Prozess wegen Marihuanaanbau Berauschende Gärtnerei in Osterholz-Scharmbeck

Der Betreiber einer ehemaligen Marihuana-Plantage in Osterholz-Scharmbeck ist flüchtig. Seiner Komplizin, die jetzt vor Gericht stand, war der Handel mit Drogen nicht nachweisbar. Verurteilt wurde sie dennoch.
29.07.2022, 16:44
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Von Angelika Siepmann

Osterholz-Scharmbeck/Verden. Das Marihuana war hausgemacht. Was mit wenigen Pflänzchen begann, wuchs sich bald zu einer stattlichen, fast professionell geführten Produktionsanlage aus. Der Drogenanbau florierte, die Geschäfte vermutlich auch. Dass die Frau, die in ihrem Wohnhaus in Osterholz-Scharmbeck Räume für den gedeihlichen Zuchtbetrieb zur Verfügung stellte und durchaus mit Hand anlegte, auch am Handel mit den Ernteerträgen beteiligt war, konnte ihr das Landgericht Verden nun nicht nachweisen. Und ihren Ex-Partner, den Initiator und Chefgärtner der im Februar 2019 aufgeflogenen Indoor-Plantage, hat es nicht zu fassen bekommen.

Der Mann, der eigentlich neben der heute 43-Jährigen auf der Anklagebank sitzen sollte, ist auf und davon. Er hat nicht nur der Frau längst den Rücken gekehrt, sondern sich auch der Justiz entzogen. Sein Nichterscheinen zur Hauptverhandlung war für die 4. große Strafkammer keine Überraschung. Seit rund einem Jahr wird nach dem 53-Jährigen aus Nordhausen per Haftbefehl gesucht. Im März 2020 war er vom Landgericht Bremen wegen bewaffneten Handels mit Betäubungsmitteln (BTM) und dem Besitz verbotener Schusswaffen und Munition zu fast sechs Jahren Haft verurteilt worden.

Partner als treibende Kraft

Gleichzeitig wurden die Unterbringung in einer Entziehungsanstalt sowie der „Vorwegvollzug“ von zehn Monaten angeordnet. Die Ladung zum Strafantritt ignorierte der zuletzt in Ingolstadt gemeldete Mann. Versuche, ihm auf die Spur kommen, scheiterten. Umfangreiche Fahndungsmaßnahmen seien ohne Erfolg geblieben, hieß es zum Prozessauftakt. So ging es denn in dem laut der Kammer „ungewöhnlichen“ Verfahren vornehmlich darum, in welchem Maße die Frau in das Anfang 2017 in Gang gebrachte Marihuana-Unternehmen involviert war.

Das Gericht nahm der weitgehend geständigen, nicht vorbestraften Frau ab, dass der einstige Partner von Beginn an die treibende Kraft bei der Rauschmittelproduktion war, sowohl die Idee dazu hatte als auch das Know-how einbrachte. An der Anschaffung notwendiger Utensilien an einschlägiger Adresse beteiligt gewesen zu sein, räumte die damalige Drogenkonsumentin ebenso ein wie fleißige Mithilfe bei der Abernte der immer zahlreicheren und üppiger liefernden Pflanzen. Sie will aber nicht am Verkauf mitgewirkt haben, sondern sich lediglich zwecks Eigenbedarfs bedient und mal was an Freunde gegeben haben. Mit allem anderen habe sie nichts zu tun gehabt.

Letztlich kam die Kammer zu dem Ergebnis, dass die 43-Jährige zwar nicht, wie angeklagt, wegen BTM-Handels zu verurteilen sei; Hinweise auf diesbezügliche Tätigkeit hätten sich nicht ergeben. Straffrei kam die Angeklagte aber keineswegs davon. Sie erhielt wegen vier Fällen des unerlaubten Besitzes von Betäubungsmitteln in nicht geringer Menge eine Gesamtstrafe von einem Jahr und zehn Monaten, ausgesetzt zur Bewährung.

Reiche Ernte

Die Mengen waren für die Strafzumessung ausschlaggebend. Nach den Ermittlungen im Zuge von Hausdurchsuchungen stand in den ersten beiden Fällen jeweils ein Ertrag von 1500 Gramm zu Buche; Wirkstoffgehalt an THC (Tetrahydrocannabinol) etwa zehn Prozent. Zwischen Herbst 2018 und Mitte 2019 wurden weitere 3000 Gramm (13,4 Prozent THC) geerntet, und entdeckte Pflanzen, die sich noch im Blütenstand befanden, hätten gut 1000 Kilogramm (6,6 Prozent) erbracht.

Anders als die psychiatrische Sachverständige mochte das Gericht keine erheblich verminderte Schuldfähigkeit der Angeklagten zugrunde legen. Ihr Drogenkonsum könnte eine „gewisse Mitursächlichkeit“ gehabt haben, in der Gesamtbetrachtung sei aber nicht von minderschweren Fällen auszugehen. Sie habe den Marihuana-Anbau nicht nur geduldet, sondern auch „aktiv mitgestaltet“. Die Frau hat inzwischen den Drogen abgeschworen, macht eine Therapie und hat den beruflichen Wiedereinstieg geschafft. Wegen rechtsstaatlicher Verfahrensverzögerung gelten drei Monate der verhängten Haftstrafe als bereits vollstreckt.

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