Steuerberater Edgar Söder "Elster ist für die meisten nichts anderes als eine Vogelart"

Edgar Söder ist seit einem halben Jahrhundert Steuerberater. Als erfahrener Praktiker übt der 78-Jährige Kritik an dem Verfahren, mit dem die Grundsteuer-Erklärungen für die geplante Reform eingeholt werden.
23.01.2023, 19:18
Lesedauer: 3 Min
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Von Michael Schön

Osterholz-Scharmbeck. Als Edgar Söder seine Kanzlei in Osterholz-Scharmbeck eröffnete, wurde für die Buchführung noch das Amerikanische Journal bemüht, die Bilanz mit der Schreibmaschine getippt, und der elektronische Taschenrechner hatte den Rechenschieber noch nicht vom Markt verdrängt. "Die technische Entwicklung ist schon rasant gewesen", sagt Söder, der sich einen solchen Blick zurück in diesen Tagen aus gutem Grund gönnt: Vor ziemlich genau 50 Jahren, am 26. Januar 1973, legte der heute 78-Jährige seine Prüfung zum Steuerbevollmächtigten ab. Ein Grund zum Feiern, aber kein Grund zum Aufhören für Söder. Der Mandant ist für ihn König. "Mit einigen Selbstständigen arbeite ich schon seit Jahrzehnten zusammen, mit Familienbetrieben in dritter Generation." Denen fühlt er sich in besonderer Weise verpflichtet, zumal der Markt ein "schwieriger" und ein Steuerberater nicht leicht zu finden sei.

Söder hat als Berufsanfänger noch viel Hand- und Kopfarbeit leisten müssen. Geändert haben sich auch die Formen des Umgangs miteinander. "Der Kontakt zu den Mandanten war damals viel intensiver." Persönlicher, vertrauter. Söder erinnert sich in diesem Zusammenhang an Mandanten von der Bäckerei Bartsch, dem Fotogeschäft Krohn und der Drogerie Blank. "Alles Namen, die heute schon fast vergessen sind."

Vor der Beratung zum Friseur

Mitunter gingen die Mandantinnen noch zum Friseur, bevor der Steuerberater ihnen seine Aufwartung machte. "Bei Kaffee und Kuchen wurde noch über dieses und jenes aus dem vergangenen Jahr geplaudert, ehe man sich den Steuerunterlagen zuwandte. Und hinterher haben wir noch 'ne Zigarette geraucht."

Heute geht es in der Regel nüchterner zu. Seltener geworden ist auch, dass jemand mit den Belegen im Schuhkarton kommt. Von Söders Mandanten sind die meisten gut organisiert und haben alles Notwendige dabei, wenn sie zur Beratung kommen. "Es wird inzwischen aber fast alles digital verarbeitet, gespeichert und übermittelt. Die Daten von der Bank sind per Knopfdruck abrufbar." Was viel Zeit einspart. Doch der Seniorchef ist nicht sicher, ob es Fortschritte gibt, die nicht von der Bürokratie aufgefressen werden. "Die entwickelt sich ja immer weiter. Durch Corona ist noch erschreckend viel dazugekommen. Das ist irgendwann nicht mehr zu vermitteln."

Auch das Thema Grundsteuer-Erklärung stimmt Söder verdrießlich. "Elster ist doch für die meisten Menschen nichts anderes als eine Vogelart. Was der Staat da von einem normalen Steuerbürger verlangt, ist ziemlich heftig, schon die Anmeldung für Laien kaum machbar."

Dass die Aktion so schleppend verläuft, auch nach der Verlängerung der Abgabefrist bis zum 31. Januar, verwundert den Fachmann nicht. "Die Erläuterungen sind wohl eher für Finanzbeamte verständlich. Digitalisierung ist zwar grundsätzlich gut, aber dann muss sie auch zwischen den staatlichen Einrichtungen funktionieren." 

Start in der Kirchenstraße

Söders Kanzlei zog 1975 von der Kirchenstraße an die Mühlenkampstraße um. Mit Andreas Mahler, der einer seiner insgesamt acht Auszubildenden war, hat er 2006 die Söder & Mahler Steuerberatungsgesellschaft gegründet. Inzwischen ist die ebenfalls Geschichte. Söder und Mahler firmieren nach einem weiteren Zusammenschluss, 2019, mit Partnern aus Basdahl und Bremervörde, unter dem etwas sperrig geratenen Namen MSP Steuerberatungsgesellschaft PartG mbB Basdahl/Bremervörde.

Die Seiten gewechselt

Söder wollte als Kind und Jugendlicher noch Chemiker werden. Dann entschied sich der Sohn eines Finanzbeamten für eine Berufsausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann, die er in einer kleinen Bremer Exportfirma absolvierte. Dort kam er erstmals mit dem Finanzamt in Kontakt, musste Zolldokumente und Verschiffungsunterlagen überbringen. Zum Finanzamt Syke gewechselt, wo auch sein Vater beschäftigt war, wurde Söder bewusst, was es mit Buchhaltung im Kontext mit Steuern auf sich hatte. Kurz nach Abschluss der Ausbildung habe er dann die Seiten gewechselt und sich der Kanzlei eines Steuerbevollmächtigten in Osterholz-Scharmbeck angeschlossen. Der Grund für den Verzicht auf den Beamtenstatus: Er sollte einen Posten bekommen, auf dem er sich mit Kraftfahrzeugsteuern auseinanderzusetzen hatte, was ihm nicht sonderlich behagte. Und sein Wunsch nach einer Befristung dieser Aufgabe wurde nicht erfüllt. 

Söders Frau Rosemarie arbeitet neben den beiden Partnern und vier Mitarbeiterinnen ebenfalls in der Mühlenkampstraße. Das seit 1969 verheiratete Paar hat zwei Töchter, von denen eine in England lebt und die andere ebenfalls Steuerberaterin ist. Söder war leidenschaftlicher Angler und Golfspieler. Er hätte auch gerne mehr Zeit für Frau, Kinder und Enkel. Trotzdem möchte er seine "Altersteilzeit" nicht missen, "solange ich noch fit bin".

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