Gut Sandbeck Open Air Hohes Niveau mit starkem Regionalbezug

Ein Star wollte Andreas Kümmert nie werden, er wollte einfach nur seine Musik Machen. Beim siebten Gut Sandbeck Open Air ging dann aber doch beides zusammen. Und mit seiner Attitüde passte er bestens dort hin.
07.08.2022, 19:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Christian Pfeiff

Osterholz-Scharmbeck. Nach zweijähriger Zwangspause konnte das siebte Gut Sandbeck Open Air (GSOA) nahtlos an alte Zeiten anknüpfen: Elf überwiegend regionale Bands begeisterten mit Blues, Rock und Soul Hunderte Zuschauer auf dem historischen Gut. Zum Auftritt der Hauptband The Ron Lemons um Sänger und Gitarrist Andreas Kümmert zeigte sich das Gelände so gut gefüllt wie selten zuvor.

Dabei wirkten die Festivalmacher in den Wochen zuvor durch zahlreiche regionale Parallelveranstaltungen und zunächst schleppenden Vorverkauf etwas angespannt und intensivierten nochmals deutlich ihre bisherigen Werbemaßnahmen. Spätestens am Sonnabend zeigte sich indes, wie unbegründet diese Sorge war: „So voll war es noch nie auf dem Platz“, verkündete Mitorganisator und Gruuf-Bassist Frank Martin zum Auftritt der Ron Lemons.

Andreas Kümmert ragt heraus

Doch bereits am Freitag zeigte sich das Gut von mehr als 500 Besuchern bevölkert, die sich sichtlich an den Klängen überwiegend regionaler Künstler erfreuten. „Wir suchen zuerst nach passenden Headlinern und basteln das weitere Programm um deren stilistische Ausrichtung herum“, erklärt der Initiator und erste Vorsitzende des Trägervereins Georg Mikschl. „Natürlich müssen die Bands gut sein und zudem den karitativen Geist des Festivals mittragen wollen“, benennt er weitere Auswahlkriterien. Zudem hat sich das Gut Sandbeck Open Air seit der Auftaktveranstaltung die Förderungen des lokalen Musikernachwuchses auf die Fahnen geschrieben.

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Lokale Bands wie die eröffnenden Stompin' Roots, die als kurzfristiger Ersatz für die krankheitsbedingt ausgefallenen Must B Blues ihre leidenschaftliche Melange aus Blues, Rock und Rockabilly-Anleihen präsentierten, zeigten, dass man auch in hiesigen Gefilden keineswegs vergeblich nach guten und mitreißenden Bands und Künstlern suchen muss. Gleiches galt für die mit einem knackigen Set aufwartenden reformierten Hardrocker Lake Placid; die stilsichere Ramblin' Blues Band um den umtriebigen Bremer Gitarristen Hanno Bonßdorf, die Schwermetaller Mainstreet Powerrock, die Freitags-Headliner Double-O-Soul und nicht zuletzt die ausrichtenden Lokalmatadoren Gruuf. Aber auch auswärtige Bands wie Burning Fuse aus Schleswig-Holstein mit testosteronschwangerem „Kickass-Rock“ und die in Bigband-Besetzung agierenden Hannoveraner Tiefblau mit deutschsprachigem Soul und Pop konnten ebenfalls eindrucksvolle Duftmarken setzen.

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Der mit Spannung erwartete Hauptact Andreas Kümmert zeigte sich nicht nur wie erwartet als großartiger Sänger mit einem Stimmumfang über mehrere Oktaven, sondern als mindestens ebenso veritabler Bluesgitarrist – und verdeutlichte wortlos, warum er sich einer Popstarkarriere mehr oder minder verweigerte und seine Musik stattdessen lieber mit seiner langjährigen Band The Ron Lemons in kleinerem Rahmen zu Gehör bringt. Neben unbestreitbaren herausragenden Können ist auch die Leidenschaft der Musiker für ihr Tun quasi sekündlich spürbar, zudem verweigert sich der Bandleader kategorisch großartigem Aufhebens um seine Person, sondern glänzt zudem mit Understatement: „Da hinten gibt es Alkohol, mit jedem Schluck den ihr davon trinkt machen wir mehr Spaß“, lautet Kümmerts selbstironische Aufforderung an die Zuhörer. Nötig ist diese nicht: Auch ohne berauschende Substanzen sorgen die Ron Lemons gleich hundertfach für staunend herunterklappende Kiefer und begeistert applaudierendes Publikum.

Festival für den guten Zweck

So ist das Gut Sandbeck Open Air neben seinem karitativen Förderanliegen auch zu einem wichtigem Forum für die regionale Musikszene avanciert und bietet zudem auch überregionalen Newcomern eine Präsentationsmöglichkeit. Schließlich findet sich mit Ausnahme von Andreas Kümmert kein einziger aus Funk und Fernsehen bekannter Name auf den Plakaten und Flyern.

Dennoch herrschte auf dem historischen Gutsgelände zwischen den zwei abwechselnd bespielten Bühnen bei bestem Festivalwetter durchgehend gute bis sehr gute Stimmung; qualitative Ausfälle gab es nicht zu beklagen und auch der Sound stimmte durchgehend. Die auf den Bühnen präsentierte Leidenschaft ist zudem auch dem rund vierzigköpfigen Veranstaltungsteam anzumerken, das gewohnt beherzt und souverän für reibungslose Abläufe auf und abseits der Bühnen sorgt.

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Falls tatsächlich mal eine Band subjektiv nicht gefiel, nutzen die Besucher die Zeit um mit Bekannten zu parlieren oder mit dem „Sandbecker Rock“ eine exklusiv auf dem Festival erhältliche Bierspezialität zu probieren.

Eigene Festivaltraditionen wie die sonnabendliche Harley-Parade mit dutzenden schweren Maschinen der Mitglieder dreier Motorradgruppen aus Osterholz-Scharmbeck und Bremen-Nord sowie die Versteigerung einer von allen auftretenden Künstlern signierten Festivalgitarre werden auch weiterhin gepflegt; letztere spült auch Dank eines Zuschusses der Sparkasse zusätzliche 620 Euro in die Kasse der „Musikalischen Nachwuchsförderung OHZ“.

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