daher, dass in seinem Elternhaus – er wuchs in einem Dorf nahe der hessischen Universitätsstadt Marburg auf – neben den Noten auch Religion und Kirche eine bedeutende Rolle spielten. "Mein Vater war Schreinermeister, und wenn Leute eingesargt wurden, gehörte die Kirche immer dazu."

Neben der Musik, die für den rüstigen Ruheständler ein Jungbrunnen ist, bleibt wenig Zeit für andere Hobbys. Er nennt noch den weitläufigen Garten als wichtiges Betätigungsfeld, da der neue Mähroboter nicht sonderlich vielseitig einsetzbar ist. Grün verrät noch, dass er Fahrradfahren nicht mag, seit er als Jugendlicher beim Zeitungsaustragen mit dieser Art der Fortbewegung steile Passagen in hessischen Hügeln bewältigen musste. 

Wanderung über die Alpen

Daher hat er auch auf technische Hilfsmittel verzichtet, als er sein Lieblingsprojekt für die Zeit nach der Pensionierung, eine Überquerung der Alpen, in Angriff nahm. Auf Schusters Rappen meisterte er die  5700 Bergauf-Höhenmeter zwischen Oberstdorf und Meran. "Am dritten Tag ging es 1800 Meter bergab, und während ich dachte, das Schlimmste läge hinter mir, ging es am nächsten Morgen wieder die Berge hinauf." Die Erinnerung an die strapaziöse Tour möchte er aber nicht missen. Dabei hilft ihm ein Foto, "das  mich an einem Dorfbrunnen zeigt, an dem ich mit ziemlich leeren Blick verweile". 

Lieber und wichtiger als solche Extratouren ist ihm die Beschäftigung mit Musik, mit dem Freundeskreis Scharmbecker Kirchenmusik und mit einem anderen Freundeskreis, dem Loccumer Kreis, gegründet als Freundeskreis der Evangelischen Akademie Loccum. Was die evangelischen Kirchentage und evangelischen Akademien – allen voran die in Tutzing, Bad Boll und Loccum – im Großen tun, den Dialog zwischen Glauben und Denken zu pflegen, geschieht im Loccumer Kreis im Kleinen,  auch mit der Kirche selbst. Seit 40 Jahren ist deshalb auch der Loccumer Kreis schwer zu denken ohne den Mann aus Scharmbeckstotel, der ihm die "Stimme" gibt, indem er die Öffentlichkeitsarbeit betreibt. Im Loccumer Kreis werden Vorträge zu den verschiedensten Fachgebieten von renommierten Experten gehalten.

Zur Sache

"Selbsthilfegruppe" feiert Jubiläum ohne Fest

Der Freundeskreis Scharmbecker Kirchenmusik beging 2021 sein 25-Jahre-Jubiläum, das er aber wegen der Pandemie nicht feierte. Dafür hielt der Gründungsvorsitzende Eckhard Gering auf der Hauptversammlung im März eine Festansprache, in der er auch auf die Anfangsjahre des Vereins zurückblickte und dessen Selbstverständnis thematisierte. Die Konzertreihe Scharmbecker Kirchenmusik war schon seit 1971 von Fokko Schipper organisiert worden. Mitte der 1990er-Jahre, so Gering, habe sich aber abgezeichnet, dass  die Zuschüsse aus der Kirche deutlich abnehmen würden. „Zugleich gab es eine Erwartung an Qualität und Anspruch der musikalischen Werke, die unmittelbar steigende Kosten nach sich zog. Also die Idee - wir suchen nach einer neuen finanziellen dauerhaften Basis. Das haben wir nicht erfunden, aber in der Selbstverständlichkeit, in der heute von Fundraising gesprochen wird, war das damals nicht präsent. Wir waren schon vorn mit dabei.“

34 Gründungsmitglieder waren im Januar 1996 dabei. Letztlich sei der Freundeskreis auch eine Selbsthilfegruppe gewesen, erklärt Gering. „Wir wollen gute Kirchenmusik, bei der wir selbst mitmachen.“ Als Vorsitzender im Kirchenvorstand sei er „ohne Ahnung in der Sache“ ins Führungsamt des Freundeskreises gekommen, was man aber jahrelang habe verdecken können, denn dem Freundeskreis sei es gut gegangen. Die Mitgliederzahl verdoppelte sich gleich im ersten Jahr. Das ging dann zwar nicht so weiter, aber das erreichte Niveau blieb, und es erfüllte seinen Zweck. „Aufregend war noch unser halbjähriger Kampf mit dem Finanzamt, das uns wohl die gemeinnützige Förderung der Musik abnahm, aber uns partout nicht als kirchlich einstufen wollte. Aber damals - schon mit der Unterstützung unseres späteren Vorsitzenden Holger Kandt - haben wir das mit guten Argumenten durchsetzen können. So konnte es danach wieder um Kirchen-Musik gehen.“ 2003 wurde das 250. Konzert der Scharmbecker Kirchenmusik gegeben, Mozarts Krönungsmesse, das zugleich das Abschiedskonzert von Fokko Schipper war.

Kirchenmusik ist eine Säule der Gemeindearbeit. Das zeigt der Blick auf die Vielfalt der Chöre - Kinder- und Jugendchor, Posaunenchor, Kantorei, Seniorenchor, Kammerchor - dazu kommt die Bandarbeit und natürlich die ganze Breite der Konzerte, und nicht zuletzt die Pflege und Nutzung der Orgeln, vor allem natürlich der Bielfeldt-Orgel.

In der erwähnten Jahreshauptversammlung wurde Heinrich Grün im Amt des Vorsitzenden bestätigt. Als neuer Kassenwart wurde der bisherige Schriftführer Harald Schiff gewählt. Dessen Amt übernahm Dagmar Meineke. Als Kassenprüfer wurden Astrid Maack und Ulrich Marahrens gewählt.

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