Folgen der Geflügelpest Die Seuche im Stall

Rainer Puckhaber musste erleben, wie ein Teil seiner Gänse wegen der Geflügelpest vom Amt getötet wurde. Reinhard Bartolles sieht den Stress, den seine Hähne im Stall haben. Beide sehen die Maßnahmen kritisch.
16.02.2022, 08:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Luise Bär

Landkreis Osterholz/Cuxhaven. Vor gut drei Monaten musste alles Geflügel in der Region in den Stall. Die Geflügelpest war zurück, falls sie überhaupt fort gewesen war, was das Friedrich Löffler Institut infrage stellt. Dass die Aufstallungspflicht für die Tiere Stress bedeutet, räumt die Osterholzer Kreisverwaltung ein. Das sei aber nachrangig im Vergleich dazu, dass die Stallpflicht das Risiko der Tiere verringere, an der Geflügelpest zu erkranken. "Die Geflügelpest ist eine tödliche Erkrankung, die mit viel Tierleid und Tötungsaktionen für den gesamten Bestand verbunden ist", so Jörn Stelljes, Pressesprecher beim Landkreis Osterholz.

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Und ein Ende der Stallpflicht ist noch nicht in Sicht, meint auch das Cuxhavener Veterinäramt. "Nach derzeitiger Risikobeurteilung ist der Eintrag des Virus aus der Wildtierpopulation in einen Hausgeflügelbestand weiterhin sehr hoch", so Amtsleiterin Isabell Tolmien-Burfeindt. Im Landkreis Cuxhaven sind 2435 Geflügelhaltungen von dieser Maßnahme betroffen. Im Landkreis Osterholz 1210 aktive Geflügelhalter inklusive 1162 Hühnerhalter. Einer ist Rainer Puckhaber. Ende 2021 war in seinem Gänsebestand in Beverstedt das Virus nachgewiesen worden.

Kein normales Jahr

In normalen Jahren gehe sein Gänsehof kurz vor Weihnachten in die Winterpause, erzählt er. Die letzten Partien der auf den ausgedehnten Ländereien frei laufenden Gänse würden dann abgeliefert, sollen als Frischware Festtagsbraten werden. Erst im März würden wieder die ersten Gössel auf dem Hof angeliefert. Aber 2021 war kein normales Jahr. Es endete mit viel Dramatik, die sie nicht so schnell vergessen würden und die für ihn die Gänsemast infrage stelle. 

Der Grund: das gefährliche Geflügelpest-Virus. Puckhaber: „Für die Gänse ist die Stallpflicht keine gute Haltungsform.“ Die Enge bedeute für die Tiere Stress. Sie würden weniger fressen, weniger an Gewicht zulegen. Für Halter wie ihn bedeute es wesentlich mehr Arbeit.

Dann brach auf einem Hähnchenmast-Betrieb in der Gemeinde Hagen die Seuche aus. Puckhabers Hof lag plötzlich im Zehn-Kilometer-Beobachtungsradius und konnten nur vorher beprobte Gänsepartien verkaufen. Alles lief glatt, bis auf die letzte Partie mit 800 schlachtreifen Gänsen, berichtet Rainer Puckhaber. Die Auswertung einer Tupferprobe fiel positiv aus. Das Virus war im Stall. „Dann ging alles holterdiepolter", erinnert sich seine Frau Andrea Puckhaber-Stöver. Es habe zwar weder Todesfälle noch andere Krankheitsanzeichen bei den Tieren gegeben, erzählen Beide. Aber das Veterinäramt ordnete die Tötung an.

Eine Spezialfirma kam mit Personal und mobilen Einrichtungen auf Lastwagen auf den Hof. Rainer Puckhaber und Tochter Mai-Britt blieben dabei, bis die letzten der 800 Gänse in dem Container mit dem tödlichen Gas verendet waren. "Das sind wir den Tieren schuldig; so lange sie in unserer Obhut sind, sollen sie ein gutes Leben haben." Rainer Puckhabers Tochter findet, dass die Gänse einen sinnlosen Tod gestorben seien, weil nichts von ihnen verwertet wurde, weder als Nahrungs- noch als Futtermittel.

Wunsch nach Impfung

„Wir bekommen die Vogelgrippe nur in den Griff, wenn wir unsere Bestände impfen“, ist Andrea Puckhaber-Stöver überzeugt. Sie hat erfahren, dass in Frankreich Versuche mit Impfstoffen angelaufen seien. Bis zur Zulassung könne es Jahre dauern, befürchtet ihr Mann. Schließlich müsse zunächst auf EU-Ebene das Impfverbot aufgehoben werden. Angesichts der Warnung vom Veterinäramt und vom Friedrich Löffler Institut, dass das Ausbruchsrisiko weiterhin hoch sei, blickt er sorgenvoll in die Zukunft. Ob er weiter Gänse mästen wird? "Da steht noch ein großes Fragezeichen hinter."

Wenige Kilometer entfernt in Sandstedt harren die Rassehühner und Pfauen von Reinhard Bartolles ebenfalls im Stall aus. Unter ihnen acht junge Hähne. Eigentlich sollten sie als Zuchthähne auf einer Ausstellung verkauft werden, aber die wurde wegen der Tierseuche abgesagt. Und weil der Hühnerhof von Reinhard Bartolles, genau wie der der Puckhabers im Beobachtungsradius des Hagener Ausbruchgeschehens lag, kam ein amtlich verordnetes Verbringungsverbot für Geflügel dazu. „Die eingesperrten Tiere leiden“, sieht Bartolles mit Züchterblick. Ihr Gefieder sei nicht so glänzend und ihre Kämme viel blasser.

„Wir halten die Aufstallpflicht generell für kontraproduktiv, da der Infektionsdruck für die Geflügelpest durch diese Maßnahme erhöht und nicht gemindert wird“, meint er. Bei artgerechter Haltung im Freilauf sei das Rassegeflügel keine Risikogruppe, die das Virus verbreite. Es lebe an einem begrenzten Standort und hätte eine hohe Immunität gegen Influenza-Viren entwickelt. Bei Stallhaltung werde ihr Immunsystem aber geschwächt, weil das für die Vitamin-D-Bildung erforderliche ultraviolette Sonnenlicht fehle, ist Bartolles überzeugt. Das Sozialverhalten der Tiere werde ebenfalls gestört, das könne zu Federpicken und Kannibalismus führen. Das schwäche die Hühner weiter.

„Aufstallung ist keine tierfreundliche und artgerechte Haltung“, sagt der Tierschutzbeauftragte des Landesverbandes Bremischer Rassegeflügelzüchter. Die Gleichsetzung von industrieller Geflügelproduktion und artgerechter Haltung sei bei den Vorschriften und Maßnahmen gegen die Krankheit nicht zielführend, betont er. Die bisherigen Bekämpfungsmaßnahmen seien kostenintensiv, dabei kaum effektiv. Er setze auf vitale Tiere und Herdenimmunität.

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